Cortège am Montag
Es ist ein düsterer Jahrgang – aber nicht nur

Die finstere Zeit, in der wir leben, kommt am Cortège in jeder Hinsicht zum Tragen. Nebst Trump und Brexit spielen die Cliquen auch weniger schwere lokale Sujets aus. Zwei Regierungsräte regen die Fasnächtler-Fantasie besonders an.

Martina Rutschmann
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Spale-Clique – Kopf hoch!
68 Bilder
Die Draht-Ladäärne des Naarebaschi Stamm
Gugge-Zwärgli 1984 – Brexit-Zirkus
Spale-Clique – Kopf hoch!
Pfluderi Clique Basel – D Lösig isch nit d Leesig
Zoggelischletzer – Mir verDrumplen alles
Dupf-Club – Gott, bisch du haard!
Uelischränzer – Z Basel näärvsch di z Dood
Der Giftschnaigge-Dambuurmajoor mit seinem Idol Hans-Peter Wessels.
Die Räppli kleben an der nassen Scheibe.
Uelischränzer
Schindgrabe-Clique 1946 – Goldig goot d Wält z Grund!
Ewigi Opti-Mischte – Made in CH-ina (oder: Mit China-Waare Frangge spaare)
Pfeifer der Rosshof Spatze
Der Stamm der Lälli-Clique – Mensch, was machsch?!
Ein Schyssdräggziigli im Regen
Die Lälli-Clique
Rätsch-Beeri – Naar und Naar sin zwai baar Stiifel (aber lyycht zem uussenanderhalte)
Sujet Durchsetzungsinitiative
Ewigi Opti-Mischte mit Made in CH-ina (oder mit China-Waare Frangge spaare)
Opti-Mischte – Numme no Wuet und motze / es isch efang zem Kotze
Glaibasler Sumpfwaggis – 7 uff ai Straich / Bolizeiboschte im Baselland wäärde gschlosse
Ein Teil der Basler Regierung und der Fribouger Regierung mit Teilen des Comités.
Basler Zepf Ziri – Bye Bye, Basel isch elai
Die Rüssgusler Ebikon
Crème-Waggis – Iiberall sprängts dr Raame - au bi uns
Spezi-Clique – Spexit
Eindrücke vom verregneten Montags-Cortège
Eindrücke vom verregneten Montags-Cortège
Gammler-Waggis – Mir steen(e) wo mr wänn
Lälli-Clique
Gillerugger Basel
Lälli-Clique
D Rhygwäggi – Groossi Schnuure – nyt derhinder
Pierrot-Clique – PanAmArsch oder S laufft au myys in unserem Paradyys
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels marschierte mit den Giftschnaigge mit.
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Cortège am Montag
Eindrücke vom Montags-Cortège
Eindrücke vom Montags-Cortège
Eindrücke vom Montags-Cortège
Eindrücke vom Montags-Cortège
Eindrücke vom Montags-Cortège
Eindrücke vom Montags-Cortège
Eindrücke vom Montags-Cortège
Eindrücke vom Montags-Cortège
Eindrücke vom Montags-Cortège
Eindrücke vom Montags-Cortège
Trump, Farage, Blocher und weitere Populisten auf der Laterne der Rhygwäggi.
Mit Megafon und Trillerpfeife, der Parole «Freiheit fürd Fasnacht», dem Tambourmajor in Ketten und einen «besetzten» Wagen zelebriert die Spezi Clique den «Spexit».
Die Schugger stehen bereit
Ein Affentheater

Spale-Clique – Kopf hoch!

Kenneth Nars

Wagen

Tinguely, Toitoi-Häuschen und Wikingerschiffe

Die Waggiswagen präsentieren sich als kunterbunter Mix aus Welt-
politik und liebevollen Hommagen.

Sie sind die Lieblinge der Kinder, junge Damen machen dagegen eher einen Bogen: Die Waggiswagen mit ihren spendier- und stopffreudigen Insassen. Neben dem klassischen Waggiswagen sind an der diesjährigen Fasnacht auch eine Reihe bemerkenswerter Wagen zu sehen. Besonders toll wirken die Wagen in Kombination mit Pfeifern und Trommlern. Aus einem Guss kommt etwa der Auftritt der Schotte daher, die eine Cliquen-Partnerschaft mit den Crème-Waggis haben. Ihren 70. Geburtstag feiert die bekannte Guggemusig farbenfroh zwischen zwei Discos auf Rädern.

Ein aussergewöhnliches Gesamtkunstwerk präsentiert auch die Spezi Clique: Optisch an eine autonome Demonstration angelehnt, zelebriert sie den «Spexit»: mit Megafon und Trillerpfeife statt Piccolo und Trommeln, der Parole «Freiheit fürd Fasnacht!» und einem Tambourmajor in Ketten. Auch der Wagen scheint in die Hände von Besetzern geraten zu sein: Übersät mit Graffitti und Schmierereien. Ins gleiche Horn stossen die Schletzbrieder: «Wotsch strooflos die halbi Stadt zersteere, muesch zer lingge Syte gheere.» Der Wagen ist als Rathaus, welches gerade von einem überdimensionalen Baseballschläger zerdeppert wird, gestaltet.

Viele lokale Sujets

Ein weiteres Highlight ist der Wagen der Gillerugger. Insgesamt 14 Tinguley-Darsteller auf einem Konstrukt aus Rädern, Achsen, Zylindern und Verstrebungen – Jeannot hätte seine Freude daran gehabt. Auch sehr schön anzusehen ist der Wagen der Rauracher Rueche: Eine komplette Dampflokomotive. Getreu dem Sujet: «Mer faare geegen è Strom» steht diese verkehrt herum auf dem Wagen.

Sehr beliebt sind auch lokale Themen: Die Schlipfer Rueche bauten den neuen Sightseeing-Bus nach. Die Zoggelispalter schauen in die Zukunft und thematisieren das geplante Ozeanium des Zolli. Darauf der bitterböse Spruch: «Mir bitte unsere Basler Regierig an Tisch, s Menu, falsch zuebereitete Fugufisch.» Die Rieblizupfer kurven im grünen «Millione-Waggon»-Tram «vom Hanspi Wessels» durch die Gegend.

Auch die Helvezia Strizzi nehmen sich dem Thema Verkehr an und präsentierten einen Rotlicht-Wagen. Eindeutig zweideutig auch das Sujet der Escargots Fratze: «Mer hänn dr Lengscht» – bezogen selbstverständlich auf den neuen Gotthard-Basistunnel. Ein eher internationales Thema greifen die Gläbbere-Waggis auf. Sie widmen ihren Wagen – ein Unisex-Toitoi-Häuschen – dem «Gender-Wahn».

Die Gränzwaggis huldigen dagegen der Fernsehsendung Bachelorette. Und auch die Clochard haben sich im TV inspirieren lassen. «Clochard, ledig, suecht Deifel» verkündet ihr Wagen in Anspielung auf die bekannte Bauern-Verkupplungs-Sendung. Überraschend auch der schon fast postmoderne Ansatz der Rätzebälle: Ihr Waggiswagen bildet eine überdimensionale Chaise ab. Auch die Ammedysli und Gassebrieder scheuten keine Mühe und bauten ihre Wagen zur Fähri um.

Die Horburg Rueche und Mitschtfingge funktionieren ihren Wagen gar zum Wikingerschiff um – als Hommage an die isländische Fussballnationalmannschaft, die letztes Jahr bei der Europameisterschaft für Furore sorgte.

Da war doch mal was. Richtig! 1974 sprengte Künstler Jeannot Tinguely mit seinen Kuttlebutzern selig symbolisch das Comité in die Luft. Viele heutige Cortège-Besucher und Aktive waren damals noch nicht geboren. Für sie war die Performance der Spezi-Clique am Montags-Cortège eine Premiere.

Es gab schon alles an der Fasnacht, bloss ein wenig anders. Das Wetter war schon gruusig, vielleicht nicht so gruusig wie heute. Bei manchen Traktoren sassen Frauen am Steuer, aber wohl weniger als jetzt. Sexismus kam immer vor, etwa, wenn Polizistinnen mit Strapsen, die männlichen Kollegen aber als harte Kerle dargestellt werden. Und mit Baschi Dürr und Hans-Peter Wessels kommt wie allewyl die Regierung an die Kasse, wobei nur Wessels die Ehre zuteil wurde, mit den Giftschnaigge mitlaufen zu dürfen.

Auch düstere Zeiten hat die Welt zahlreiche erlebt, beim Golfkrieg 1991 wäre fast die Fasnacht abgesagt worden. Diesmal war das kein Thema, die Düsterheit dominiert trotzdem. Beliebt ist der Brexit, zahlreiche Cliquen, der Barabara Club 1902 ist nur ein Beispiel, spielen den EU-Austritt Grossbritanniens aus. Dies in bunten, respektive englischen, Farben. Farben? Ja, es gibt sie noch. Aber viele Cliquen sind zurückhaltend damit.

Nasses Comité-Haupt nach Hutlupf

Es ist klar: Die Sujets schlagen aufs Kostüm. Schwarz oder zumindest dunkelgrau ist besonders beliebt. Der Stamm der Rhygwäggi spielt «Groossi Schnuure, nyt derhinter» in schwarz und mit rosa Mündern auf dem Kopf aus. Damit der Zuschauer auch etwas lernt, bekommt er «Populischte-Reegle» mit auf den Weg.

Sowieso in schwarz sind die Comité-Mitglieder, denen das Hutziehen in sonnigen Jahren mehr Spass macht. Sie taten ihre Pflicht dennoch und waren nicht allein mit dem nassen Haupt: All die Rösslein vor den Chaisen mussten den langen Cortège-Weg ebenfalls mit tropfendem Fell hinlegen. Gut geschützt war hingegen der Stamm der Lälli mit seinen Gasmasken.

Das Sujet: «Mensch, was machsch?!» Die Botschaft: «Muesch z eerscht s Entsetze kenneleere, zem Friide kenne schetze z leere?» Diese Nachdenklichkeit, ja, die Besorgtheit, prägt den Cortège 2017.

Druggede gab es nur in der Beiz

Trotzdem sagt Comité-Obmaa Christoph Bürgin: «Ich habe mehr schwarze Kostüme erwartet.» Hier muss man allerdings anfügen, dass es oft Binggis und Wägen sind, die bunt daherkommen. Was auch an deren Sujets liegt. Pokémon ist hoch im Kurs. Die Binggis der Naarebaschi 78 etwa pokémonisierte in hellblau. Und Wägen wählen gern lokale Themen.

Ebenfalls nicht verschweigen wollen wir die Tatsache, dass die vielen Regenschirme zum dunklen Bild beigetragen haben. Die meisten waren schwarz und voller Räppli, was ihnen klebrige Farbtupfer verlieh. Ausserdem waren viele Besucher im durchsichtigen Ganzkörper-Regenschutz unterwegs.

Eine Druggede wie in anderen Jahren blieb praktisch überall aus. Ebenso der obligate Cortège-Stau. Eng wurde es allerdings schon früh in den Beizen und Cliquen-Kellern – und auch abseits der Cortège-Route war so einiges los. Die Gugge Akademiker etwa heizte zur besten Cortège-Zeit bei der Heuwaage ein, dies allerdings ohne Larven, doch das ist eine ganz andere Story.