Viktor Ullmann wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert. Im «Vorzeigeghetto» konnte sich ein beschränktes Kulturleben entfalten. In diesem Rahmen entstand das einstündige «Spiel in einem Akt» «Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung» auf ein Libretto von Peter Kien.

Die Allegorie erzählt vom Kaiser, der abgeschottet in seinem Palast sitzt und nur mit einem Lautsprecher mit der Aussenwelt verbunden ist, erzählt vom Trommler, der auch die unsinnigsten kaiserlichen Entscheide den Massen verkauft, und vom Tod, der das sinnlose Morden satt hat, und sich eines Tages weigert, die Menschen sterben zu lassen.

Jetzt helfen keine Befehle mehr, keine obrigkeitlichen Erlasse, die glorios verkünden, dass der Kaiser seinen Soldaten selbst die Unsterblichkeit geschenkt habe. Chaos und Rebellion greifen um sich, aber mitten auf dem Schlachtfeld blüht auch die Liebe, und erst, als der Kaiser sich selbst als erster zu opfern bereit ist, waltet der Tod wieder seines Amtes. Die Anspielungen auf die Nazi-Zeit sind unübersehbar, aber Ullmanns Stück greift weiter und ist zeitlos in seiner satirischen Kritik.

Ein Freund rettete das Stück 

Zwar wurde das Stück in Theresienstadt noch geprobt, aber eine Aufführung kam nicht mehr zustande. Ullmann wurde wie viele seiner Künstlerkollegen nach Auschwitz deportiert und starb dort in den Gaskammern. Ein Freund rettete seine Partituren unter abenteuerlichsten Umständen, aber erst 1975 wurde das Stück in Amsterdam uraufgeführt.

Wer denkt, in einer solchen Umgebung, mit dem Tod so nah vor Augen, sei nur eine anklagende, schwere, deprimierte Musik möglich, irrt gewaltig. Es ist erstaunlich, mit welch leichter Hand Ullmann hier zeitgenössische Modetänze und Jazzrhythmen, spätromantische Harmonik und die akzentreichen Klänge der Neoklassik zusammenbringt, nach Herzenslust zitiert und musikalisch kalauert, und all das überaus gekonnt in einige wenige zentrale Szenen giesst. Auch das oft mir viel Witz und Galgenhumor formulierte Libretto von Peter Kien hat seinen grossen Anteil an der beklemmenden Wirkung dieses Stücks.

Viel braucht die Bühnenbildnerin Lisa Dissler nicht in der neuen Basler Produktion: Ein paar sandfarbene Vorhänge, zwei Podeste, die sich quer über die grosse Treppe im Basler Theater-Foyer ziehen. Viel Platz also für die fünf Darsteller, der von der Regisseurin Katrin Hammerl auch entschieden ausgenutzt wird.

Amüsant und gleichermassen unter die Haut gehend

Vor allem die Treppe wird zur allegorischen Bühne dieser Welt und zur Plattform für ein paar akrobatische Einlagen des Koreaners Hyunjai Marco Lee als wirbliger Harlekin. Aber dieses Stück braucht gar nicht viel szenisches Brimborium. Die Figuren sind Typen, ihre Aussagen sind Verlautbarungen, die sich eher an das Publikum als an das szenische Gegenüber richten.

Die Produktion kommt aus dem Basler Opernstudio «OperAvenir», aber neben jungen, offensichtlich szenisch wie sängerisch bereits sehr sattelfesten Sängern hat man mit dem Routinier Andrew Murphy bassbaritonale Verstärkung aus dem Opernensemble für die Rolle des Tods geholt.

An der Seite spielt ein Kammerorchester der Musikhochschule unter der Leitung von Stephen Delaney mit viel Engagement, viel wacher Raffinesse und Aufmerksamkeit den ständig wechselnden musikalischen Klangsprachen gegenüber. Eine gleichermassen amüsante wie unter die Haut gehende Stunde Musiktheater!