Euro 08

Een blijvende Herinnering – vor 10 Jahren nahmen die Holländer Basel ein

Vor zehn Jahren fand die Euro 08 statt. In Erinnerung bleiben den Baslern weder die Auftritte der Schweizer Nati noch die mittelmässige Stimmung, die weitgehend in der Stadt herrschte. Doch einen Tag vergisst niemand, der dabei gewesen ist.

Erinnern Sie sich noch an den Samstag vor vier Wochen? Eben. Er ist bereits jetzt, wie die allermeisten Tage, aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Rar gesät sind die anderen Tage, die sich im Detail rekonstruieren lassen. Einer davon ist der 21. Juni 2008, der Samstag vor zehn Jahren.

180'000 Holländer waren in Basel zu Gast und alle Basler erinnern sich noch daran, was sie an diesem Tag gemacht haben. Auch an die orange Wand beim Rheinbord und auf der Mittleren Brücke, an die Fangesänge mit den holländischen Fans, an die Tränen nach dem Ausscheiden der Oranje, an die Freundschaften, die sie knüpften.

Natürlich erinnert sich auch Euro-08-Turnierdirektor Christian Mutschler. Bereits um sechs Uhr in der Früh begab er sich ins Hotel Hilton, wo die tägliche Konferenz mit den anderen sieben Austragungsorten abgehalten wurde. Einmalig, dachte Mutschler: Die ganze Stadt hat über Nacht einen Orange-Stich bekommen. An der Heuwaage standen bereits die Campingwagen der holländischen Fans.

Ansonsten sollte er an diesem Tag nicht mehr viel mitbekommen vom Ausnahmezustand in der Stadt. Er verbrachte ihn im Stadion. Vielleicht einer der wenigen Momente, an denen sich der Turnierdirektor woanders hinwünschte in den drei Wochen EM: der Abend, an dem die Holländer die Stadt aus den Angeln hoben.

Auch Yael Ellenbroek erinnert sich. Sie ist in Basel aufgewachsen, ihr Vater Holländer – alles war angerichtet für einen Ausgang, ein schönes Fest mit den holländischen Freunden. Schon früh wurden an diesem Samstag ihre Pläne durchkreuzt. Ihr Chef vom Swissôtel, wo die heute 30-Jährige als Studentin arbeitete, rief sie an, sie solle doch die niederländische Nationalmannschaft am Nachmittag betreuen. Diese war in einer Villa an der Grenze zu Riehen einquartiert und Ellenbroek die einzige Hotel-Angestellte, die holländisch sprach.

Beim Gedanken, Weltstars wie Ruud van Nistelroy, Arjen Robben und Robin van Persie Kaffee zu bringen, wären wohl 90 Prozent der holländischen Junggesellinnen in Ohnmacht gefallen. Nicht so Ellenbroek. «Ich kannte die meisten Spieler gar nicht. Die waren vor dem Spiel ohnehin viel nervöser als ich und zapplig wie kleine Kinder.»

Zum Fest auf dem Kasernenareal schaffte es Ellenbroek aber rechtzeitig. Hier bereitete sich der Basler DJ Flume auf seinen Auftritt vor. Drei Wochen war er bereits in der Fanzone gestanden und hatte den Fussballanhängern eingeheizt, doch als er an diesem Samstagnachmittag vom Gundeli ins Kleinbasel radelte, wusste er: Nichts wird diesen Abend toppen.

Die Holländischen Fans belagerten das Rheinbord.

Die Holländischen Fans belagerten das Rheinbord.

«Bereits als ich ankam, waren die Fans betrunken – und es sollte im kompletten Wahnsinn ausarten.» Die drückende Sonne verstärkte den Effekt vom Dauertrinken noch. DJ Flume, der «nicht so der Lampenfiebertyp» ist, machte sich sofort Gedanken über seine «Showtime», wie er alle seine Auftritte unbescheiden nennt. «Ich hab mir gedacht, was ziehe ich meinen Girls an, wann wüte ich selber rein. Für die Stimmung musste ich aber nicht viel machen. Die Leute schrien und zogen sich aus, Männer und Frauen. Ich hatte ein paar Oranje-Songs vorbereitet und achtete darauf, dass ich sie im richtigen Moment bringe.»

Eymanns Erinnerungsgeschenk

Auch der damalige Basler Regierungspräsident Guy Morin fand eine Stadt im Ausnahmezustand vor, als er sich in Richtung Stadion begab. Natürlich gehörte es zu den Vorzügen der Regierungsmitglieder, dass sie bei den Spielen dabei sein durften. Als er bei der Martinskirche von ein paar holländischen Touristen nach dem Weg gefragt wurde, konnte er es sich nicht verkneifen: «Ich sagte ihnen, dass ich der Basler Bürgermeister sei. Da kriegten sie sich nicht mehr ein.»

Auch der damalige Basler Bildungsdirektor Christoph Eymann und sein Baselbieter Kollege Urs Wüthrich haben lebhafte Erinnerungen an die orange Invasion: Die beiden nahmen im Rathaus an einem Empfang für den offiziellen Fanclub der holländischen Nati teil, was später dann noch zu einem Protest der russischen Delegation führte, warum man nicht auch empfangen worden sei.

Anschliessend machten sich Eymann und Wüthrich auf durch die Druggede in Richtung Kasernenareal: «Ich erinnere mich an viele verschwitzte, bierselige Holländer, die mich alle umarmen wollten», sagt Eymann. Einer steckte ihm heimlich drei orange Tangas in die Tasche seines Kittels.

Der Holländer-Tag rettete die Basler Euro. Zuvor war praktisch alles gegen den Standort gelaufen. Das regnerische Wetter hatte die Fanzonen leergespült, und das Abschneiden der Schweizer Nationalmannschaft, die bereits nach den ersten zwei Spielen ausgeschieden war, liess gar nie gross Euphorie aufkommen. Der Campingplatz beim 9. Stadion in Bubendorf mit Platz für 2000 Personen war bisher kaum genutzt worden.

Kein Wunder, hofften die Verantwortlichen auf Bilder, wie sie sie aus Bern kannten: eine Stadt im orangen Freudentaumel. Dafür zeigten sich die Organisatoren für einmal von ihrer kreativen und spontanen Seite. Der Hammering Man am Aeschenplatz wurde komplett orange eingepackt, der Tinguely-Brunnen eingefärbt. Für den Fanmarsch schaltete man alle Ampeln um – natürlich ebenfalls auf Orange. Selbst die Polizei drückte beide Augen zu, als die angeheiterten Fussballfans am drückend heissen Nachmittag von der Mittleren Brücke in den Rhein zu springen begannen. Die Kameras aus aller Welt hielten drauf. Ironischerweise sollten die freudigsten Bilder der Euro aus Basel etwas Illegales zeigen.

Die Party an diesem Samstag dauerte lange, aber nicht ewig. Sie zerschellte an der überraschenden Niederlage gegen die Russen, die sich in der Verlängerung durchsetzten. Und natürlich auch am Alkohol. Zwölf Stunden Bierkonsum gingen selbst an den stämmigsten Holländern nicht spurlos vorbei.

800 Leichtverletzte

Viele, wohl die meisten, schafften es nicht zu einer der zahlreichen Afterpartys, sondern suchten sich ein lauschiges Plätzchen in einem Park oder am Rhein. Oder legten sich direkt unter eine Strassenlaterne. Im Fancamp Pratteln fand die Polizei am nächsten Tag einen leeren, orangen Wohnwagen mit der Aufschrift: «Danke viel».

Der Wohnwagen, den die Holländer auf dem Camping hinterliessen.

Der Wohnwagen, den die Holländer auf dem Camping hinterliessen.

Wer am Haus der Ellenbroeks vorbeischlenderte, der bekam immerhin noch einen Mitternachtssnack. Yaels Vater verteilte vom Balkon aus Poffertjes, holländische Pfannkuchen.

Für andere war der Tag noch lange nicht fertig. Der Chefarzt des Notfallzentrums des Universitätsspitals erinnert sich an einen «absoluten Rekordtag» im Notfall. Alleine die Sanitätshilfsstellen hätten rund 800 Leichtverletzte behandeln müssen, 100 mussten ins Spital, sagt Roland Bingisser. Übermässiger Alkoholkonsum war die Hauptursache, aber auch Leute, die kollabiert waren, weil sie sich im kühlen Rhein abkühlen wollten. Zudem mussten drei Schwerverletzte behandelt werden, die sich beim Springen von der Brücke in den Rhein verletzt hatten.

Diese Bilder gingen um die Welt.

Diese Bilder gingen um die Welt.

Doch «nach dem Tag der Oranje-Invasion war uns bewusst, dass wir den Härtetest bestanden und sich die intensiven Vorbereitungsarbeiten auf die Euro 08 gelohnt hatten», sagt Bingisser. So denken heute wohl die meisten Basler, wenn sie auf den 21. Juni 2008 zurückblicken.

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