Kultkino

Grosse Leinwand, ungewöhnliche Liaison: Warum Netflix mit Basler Kinos zusammenspannt

Netflix und das kult.kino Basel? Das geht auf – das Kino jedenfalls ist von einer fruchtbaren Zusammenarbeit überzeugt.

Netflix und das kult.kino Basel? Das geht auf – das Kino jedenfalls ist von einer fruchtbaren Zusammenarbeit überzeugt.

Wie kommen «Marriage Story» und «The Irishman» auf die grosse Leinwand? Ganz einfach: Netflix dient seine Eigenproduktionen ausgerechnet jenen an, deren Tod lange beschworen wurde: Den Kinos. Und auch die Stars reden ein Wörtchen mit.

Nach nur drei Wochen ist schon wieder Scheidung: «Marriage Story», das für sechs Golden Globes nominierte Scheidungsdrama, läuft nicht mehr im Kultkino. «Mir persönlich hat der Film gefallen», sagt Co-Geschäftsleiter Tobias Faust und hebt die rasanten Dialoge sowie das grossartige Schauspiel von Scarlett Johansson und Adam Driver hervor.

Doch was die Besucherzahlen angeht, wurde Faust enttäuscht: «Bei diesem Cast hätte ich mehr erwartet.» Der Geschäftsleiter führt für den Kassenflop zwei mögliche Gründe an: «Entweder wurde medial zu wenig darüber berichtet. Oder die Leute wussten, dass der Film eine Woche nach dem Kinostart auf Netflix zu sehen sein würde.»

Netflix hüllt sich in Schweigen

«Marriage Story» ist erst der zweite Kultkino-Start für einen Netflix-Film. «Natürlich wäre auch Scorseses ‹The Irishman› interessant gewesen», sagt Faust, «aber er dauert mit dreieinhalb Stunden schlicht zu lang.» Stattdessen läuft das Mafiaepos jetzt in der Steinenvorstadt. Doch was für ein Angebot hat Netflix den Basler Kinos überhaupt gemacht, dass sie nicht ablehnen konnten?

Das Netflix-Epos "The Irishman" ist 14 Mal bei den Kritikerpreisen nominiert worden. (Archivbild Filmszene)

Das Netflix-Epos "The Irishman" ist 14 Mal bei den Kritikerpreisen nominiert worden. (Archivbild Filmszene)

Vor einem Jahr hatte die Liaison zwischen Streaminganbieter und Kinos begonnen. «Ich hatte ‹Roma› in Venedig gesehen, wo die Netflix-Produktion kontrovers aufgenommen wurde», erinnert sich Faust. «Aber ich fand, dass er in ein Kino gehört.» Faust bemühte sich um die Filmrechte und konnte ihn schliesslich zeigen – als eines von 100 Kinos weltweit, wie er nicht ohne Stolz betont. «Das wurde vom Publikum sehr geschätzt, und obwohl der Film eine Woche später online ging, nahm das Interesse daran nicht ab.»
Das war bei «Marriage Story» offenbar nicht der Fall, auch wenn Faust keine konkreten Zahlen nennen kann. «Die Schweizer Kinobranche ist sonst extrem transparent, aber bei Netflix ist das anders.» Hier darf nicht verraten werden, wie ein Film läuft und wie viel Netflix dafür erhält.

Wobei die Einnahmen der Kinoauswertung für Netflix nur eine untergeordnete Rolle spielen dürften: In New York hat der Streaming-Gigant eben erst ein Traditionskino vor dem Untergang gerettet und mit dem Eröffnungsfilm «Marriage Story» eine neue Ära eingeläutet: Ausgerechnet der viel geschmähte Widersacher der Kinokultur spielt sich als Retter auf?

Tobias Faust vermutet hinter dem Vorgehen weder finstere Machenschaften, noch Uneigennutz. «Netflix lebt davon, dass es bereits gemachte Stars gibt, sei das in der Regie oder beim Schauspiel.» Diese kann das Unternehmen mit attraktiven Angeboten verpflichten – und vermarkten. «Soweit ich informiert bin, arbeitet Netflix nicht mit einer Umsatzbeteiligung. Es gibt ein festes Budget, was viele Filmemacher sehr schätzen.» Vor allem aber gewährt Netflix den Filmemachern bei der Gestaltung freie Hand. In «Marriage Story» gibt es eine Szene, in der sich das Noch-Ehepaar aufs Übelste beschimpft – in einer Hollywoodproduktion undenkbar. «Ich nehme an, dass sich Netflix längerfristig im Bereich des Autorenfilms etablieren wird.»

Die Stars wollen auch ins Kino kommen

Dazu gehört aber eben auch, dass der künstlerische Mehrwert sich in Form von Anerkennung niederschlägt. «Jetzt ist ein Punkt erreicht, an dem die Stars Forderungen stellen», erklärt Faust. Nach ihrer Berufslogik müssen und wollen sie an Preisverleihungen präsent sein. «Da bisherige Netflix-Produktionen nicht darauf angelegt waren, werden jetzt die Minimalkriterien einer Kinoauswertung erfüllt, um zum Beispiel an den Oscars teilnehmen zu können.»

Netflix nutzt solche Live-Momente, um Prestige einzuheimsen und die eigene Marke zu promoten. Auch Kinostarts helfen dabei. «Wenn wir einen Film wie ‹Marriage Story› im Kino zeigen, übernehmen wir zu einem Teil das Marketing für Netflix, indem wir auf den Film aufmerksam machen.»

Ob Tobias Faust weitere Netflix-Filme ins Programm aufnehmen wird, macht er von deren Inhalt abhängig. «Einen Film zu boykottieren, nur weil er von Netflix produziert wurde, greift zu kurz», findet er. Es sei grossartig, dass Netflix hervorragende Filme herstelle, das Problem liege woanders: «Netflix hat kein Interesse daran, den Erfolg mit dem Kinomarkt zu teilen.»

Entscheidend sei dabei nicht etwa die Konkurrenz, wie es das lineare Fernsehen durch Netflix erfahre. Seit Februar betreibt das Kultkino mit myfilm.ch eine eigene Streamingplattform. «Unsere Benutzerumfrage hat gezeigt: Die meisten haben Netflix, Bluewin-TV, iTunes und besuchen trotzdem unser Kino.» Das eine schliesse das andere, also den sozialen Anlass, nicht aus.

Das Auswertungsfenster schrumpft

«Was für Kinos viel problematischer ist, das sind die Exklusivität und das Auswertungsfenster.» Filme wie «Marriage Story» werden eben nicht fürs Kino produziert, das heisst Stars und Gelder werden exklusiv gebunden und in ein neues Marktsegment abgezogen.

Als Auswertungsfenster wird der Zeitraum zwischen Kinostart und dem Verkauf von DVDs oder Streaming-Angeboten bezeichnet. In vielen Ländern ist dieses Zeitfenster gesetzlich auf mindestens drei Monate festgelegt, in der Schweiz reguliert sich die Branche selbst. «Alle Filmverleiher, also auch Netflix, können frei entscheiden, wie viel Vorlauf ihre Filme bekommen und wer sie zeigen darf.»

Das funktioniere bei kleineren Filmverleihern, die auch Streaminganbieter sind, gleich. «Auch sie haben aufgrund der Wirtschaftlichkeit ein Interesse daran, das Kinoauswertungsfenster so kurz wie möglich und nur so lange wie nötig zu halten: So profitiert die Zweitauswertung von der Bekanntmachung durch die Kinos.»

Mit den Filmen, die auf myfilm.ch gezeigt werden, will auch das Kultkino von diesem Mechanismus profitieren. «Tun dies Drittanbieter, werden sie zu Trittbrettfahrern einer Leistung, die wir erbringen. So lange wir aber selber einen Nutzen davon haben, ist es ein ergänzendes Angebot und kein Angriff auf das Kino», so Faust. Schliesslich bediene man auf beiden Kanälen das gleiche («also unser») Publikum.
«Marriage Story» ist auf Netflix zu sehen. «The Irishman» läuft in den Kinos Rex und Capitol.

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