Dokfilm

Eine Hommage: Stuhlgeschichten im kult.kino atelier

Aus dem Depot, vor die Kamera: Fehlbaums ansehnliche Stuhlsammlung.

Aus dem Depot, vor die Kamera: Fehlbaums ansehnliche Stuhlsammlung.

Mit «Chair Times» kommt die wohl erste Stuhl-Hommage in die Kinos. Dem Auftragswerk fehlt allerdings die Kontroverse, um bis zum Schluss spannend zu bleiben.

Gedämpftes Klavierspiel. Ein älterer Mann und zwei Frauen platzieren bedächtig ein Sitzmöbel nach dem andern auf dem kieselgrauen Boden einer weiss getünchten Halle. Die Arbeit muss Stunden gedauert haben – im Film sind es immerhin sieben Minuten. 125 Stühle sind es zuletzt, anhand derer die jüngere Geschichte des Sitzens erzählt werden soll: Der erste entstand um 1800 in Italien, den letzten entwarf Hella Jongerius 2014.

Die eindrückliche Vitra-Story

Der Mann heisst Rolf Fehlbaum. Er führt in den folgenden knapp anderthalb Stunden namhafte Architekten, Designer und Kuratoren durch eine kleine Auswahl der Sammlung des Vitra Design Museums. Als Vorsitzender des Möbelproduzenten Vitra hatte er Anfang der 1980er-Jahre den Startschuss für eine der heute weltweit wichtigsten Designkollektionen gegeben.

Dabei ging es ihm zunächst nur um eine «Aufheiterung des Alltags», wie er anmerkt. Als Stimmungsaufheller dienten Entwürfe von Charles und Ray Eames, Jean Prouvé und Alvar Aalto. Als ein Sperrholzsessel des Letzteren vom Testsitzen eines schwergewichtigen Mitarbeiters brach, wurde der Entschluss gefasst, die Designikonen besser zu schützen.

Anstatt die schnell wachsende Sammlung wegzuschliessen, wurde bei Frank Gehry ein Ausstellungsbau in Auftrag gegeben. Der ursprüngliche Gedanke, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Firma Gelegenheit zur Kontemplation und Inspiration zu geben, wurde bald fallen gelassen und das 1989 auf dem Werkgelände in Weil am Rhein fertigstellte Gebäude als öffentliches Museum eingeweiht.

Jahrzehnte später ist die Sammlung auf rund 7000 Objekte angewachsen. Der Grossteil der geschichtsträchtigen Kostbarkeiten muss der Öffentlichkeit hinter den Türen des Museumskellers verborgen bleiben. Und wieder wird ein Gebäude in Auftrag gegeben, um dem Missstand Abhilfe zu verschaffen. 2016 wird das von Herzog & de Meuron entworfene Schaudepot eröffnet. Anlass genug, einen Film über die Sammlung (und letztlich auch über den Sammler) bei Filmemacher Heinz Bütler in Auftrag zu geben.

Seit Anfang dieses Jahres ist der Dokumentarfilm zusammen mit einem Buch erhältlich und macht Halt an den zentralen Stationen der Designgeschichte: von den Bugholzstühlen Thonets über die Fiberglassessel der Eames bis hin zu den schrillen MemphisMöbeln. Rolf Fehlbaum erklärt dazu die wichtigsten Zutaten der modernen Stuhlgeschichte: serielle Fertigung, Materialinnovation, Zweckmässigkeit statt Repräsentation und immer wieder der Mut zur radikalen Andersartigkeit. Ergänzungen liefern dabei etwa der Architekt David Chipperfield, der Designer Ronan Bouroullec oder Museumsdirektor Matteo Kries.

Es fehlt der Höhepunkt

So versammelt der Film viele kleine Geschichten und kurze Einblicke. Man erfährt etwas über die bröckelnden Tendenzen von Frank Gehrys Kartonstühlen oder darüber, dass Sitzmöbel ab den 1950er-Jahren anstelle von Modellnummern plötzlich eingängige Namen wie «Ameise» erhalten haben.

Was dem Film abhandenkommt, sind die grosse Geschichte und die tiefen Einsichten: Es fehlt der Höhepunkt, es fehlt die Kontroverse. Alle sind sich über alles einig, und so haben die Mitwirkenden offenbar kein Bedürfnis nach weiteren Erörterungen. Damit wird der Film weder der grossartigen Sammlung noch dem Mann, dem wir sie zu verdanken haben, gerecht.

   

Basler Premiere von «Chair Times»: Sonntag, 14. April, 11 Uhr. kult.kino atelier. In Anwesenheit von Rolf Fehlbaum (Vitra) und Heinz Bütler (Filmautor).

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