Auffallend viele Dirigenten sterben beim Dirigieren. Das ist GKW – dem Performance-Kollektiv von Szenografin Moïra Gillieron, Autorin Ariane Koch und Regisseur Zino Wey – aufgefallen. Deshalb stehen die Performenden in «Extase» als Dirigenten auf einer Bühne, die halb Arena, halb Therapiesaal ist. Mit getakteten Bewegungen flirren sie durch die Themen, in denen GKW Ekstase vermutet: religiöse Hochgefühle, der Wagemut des Skifliegers, die Mimik der Mächtigen und – natürlich – die Wirkung des Schauspiels. «Wir wollen das Drama, aber kennen nur das Karma!», verkündet Bärbel Schwarz zu Beginn in einer Bluse, die durch ihren strengen Schnitt während dieser Szene an eine Maoistenuniform erinnert, «Die Sklaven der Gleichförmigkeit müssen abserbeln.»

Die Performenden richten sich immer wieder neu zueinander aus, sprechen und singen auf Deutsch, Englisch, Griechisch, Französisch und Isländisch. Ihr Text ist eine Partitur, der manchmal der Übersetzung wegen, manchmal als Szenentitel an eine Leinwand projiziert wird. Die Textfläche ist selbst musikalisch, arbeitet mit Stimmungen und klanglichen wie inhaltlichen Motiven, etwa Pierce Brosnan, der mehrfach als Negativbeispiel für Hollywood-Schauspieler herhalten muss. Die von Lukas Huber komponierte «Extase» wird dank vielseitig genutzter Pauke, Bratsche und dem Sound aus der Anlage zum Konzert. Auch der Klang eines Stoppuhrtimers kann einen Konzertabend bereichern.

Ausbruch aus dem Alltag

Léonard Bertholet wedelt ein weisses Tuch wie ein Torrero und wird in dieser Stierkampf-Choreografie von der klassisch ausgebildeten Bratschistin Ildiko Ludwig angetrieben – oder rhythmisiert? Bevor man die Frage für sich beantworten kann, verhüllt sich Bertholet mit dem Tuch das Gesicht, wohl bewusst in Anklang an die Pärchenbilder von René Magritte. Es geht oft um persönliche Entfremdung, so begegnen sich auf der Bühne zum ersten Mal zwei Performerinnen, während sie den Satz «We feel absolutly nothing» als Mantra singen. Die Texte propagieren immer wieder Umsturz, aber der Kampf um die Ekstase, jener gegen die oben zitierte Gleichförmigkeit, scheint ein sehr privater Kampf im städtischen Kreativmilieu zu sein. Die Fratze der Macht skizzieren die Performenden zwar, etwa als Bärbel Schwarz erzählt, dass sie ein Gesicht aus den über Jahrhunderte gesammelten Bildern von Diktatoren zusammengestellt haben. Direkt danach wird aber auf Isländisch die Abschaffung von Uhren und Zeitrechnung gefordert. Trotz Bezügen zu Weltpolitik, Umsturz und Religion scheint die Sehnsucht nach Ekstase eine Sehnsucht nach dem Ausbruch aus dem Alltagsrhythmus zu sein. Auch Jesus habe sich erst hocharbeiten und bei Gott überhaupt mal auffallen müssen: «Wenn niemand an deine Start-Up-Idee glaubt, denk an Jesus!»

Zum Schluss dann die Triangeln, fünf an der Zahl. Die Performenden sitzen abgewendet und schlagen ihre Triangel. Letzte Wortmeldungen: Pierce Brosnan könne ihnen gestohlen bleiben. Ein Skiflieger bleibe ein Skiflieger, selbst wenn er nicht fliegt. Zum ersten Mal entsteht Nähe. Nach 70 durchgetakteten Minuten wird der ekstatische Kontrollverlust erst in diesem eher ruhigen Moment spürbar. Vielleicht ist das gut so: die Ekstase als Kontrapunkt.

Extase Kaserne Basel. Weitere Vorstellungen: 16. und 17. Oktober, 19.30 Uhr.