Wohnen

Hiobsbotschaft Mietkündigung – 20 Mieter verlieren ihre Basler Wohnung

Der Schriftsteller René Regenass verliert wie zwanzig andere Mieter sein Zuhause.

Der Schriftsteller René Regenass verliert wie zwanzig andere Mieter sein Zuhause.

Zwanzig Mieter verlieren ihre Wohnungen an der Jacob Burckhardt-Strasse, weil das Haus saniert werden soll. Einer dieser Mieter ist der Autor René Regenass, der eigentlich «hierbleiben wollte, bis mich das Zeitliche segnet».

Kürzlich flatterten den Mietern eines grossen Mehrfamilienhauses an der Jacob Burckhardt-Strasse eingeschriebene Briefe ins Haus. Darin: eine Hiobsbotschaft. Rund zwanzig Mietparteien müssen ihre Wohnungen verlassen. Der Eigentümer, die Anlagestiftung der Zürich-Versicherung, will das Haus total sanieren. Ein Teil der Mieter wehrt sich vor der Schlichtungsstelle. Der Mieterverband bezeichnet die Kündigungsgründe als «vorgeschoben».

Zu den gekündeten Bewohnern zählt der bekannte Basler Schriftsteller und Künstler René Regenass. Der 85-Jährige lebt seit 23 Jahren in dem Haus – zwei Drittel seiner Bücher hat er in der Wohnung geschrieben. «Es ist sehr traurig», sagt Regenass. «Und es war ein grosser Schock für mich. Aber das Leben ist halt unvorhersehbar.» Er weiss seit zwei Monaten von der Kündigung – gewehrt hat er sich nicht: «Man muss Vernunft walten lassen. Mein Sohn sagte mir, ich hätte sowieso juristisch keine Chance.» Er wäre gerne geblieben – das Haus sei aber wirklich alt und brauche eine Renovation. Jetzt sucht Regenass nach einer Alterswohnung. Etwas, was er vor der Kündigung nicht wollte: «Ich hatte davor eigentlich geplant, hierzubleiben, bis mich irgendwann das Zeitliche segnet», so der Schriftsteller. «Aber jetzt ist es halt so.»

Reparaturen auch ohne Kündigungen machbar

Acht Mieter des Hauses haben derweil laut Beat Leuthardt, Co-Geschäftsleiter des Basler Mieterverbandes, die Kündigungen vor der Schlichtungsstelle angefochten. «Bei einer Mieterversammlung haben wir gesehen, dass viele Bewohner das Haus nicht als renovationsbedürftig betrachten. Es braucht ein paar Reparaturen, aber die könnte man auch durchführen, ohne gleich jahrzehntelange Mieterinnen und Mieter auf die Strasse zu stellen.» Ein Brief an die Bewohner, welcher der bz vorliegt, macht klar, dass die Eigentümer mit der grossen Kelle anrühren wollen: Von einer «Gesamtsanierung» ist die Rede, vom Ersatz der Bodenbeläge, von Küchen- und Badrenovationen «inklusive Grundrissanpassungen». Das Haus gehört der Anlagestiftung der Zürich Versicherung – die mehr als 22 Milliarden Franken verwaltet.

Bisher waren die Mieten im Haus relativ tief – eine der Vierzimmerwohnungen koste laut Leuthardt 1665 Franken plus 300 Franken Nebenkosten-Akonto im Monat. Leuthardt macht geltend, die bei der Kündigung angegebenen Gründe seien vorgeschoben, um die Rendite zu steigern. Die Zürich-Versicherung betont auf Anfrage, sie plane keine Luxuswohnungen: «Die Wohnungen werden nach der Sanierung marktüblichen Mietzinsen im Quartier vermietet.» Das Haus sei 1981 gebaut worden – Sanierungen seien allgemein anerkannt nach rund 30 Jahren notwendig.

Der Immobiliengigant kündete den Mietern eigentlich per Ende September 2020. Die Bewohner erhielten aber ein Formular. Es würde ihnen die Wohnung bis zum Frühling 2022 sichern. Der Haken daran: Wer es unterzeichnete, konnte die Kündigung nicht mehr anfechten und musste sich verpflichten, keine rechtlichen Schritte gegen das Bauprojekt zu unternehmen.

Chancen vor Schlichtungsstelle wohl gering

Leuthardt sagt: « Wir versuchen, für die acht Mieter, die vor die Schlichtungsstelle ziehen, nun die Kündigung für missbräuchlich erklären zu lassen.» Die Chancen dafür stehen aber nicht gut, wie Leuthardt einräumt. Viel eher läuft es auf eine Fristerstreckung heraus, die bei Verhandlungen mit der Zürich-Versicherung oder vor Gericht erstritten werden könnte.

René Regenass hat die Kündigung akzeptiert. Er ist froh, kann er noch bis 2022 in der Wohnung bleiben: «Die Alterswohnungen haben lange Wartelisten.» Die letzten Werke, die er in der alten Wohnung schreibt, werden eine Reihe von Kurzgeschichten sein.

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