Der Quarkkuchen mit Gemüsesalat ist gerade serviert, da tönt ein lautes Schmatzen durch das Variété. Der Blick der Zuschauer geht zur Bühne, wo Schildkröte Adam (Raphaël Diener) ebenfalls seine Lieblingsvorspeise, einen Salat, verschlingt. «Habt ihr langweilig?», fragt er mit einem französischen Akzent und erzählt einen Schneckenwitz. Das Publikum johlt.

Dass Adam überhaupt nicht gut auf Schnecken zu sprechen ist, wird spätestens dann klar, als eine Schnecke an einer Test-Rakete befestigt durch den Raum geschossen wird. «Ein Schleimer weniger für die Erde», kommentiert die Schildkröte nüchtern.

«Für die Nummer brauche ich einen Sündenbock. Die Schnecke ist noch langsamer als die Schildkröte und konkurriert mit ihr um den Salat», sagt Diener im Gespräch mit der bz. Der 42-Jährige ist der Erfinder von Adam. 1998 trat er erstmals als Schildkröte auf, seitdem verfolgt ihn die Rolle. «Eigentlich will ich nicht als Schildkröte, sondern als Schauspieler wahrgenommen werden. Deswegen habe ich zwischenzeitlich damit aufgehört», sagt Diener und fügt hinzu: «Erst als die Leute bei meinem Bühnen-Comeback als Schildkröte schon laut klatschten, bevor die Nummer überhaupt begonnen hatte, wusste ich, dass ich wohl für immer die Schildkröte sein werde.»

Eine eigene Schildkröte hatte Diener nie. Erst als es seine Rolle längst gab, beobachtete er die Reptilien gezielt im Zoo. «Jetzt weiss ich auch, dass es tatsächlich Exemplare gibt, die Schnecken fressen», sagt Diener und lacht.

Zurück ins Variété. Dort serviert Diener gerade das Abendessen. Kurzfristig hat er den Schildkrötenkörper verlassen und spricht nun als Kellner mit den Gästen. «Sie wissen, dass dies ihre letzte Fleischnahrung ist? Im Weltall ernähren wir uns vegetarisch. Guten Appetit», sagt er und verschwindet wieder hinter die Bühne.

Wenig später ist er zurück unter seinem Panzer und sorgt dafür, dass die Gäste während dem Essen musikalisch unterhalten werden. «Somewhere over the Rainbow…», singt Adam, begleitet von einem Ukulele spielenden Clown (Olivia Weinstein), der es sich auf dem Schildkrötenpanzer bequem gemacht hat. Kurz darauf hat Diener seinen Panzer gegen ein Saxophon eingetauscht.

Eine Person, viele Rollen

Die Vielseitigkeit aller Protagonisten macht das Broadway Variété aus. Der schwedische Jongleur Emil Dahl ist auch Schlagzeuger, Laura Lippert tanzt an der Stange und lässt sich an ihren Haaren aufhängen – Schauspielen müssen sowieso alle.

Diener ist ein Paradebeispiel für Vielseitigkeit. Neben seinen Rollen als poetische Schildkröte, Kellner, Musiker und Commander Bonsai, dem Captain der Weltraummission, ist er seit 2011 neben Luca Botta und Max Läubi auch einer der drei Direktoren des Broadway Variétés.

Hinter den Kulissen kümmert sich Diener auch um Bühnenbild und Requisiten. Dazu ist er als Buchhalter auch Finanzchef und fährt den Lastwagen, wenn das Variété umzieht.
Zum Dessert verwandelt er sich wieder in Adam. Der Schildkrötenpanzer fungiert nun als Sofasessel, aus dem die Schildkröte die «Schnecken-Fake-News» vorliest: «Bei der Schneck-Wahl ist ein Rechtsrutsch zu verzeichnen, doch wir schneckeln das. Der SMI, also Salat Market Index, hat zehn Prozent verloren. Ein Terrorschneck hat soeben eine Gespensterheuschrecke überfahren…» Plötzlich werden die Nachrichten rüde unterbrochen. Zensur. Schildkröte Adam flüchtet und fliegt wenig später zu «Space Oddity» von David Bowie durch die Decke scheinbar schwerelos ins All.