Basler Filmpreis 2020

Grosse Ehre für noch grössere Gefühle: «Dieser Film braucht die Leinwand»

Vor der Liebe sind alle Menschen gleich: Filmszene aus «Amor Fati» von Claudia Varejão.

Vor der Liebe sind alle Menschen gleich: Filmszene aus «Amor Fati» von Claudia Varejão.

«Amor fati» von Claudia Varejão hat den Basler Filmpreis gewonnen. Ko-Produzent Vadim Jendreyko freut sich mit.

Schweigend sitzen zwei alte Frauen vor einem Herd, um sich am Feuer, vor allem aber am Beisammensein, zu wärmen. Die beiden Schwestern sind sich innig verbunden, schon ein ­Leben lang. «Amor Fati», Liebe zum Schicksal, heisst die Dokumentation, die den diesjährigen Basler Filmpreis gewonnen hat.

Liebe als Schicksal träfe es wohl besser, spannt die portugiesische Regisseurin Cláudia Varejão den Bogen doch weit – von der Geschwisterliebe über das Verliebtsein bis hin zur ­Objektliebe. So weit macht die Regisseurin das Herz, dass ihr Film zugleicht berührt und irritiert. Das erfordert Geduld, findet auch der Basler Ko-Produzent Vadim Jendreyko von Mira Film.

Der Produzent als ­Verbündeter der Regie

«Claudia Varejão arbeitet viel mit Stimmungen und Atmosphären, die subtile Beobachtung ist ihr wichtiger als die logische Narration», erklärt Jendreyko, der nach «Ama-San» bereits zum zweiten Mal einen Dokumentarfilm der Portugiesin koproduziert.

Das anspruchsvolle und abstrakte Konzept von «Amor Fati» sei im Entstehungsland Portugal ganz anders aufgenommen worden als hier. Für die Schweizer Förderung musste der Produzent die Texte ­deshalb übersetzen und umschreiben, um die geplanten Sequenzen – in Absprache mit der Regisseurin – filmisch zu konkretisieren.

«Als Produzent bin ich ein ­Verbündeter der Regie», sagt ­Jendreyko. «Aber auch mein ­kritisches Feedback ist gefragt.» So habe er der Regisseurin zum Beispiel empfohlen, die Anzahl der Protagonisten zu beschränken, um dafür mehr Zeit mit ­ihnen zu haben. «Die letzte künstlerische Entscheidung liegt aber bei der Regisseurin.» Das sei zu ­respektieren.

Während man bei der ersten Zusammenarbeit mit Varejão auf Filmförderung verzichtet, dafür aber das Schweizer Fernsehen SRF mit an Bord geholt habe, sei es bei «Amor Fati» ­genau umgekehrt gewesen. «Diesmal sind das Bundesamt für Kultur und der Fachausschuss Film und Medienkunst beider Basel dabei, zudem haben wir Eigenmittel investiert.» Auf ein Engagement von SRF habe man dagegen verzichtet, da «Amor Fati» eher ein Fes­tivalfilm sei und sich an ein Publikum richte, das sich im ­Kinosaal darauf einlassen wolle.

Wichtige Unterstützung zur rechten Zeit

«Für Varejãos Filme braucht es die grosse Leinwand, auf dem Bildschirm entfalten sie sich weniger gut.» Interessanterweise würden viele jüngere Leute ­positiv auf «Amor Fati» ansprechen. «Das haben wir nicht unbedingt erwartet.» Auch den Gewinn des Basler Filmpreises hatten Jendreyko und die Regisseurin nicht erwartet: «Sie hat sich wahnsinnig gefreut.» Eine Auszeichnung sei immer eine Anerkennung – auch wenn Jendreyko niemals behaupten würde, dass ein ausgezeichneter Film deshalb besser sei als andere. «Aber es ist natürlich erfreulich, wenn ein Film bei einer Jury auf Resonanz stösst, das hat oft eine Signal­wirkung nach aussen.»

Der Entscheid ist ausserdem auch finanziell wichtig, das Preisgeld von 20000 Franken bedeute «eine grosse Unterstützung für Claudia Varejãos Filmschaffen genau zur rechten Zeit», so der Produzent: Die gegenwärtige Situation sei für viele Künstlerinnen und Künstler ein Albtraum.

Bis die schicksalhaft grossen Gefühle von «Amor Fati» die Leinwand füllen, muss sich das Publikum allerdings noch gedulden: Wann der Film in die Schweizer Kinos kommt, ist ­unklar. «Ich hoffe und vermute im ­Laufe von 2021», sagt Jendreyko. «Wenn die Kinos wieder ­regulär geöffnet sind.»

Weitere Gewinner:

Manuel Gübeli (Kurzfilmpreis)
Christoph Oertli (Medienkunstpreis)
Roland von Tessin (Spezialpreis).

www.kultur.bs.ch

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