Spurensuche in Basel
Haben sich die Wünsche mit Corona verändert? Zu Besuch beim letzten Wunschbuch und dem Wunschbaum

Aufgrund der Corona-Pandemie gibt es in diesem Jahr in Basel kein Wunschbuch – zum ersten Mal seit es die Tradition überhaupt gibt. Am Wunschbaum auf dem Rümelinsplatz im Basel können aber trotzdem Wünsche notiert werden. Eine Tuchfühlung.

Aimee Baumgartner, Nora Bader
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Die bz hat einen Blick ins letzte Wunschbuch geworfen.
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Gelagert werden alle Wunschbücher seit 1993 im Basler Staatsarchiv.
Um die grossen Buchseiten umzublättern, braucht es Schwung.
Amélie träumte von einem Morgenstreich ohne Lichter. Daran, dass die Fasnacht nicht stattfinden wird, dachte zu diesem Zeitpunkt niemand.
Dieses Kind wünschte sich 2019 genug Essen für die Tiere im Wald.
Auch verschiedene Zeichnungen findet man im Wunschbuch.
Personen aus den verschiedensten Ländern haben sich im Basler Wunschbuch verewigt.

Die bz hat einen Blick ins letzte Wunschbuch geworfen.

Kenneth Nars

Das Wunschbuch im Rathaus-Innenhof gehört zur Basler Weihnacht wie der Weihnachtsmarkt oder der geschmückte Tannenbaum auf dem Marktplatz. Nur, wer dieses Jahr seinen Wunsch auf die grossen, weissen Seiten im schweren, schwarzen Einband aufschreiben wollte, konnte lange suchen. Es gebe erstmals seit 1993 kein Wunschbuch im Rathaus, wie der Basler Regierungssprecher Marco Greiner auf Anfrage bestätigt. Der Grund liegt auf der Hand: die Pandemie.

«Wir haben vereinzelte Rückmeldungen zum fehlenden Buch erhalten. Wenn wir erklären, dass wir dieses Jahr wegen Corona auf das Buch verzichten, stossen wir aber auf volles Verständnis», sagt Greiner. Immerhin für einen kleinen Ersatz sorgt derweil Basel Tourismus auf der Onlineplattform Instagram. Dort wurden in einem virtuellen Wunschbuch an jedem Adventssonntag die Hoffnungen der Menschen, die sich auf den Aufruf gemeldet haben, veröffentlicht.

«Wir haben vereinzelte Rückmeldungen zum fehlenden Buch erhalten.»

Das physische Wunschbuch gibt es bereits seit 27 Jahren. Es wurde von Gestalter Willi Paulussen ins Leben gerufen und anfangs von Sponsoren finanziert. 2009 wurde das Projekt vom Präsidialdepartement übernommen und damit auch die Finanzierung. Seit 2009 werden die Bücher im Basler Staatsarchiv aufbewahrt. Und dorthin verschlägt es uns auf der Suche nach den Wünschen der Menschen, die vor einem Jahr noch etwas anders ausgesehen haben dürften. Jedenfalls schliessen wir das aus Gesprächen mit Menschen in unserem Umfeld.

Auf Spurensuche im Staatsarchiv

Im Keller des Staatsarchivs an der Martinsgasse riecht es nach altem Papier, nach Erinnerungen und Geschichten. In einem Gestell, das bis an die Decke des hohen Raumes ragt, liegen sie vor uns, die Basler Wunschbücher der vergangenen Jahre. Nur zu zweit können wir das letztjährige Exemplar runterhieven, so schwer ist es. Aber dank seiner Grösse fällt es leichter, das Buch mit dem nötigen Corona-Abstand gemeinsam durchzublättern. Stundenlang könnte man damit verweilen.

Das Papier der Seiten ist an den unteren Ecken zerknittert. Zum Teil hat es Fettflecken darauf, vom Essen der Marktstände oder von Handcreme vielleicht. Desinfektionsmittel brauchte man vergangenes Jahr jedenfalls noch nicht unbedingt. Wir blättern weiter, finden gekritzelte Zeichnungen und Nachrichten von Menschen aus allen Kontinenten, in den unterschiedlichsten Sprachen und Schriften. Einige haben offenbar während der Adventszeit ihre Ferien in Basel verbracht und schwärmen von der Stadt. Andere waren frisch vermählt und schrieben ihre Wünsche für die gemeinsame Zukunft ins Buch.

Amélie träumte von einem Morgenstreich ohne Lichter. Daran, dass die Fasnacht nicht stattfinden wird, dachte zu diesem Zeitpunkt niemand.

Amélie träumte von einem Morgenstreich ohne Lichter. Daran, dass die Fasnacht nicht stattfinden wird, dachte zu diesem Zeitpunkt niemand.

Kenneth Nars

Aber auch Nachrichten von Menschen, die vermutlich aus der Region kommen, sind zu finden: «Ich wünsche mir eine gemeinsame Zukunft mit Mr. X.», «Ich wünsche mir, dass mein Vater wieder zurückkommt», «Ich wünsche mir, dass meine Mutter einen Laden eröffnet und wir nie wieder Geldsorgen haben», «Ich wünsche mir ein Meerschweinchen», «Ich möchte in die E-Klasse kommen». Und ein Mädchen namens Amélie wünschte sich, dass alle das Licht am Morgenstreich ausmachen möchten. Das sei einfach schöner. Dass es im Jahr 2020 überhaupt keine Fasnacht geben würde, war zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar. Daran dachte schlicht niemand. Die erwähnten sind nur ein paar ausgewählte Wünsche aus dem dicken Buch mit Jahrgang 2019. Oftmals stehen die Familie, Gesundheit oder Frieden auf der Welt im Zentrum. Es sind Wünsche, die sich trotz der Pandemie nicht gross verändert haben dürften in diesem turbulenten Jahr im Ausnahmezustand.

Wir möchten es genauer wissen und spazieren zum Rümelinsplatz

Der Wunschbaum auf dem Rümelinsplatz in Basel.
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Die Wünsche werden auf einen Zettel geschrieben und an einen Tannenzweig gehängt.
Mehrere Wünsche betreffen die Corona-Pandemie.
Eine Schülerin oder ein Schüler wünscht sich, nicht in Quarantäne zu müssen.
Mehrere Wünsche betreffen die Corona-Pandemie.
Ein Junge wünscht sich, dass die Pandemie bald vorbei ist.
Diese Person träumt nach der zweiten Absage in Folge von der Fasnacht.
Gesundheit oder Weltfrieden wurden auch im Wunschbuch oft erwähnt.

Der Wunschbaum auf dem Rümelinsplatz in Basel.

Kenneth Nars

Wie Ameisen strömen die Menschen auf der Suche nach den letzten Weihnachtsgeschenken durch die Stadt. Der grosse Tannenbaum, der seit sechs Jahren vom Verein Instandbelebung Rümelinsplatz organisiert wird, steht unbeachtet da. Er hängt voller Zettel, die mit einem silbernen Geschenkband an den Zweigen festgebunden sind und im Wind wehen. Neben dem Baum stehen auf einem Stehtisch neben den Papierstücken auch Stifte und – ganz coronakonform – Desinfektionsmittel bereit.

Viele wünschen sich und einander Gesundheit. Was in früheren Jahren als Floskel verstanden werden konnte, hat fürs Jahr 2021 eine andere Bedeutung bekommen. Auffallend ist auch, wie viele Kinder Wünsche in Zusammenhang mit der Pandemie äussern. «Ich wünsche mir, dass Corona bald vorbei ist», heisst es beispielsweise auf dem Zettel von Eneas. Eine Schülerin oder ein Schüler aus der 6 a hält fest: «Ich wünsche mir, dass wir nicht in Quarantäne müssen.» Ein weiteres Kind hofft, dass alle, die Corona haben, wieder gesund werden.

Eine Schülerin oder ein Schüler wünscht sich, nicht in Quarantäne zu müssen.

Eine Schülerin oder ein Schüler wünscht sich, nicht in Quarantäne zu müssen.

Kenneth Nars

Auch die Sehnsucht nach dem Reisen und der Fasnacht sind als persönliche Weihnachtswünsche am Tannenbaum mehrfach zu lesen. Beides Vorhaben, die in einem normalen Jahr gang und gäbe wären. Und die Zeit mit den Liebsten oder eine innige Umarmung sind auf einmal keine Selbstverständlichkeiten mehr, sondern so grosse Bedürfnisse, dass sie am Wunschbaum mehrfach auf Zetteln verewigt worden sind. Wünsche, die sich hoffentlich bald wieder erfüllen lassen.

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