Kino

Er betreibt das B-Movie mit den A-Filmen

«Für das Fantastische eignet Kino sich am besten»: Sandro Mazzoni (45) im Foyer seines B-Movies.

«Für das Fantastische eignet Kino sich am besten»: Sandro Mazzoni (45) im Foyer seines B-Movies.

Der Liebhaber von Filmen anderer Art, Sandro Mazzoni, betreibt im Gellert ein spezielles Kino. Im «B-Movie» zeigt er Horror-, Science Fiction- und Fantasy-Streifen, die es auf dem Markt schwer haben.

Im tiefsten Gellert, da wo es nachts ganz still und ganz dunkel ist, durchdringt ein Schrei die Geruhsamkeit. Vielleicht entfuhr er einer jungen Frau, die sich allmählich in eine Werwölfin verwandelt, vielleicht dem ungeschickten Single, der versehentlich seine Dates umbringt. Sie ist die Protagonistin eines feministischen Horror-Dramas, er der Antiheld in einer schwarzen Horror-Komödie. Denn mitten im ereignislosesten Quartier Basels, an der Grellingerstrasse 41, hat sich ein kleines, besonderes Kino etabliert: Das B-Movie.

Von aussen könnte man meinen, es sei der Eingang in eine Garage. Innen hat das B-Movie alles, was ein Kino braucht: einen Saal mit 35 weich gepolsterten Sesseln, eine Leinwand von 2 auf 4,6 Metern, eine Projektionskabine mit fast sämtlichen Abspielmöglichkeiten von Super 8 bis zum Digital Cinema Package, ein Foyer mit Bar, eine Kaffeemaschine, einen roten Vorhang. Hinzu kommen eine kleine Bibliothek mit Filmbüchern, alte Filmprojektoren und sogar eine Film-Jukebox aus den 60er-Jahren, die noch funktioniert. Denn das B-Movie ist auch ein bisschen ein Filmmuseum.

Seinen Betreiber, Sandro Mazzoni, als Filmfreak zu bezeichnen, ist eigentlich so überflüssig, wie Dracula einen Blutsauger zu nennen. Was sonst soll einer sein, der sein Geld und seine freie Zeit in den Betrieb eines kleinen, unrentablen Kinos steckt? Und was sonst könnte der Antrieb für so etwas sein, wenn nicht Leidenschaft für den Film?

Das Abnormale kommt zu kurz

Sandro Mazzoni will Filme zeigen, die sonst fast ausschliesslich an ausgesuchten Festivals laufen. Und er bevorzugt Genres, die es auf dem Kinomarkt schwer haben: Horror, Science Fiction, Fantasy. An vielen Festivals hätten diese Sparten grossen Publikumserfolg – «aber wir bekommen diese Filme nie zu sehen». Sogar die Berlinale zeige Horror-Filme – «aber wir bekommen davon nie etwas zu hören».

Er verfolgt seit Jahren, was etwa am amerikanischen Sundance Festival oder am Film Fantastique de Neuchâtel, dem NIFFF, läuft. Er besucht das Fantasy Filmfest in Deutschland, schaut sich durch die Filmtrailer-Portale auf You-Tube und studiert die neusten Festivalkataloge im Internet. Manchmal schaut er sich auf halblegalem Weg einen Film im Netz an, manchmal bestellt er auf gut Glück etwas zum Visionieren beim Verleiher.

Dokumentarfilme brauche man sich ja nicht zwingend im Kino anzusehen, findet Sandro Mazzoni. Für «das Fantastische» dagegen, «für alles, was in der Realität nicht existiert, eignet sich das Kino eigentlich am besten». Doch das Abnormale käme normalerweise zu kurz. Das liege auch daran, dass Studiokinos dazu neigten, sich «für den Geschmack des Publikums fremdzuschämen», wenn er nicht ihren Vorstellungen vom guten Geschmack entspricht. Derweil manche Filme schweizweit in Dutzenden Kinos laufen, schaffen es andere nur in ein einziges: in Mazzonis B-Movie. Doch immerhin dahin.

Mazzonis Brotjob ist Feinmechaniker. Daneben arbeitet er seit vielen Jahren als Operateur, derzeit im Stadtkino Basel. Handwerk liegt ihm, viel Handwerk steckt auch im B-Movie: Den einstigen Sanitätsbetrieb im Gellert hat er selber renoviert und zum Kino umgebaut.

Als er vor bald zwei Jahren beschloss, den Raum nicht mehr nur privat zu nutzen, sondern die Filmabende öffentlich zu machen, gehörten zu den ersten Besuchern Beamte. Mit Nachweisen, Formularen und Forderungen aller Art hätten sie ihm das Leben erschwert und das Portemonnaie erleichtert, erzählt Mazzoni. Da mussten plötzlich Profi-Architektenpläne eingereicht werden, brauchte es eine Notbeleuchtung, ein Lärmschutzgutachten und so vieles mehr, dass er den kleinen Laden fast wieder dichtgemacht hätte.

Unmotivierte Verleiher

Schwer habe es so ein Minikino auch mit so manchem Verleiher. Für den Betrag, den er zahlen könne, krümme so mancher keinen Finger. Eine Angestellte habe ihm einmal auszureden versucht, einen Film aus ihrem Verleih zu zeigen – «das lohnt sich doch nicht für Sie». Ein anderer wollte genau so viel Geld, wie das Filmfestival Locarno zahle. Ein Dritter, der damit nicht hatte herausrücken wollen, drohte ihm: «Recherchieren Sie in Zukunft nicht hinter meinem Rücken nach Originalkopien».

Zum Glück hat Sandro Mazzoni inzwischen einige motivierte kleine Verleiher gefunden. Etwa den «Drop Out»-Filmverleih, der sich Filmen annimmt, die sonst durch alle Maschen fielen. «Weil sie wollen, dass diese gezeigt werden.» Eigenartige Bilder, fantastische Geschichten.

Aber gut muss der Film auf seine Weise sein; inhaltlich und ästhetisch was hergeben. «Ich will nicht einfach ein Gemetzel mit nichts dahinter», sagt Mazzoni. Wie diskriminierte Gruppen, die Schimpfworte wie «queer» oder «nigger» nehmen und für sich positiv umdeuten, so nimmt auch das B-Movie diesen abschätzigen Begriff und wertet ihn auf. Ob Horror oder Fantasy: Die bisherige Auswahl macht klar, dass das B-Movie lauter A-Filme zeigt. Und wenn man aus dem Saal herauskommt, ist es ganz still und ganz dunkel.

B-Movie Das Kino an der Grellingerstrasse 41 zeigt monatlich rund acht Vorstellungen desselben Films. Weiter geht es diesen Freitag mit der südkoreanischen Action-Krimi-Komödie «The Veteran». Vorstellungen und Newsletter-Abo: b-movie.ch

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