Kunst

Ein Hoch auf den Comic! Geliebt, eingeschult, aber in Basel unterfördert

«Es gibt das Cartoonmuseum, das ist schon mal gut»: Leiterin Anette Gehrig.

«Es gibt das Cartoonmuseum, das ist schon mal gut»: Leiterin Anette Gehrig.

Anette Gehrig über den Zustand der Neunten Kunst in der Schweiz, zu der am Freitag das erste Schweizer Symposium stattfindet.

Die Debatte darüber, ob Comic Kinderkram sei, hat sich längst erledigt (Kurzantwort: Päng!). Drängendere Fragen stehen an: Wer braucht die Bildergeschichten, und was sind sie unserer Gesellschaft wert? Dazu findet in Basel das erste «Nationale Symposium zur 9. Kunst» statt, zu dem die Christoph Merian Stiftung, die Hochschule Luzern und der Verein Réseau BD Suisse laden. Anette Gehrig, Leiterin des Cartoonmuseum Basel, gibt Auskunft.

Heute werden Comics sogar für die Matura gelesen. Ist er definitiv angekommen?

Anette Gehrig: Ja, der Comic ist angekommen. Es gibt Institutionen wie etwa Schweizer Jugend forscht, die Jugendliche bei ihren Matura-Arbeiten unterstützen. Das können technische Themen sein, hier in Basel etwa aus dem Bereich der Pharmaindustrie. Dazu gehört aber auch der Comic. Ich freue mich immer, wenn sich junge Menschen damit beschäftigen. Der Comic wird aber auch in der breiteren Bevölkerung immer beliebter. Geholfen hat dabei sicher, dass man von der klassischen Abenteuergeschichte weggekommen ist. Heute kann man im Comic alle Formen finden, die es in der Literatur auch gibt.

Wenn der Comic so weit verbreitet ist, wozu muss er dann gefördert werden?

Der Punkt ist: Es gibt kaum Förderung in der Comic-Kunst. In den Achtzigerjahren hat der Schweizer Comic letztmals einen Schub bekommen mit dem «Strapazin»-Magazin, dem Fumetto-Festival in Luzern und natürlich mit dem Cartoonmuseum Basel. An solchen Orten wird die Kunstform sichtbar, nur basiert das mehrheitlich auf Eigenleistungen. Es stehen nur wenig finanzielle Mittel zur Verfügung, auch für Zeichner. Es gibt ein Städte-Stipendium im deutschsprachigen Raum, den Prix Rodolphe Töpffer in Genf und das Migros-Kulturprozent, die den Comic als eigene Kunstgattung fördern. Und bei Stiftungen hängt es davon ab, wer in den Fördergremien sitzt: Comic gilt häufig noch immer nicht als eigenständige Form.

Was leistet der Comic denn Besonderes, was andere Bücher nicht können?

Weil Comic mit Bild und Text gleichzeitig arbeitet, kann er auf einer einzigen Seite ganz verschiedene Dimensionen zusammenbringen. Unglaublich, in welcher Kürze etwas so Komplexes vermittelt werden kann, das in einem Buch vielleicht hundert Seiten braucht. Was nicht heissen soll, dass Comics deshalb einfacher zu lesen wären: Eben weil der Comic mit vielen Leerstellen arbeitet und ich mich zwischen Text und Bild bewege, ist das eine grosse Herausforderung. Da braucht es viel Input, Wissen und Fantasie seitens der Leserschaft.

Mehr Förderung bedeutet mehr Comics. Gibt es dafür überhaupt ein Publikum?

Wir haben im Vorfeld unseres Symposiums geforscht: Der europaweit erfolgreichste Comiczeichner ist der Schweizer Zep («Titeuf», Anm. d. Red.) mit 25 Millionen Büchern. Der in Zürich verstorbene Zeichner Mike van Audenhove («Zürich by Mike», Anm. d. Red.) hat es auf 200 000 Bücher gebracht. Das Potenzial ist also da, das sehen wir auch an den Besucherzahlen unseres Museums. Die neuen Formen, die komplexere Geschichten erzählen, kommen an, allerdings muss noch viel getan werden, bis auch die Verkaufszahlen steigen. Leider befindet sich der Buchmarkt insgesamt in einer schwierigen Situation.

Was kann das Symposium daran ändern?

Wir wollen die Dringlichkeit der Kunstform aufzeigen. Comic, der zwischen der bildenden Kunst und der Literatur seine Stärken hat, findet immer noch zu wenig Anerkennung. Das betrifft auch die Forschung, das Sammeln und Vermitteln. Das Cartoonmuseum ist eine private Institution und nimmt eine Aufgabe wahr, die eigentlich vom Staat übernommen werden müsste. Comics und Comicreportagen arbeiten ja auch Wissen über unsere Gesellschaft auf, was auf zunehmendes Interesse stösst. Diese Stärken wollen wir sichtbar machen, aber auch zeigen, was noch fehlt. Dafür bringen wir alle Player zusammen, auch über den Röstigraben hinweg: Lehrer, Bibliothekare, Lehrpersonen, Leseförderung und Kunstschaffende. Zusammen wollen wir in Workshops Fragen und Inhalte erarbeiten und uns insgesamt besser vernetzen. Aktuell ist die neue Kulturbotschaft in der Vernehmlassung. Da das Symposium zu einem kleinen Teil vom Bund unterstützt wird, werden wir dazu auch Inputs geben können.

Welchen Stand hat der Comic in der Region Basel?

Es gibt das Cartoonmuseum, das ist ja schon mal gut. Bei dem bereits erwähnten Comic-Stipendium der Deutschschweizer Städte ist der Kantone Basel-Stadt allerdings nicht eingestiegen. Diese Verantwortung musste die Christoph Merian Stiftung übernehmen. Vonseiten des Staates gibt es bei uns also keine Förderung für den Comic. Zeichner können ihre Projekte beim kantonalen Fachausschuss höchstens als Kunst eingeben oder versuchen, an Gelder des Swisslos-Fonds zu kommen. Wenn die Geschichten Basel zum Thema haben, liegt das vielleicht drin. Aber sobald dieser Bezug fehlt, gibt es dafür keine eigenständige Förderung. Das finde ich schade.

Und welcher Comic über Basel muss unbedingt noch gezeichnet werden?

Hm... Wie wäre es mit einem Comic über einen alten Basler Meister, zum Beispiel Dürer oder Holbein? Dessen «Totentanz» war ja auch ein Comic.

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