Beqiri-Clan
Er boxt sich aus dem Schatten seines grossen Bruders

Die Beqiri-Brüder gehen in der Kampfsportwelt gemeinsam durch dick und dünn. Jetzt will Thaiboxweltmeister Shemsi seinem jüngeren Bruder Hysni zum Durchbruch verhelfen.

Florian Schmitz
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Hysni Beqiri wärmt sich im Ring auf, vor den anderen Teilnehmerinnen der Thai- und Kickbox-Lektion. Die Männer trainieren im Raum nebenan.

Hysni Beqiri wärmt sich im Ring auf, vor den anderen Teilnehmerinnen der Thai- und Kickbox-Lektion. Die Männer trainieren im Raum nebenan.

Florian Schmitz

Hysni Beqiri steht vor dem grössten Kampf seines Lebens. Was in der Biografie vieler nach einer Floskel klingt, trifft für ihn wortwörtlich zu. Am 10. Dezember tritt er als einziger Schweizer bei Glory, der grössten Kickboxing-Liga der Welt, an. In einem Viermann-Turnier wird der nächste Titelherausforderer im Leichtgewicht ermittelt. Gewinnt er den Halbfinal, muss er am gleichen Abend also gleich nochmal zum Final antreten. Die Gelegenheit, in der Kampfsportwelt für Aufsehen zu sorgen, könnte für ihn nicht besser sein. Schliesslich handelt es sich beim Event in Oberhausen um den meist erwarteten Kickboxanlass seit Jahren.

Ende November sitzt der 27-Jährige entspannt im Eingangsbereich des Superpro Sportcenter, dem Trainingsstudio seines älteren Bruders Shemsi. Das Gym befindet sich in einer ehemaligen Lagerhalle auf dem Basler Dreispitz-Areal, versteckt hinter einer alten Holzschiebetür. Die Szenerie erinnert an die Kulissen bekannter Kampfsportfilme. «Im August hat mir Shemsi versprochen, dass die Chance zustande kommen wird», sagt Beqiri. Obwohl er erst noch Zweifel hegte, stürzte er sich in eine harte Vorbereitung. Zwei Mal pro Tag trainierte er rund drei Stunden, während sein Manager und Trainer Shemsi Beqiri die Details einfädelte.

«Meine Fitness ist jetzt auf dem Höhepunkt und der Körper merkt langsam, dass er müde wird», sagt Beqiri. In den letzten zwei Wochen vor dem Kampf geht es darum, die Form zu halten, den Körper wieder regenerieren zu lassen und genau auf die Diät zu achten. Um die maximale Kraft beim erlaubten Leichtgewichts-Limit von 70 Kilogramm zu erreichen, spielt die richtige Ernährung eine entscheidende Rolle.

Shemsi, der Wegbereiter

Die Beqiris sind eine Kämpferfamilie. «Shemsi hat uns nacheinander mit in die Welt des Kampfsports hineingezogen», sagt Hysni. Sein grosser Erfolg im Thaiboxen mit 11 Weltmeistertiteln habe den Weg für die anderen Brüder geebnet und ihnen gezeigt, was möglich ist, wenn man an sich selbst glaubt. Hysni wechselte in der fünften Klasse vom Fussball zum Thai- und Kickboxen. Auch Sabedin, der ein Baugeschäft führt und als Gipser tätig ist, versuchte sich im Kampfsport. Und der jüngste Spross Ilir, der 2015 an Krebs starb, galt als eines der grössten Talente seiner Gewichtsklasse.

«Wir haben als Brüder all unsere Erfolge und Misserfolge gemeinsam erlebt und sind den Weg zusammen gegangen», erzählt Shemsi Beqiri. Ihre Leidenschaft schweisste die vier Brüder enger zusammen. Aus finanziell eher klammen Verhältnissen stammend, entdeckten sie dank Shemsis Erfolgen plötzlich gemeinsam die Welt. Hatte einer der Brüder einen Kampf, fokussierten die anderen ihre Unterstützung voll auf ihn. Die Eltern hatten zu Beginn zwar eher Angst wegen der Verletzungsgefahr, doch mit der Zeit gewöhnten sie sich daran.

Selbstvertrauen im Ring gefunden

Im Ring reiht Hysni Beqiri verschiedene Schläge zu explosiven Kombinationen aneinander. Die einzelnen Einheiten sind kurz und intensiv. Eine Uhr zeigt an, wie lange es noch dauert bis zur nächsten Verschnaufpause. Darüber erinnern ein Paar goldene Handschuhe - die gleichen, die auch Beqiri selbst trägt - mit dem Schriftzug «Ilir» an den verstorbenen Bruder.

«Dank Kampfsport wurde der Junge von damals zum Mann, der ich heute bin», sagt Beqiri. Das Training habe sein Selbstvertrauen geprägt und seinen Charakter gestärkt. Er ist zu einem ruhigen, kontrollierten und kalkulierten Kämpfer gereift. «Wenn man darauf achtet, was den Kampfsport alles ausmacht, sieht man, dass die Sportart viel mehr zu bieten hat als Aggressionen», sagt der Vater zweier Kinder. Abseits des Rings verbringt er so viel Zeit wie möglich mit seiner Familie.

Dass er es soweit gebracht hat, verdankt er auch Shemsi, der viele Erfahrungen und Fehler machte, vor denen er seinen Bruder bewahrten konnte. Auch am Knackpunkt von Hysni Beqiris Karriere stellte Shemsi sicher, dass sein Bruder die Lektion lernte. Seine erste Niederlage kassierte Hysni vor sechs Jahren, weil er seine Gegner damals oft unterschätzte. Sein deutlich schwächerer, aber routinierter Gegner erwischte ihn mit einem präzisen Schlag, von dem er sich bis zum Schluss nicht mehr ganz erholte. “Siehst du jetzt, was möglich wäre, wenn du deine Kraft richtig einsetzt”, stachelte Shemsi den enttäuschten Hysni an. Seine Bilanz steht bei 48 Siegen, Niederlagen sind keine mehr hinzugekommen. Das soll sich auch am 10. Dezember nicht ändern.

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