Entwicklung
«Ecopop verwendet den Begriff der Nachhaltigkeit unrechtmässig»

Paul Burger, Professor für Nachhaltigkeit, über das grüne Leben in Städten und Zukunftsstrategien.

Annika Bangerter
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Je mehr Einkommen die Bevölkerung hat, umso mehr Raum beansprucht sie. Deshalb löse die Ecopop-Initiative nicht das Problem der Zersiedelung, so Paul Burger.

Je mehr Einkommen die Bevölkerung hat, umso mehr Raum beansprucht sie. Deshalb löse die Ecopop-Initiative nicht das Problem der Zersiedelung, so Paul Burger.

Herr Burger, ob bei Möbel, einer Reise oder politischen Initiativen: Überall wird mit der Nachhaltigkeit argumentiert. Ist der Begriff nur noch Etikettenschwindel?

Paul Burger: Der Begriff der Nachhaltigkeit ist tatsächlich sehr populär. Es ist ein viel gebrauchter Ausdruck unserer Alltagssprache. Wir bezeichnen damit Umstände, die besonders gute Effekte erzielen oder möglichst lange andauern. Der Brundtland-Bericht von 1987 orientierte sich jedoch nicht an dieser alltagssprachlichen Bedeutung, sondern schuf das Kunstwort der Nachhaltigen Entwicklung. Diese Kommission der Vereinten Nationen wollte aufzeigen, dass die bisherigen Entwicklungsstrategien und das traditionelle wirtschaftliche Wachstum langfristig so nicht funktionieren.

Wie definieren Sie Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit thematisiert die gesellschaftliche Entwicklung unter der Vorgabe von knappen Ressourcen und fragilen Systemen. Die Idee ist, dass die zukünftigen Risiken in den heutigen Entscheidungen mitberücksichtigt werden – mit dem Ziel, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. Der Begriff hat nicht an Relevanz verloren, im Gegenteil. Dass ihn heute alle benützen, ist Ausdruck seines Erfolges. Die Probleme werden ein Stück weit anerkannt. Die Menschen versuchen, mit den Herausforderungen umzugehen. Vergleichen wir dies mit der Situation vor 25 Jahren, ist das ein grosser gesellschaftlicher Fortschritt.

Verliert der Begriff an Sprengkraft, wenn er überall verwendet wird?

Das ist richtig, deshalb müssen wir genau hinschauen. Die schlimmste Äusserung, die ich je gehört habe, war von einem General. Er begründete eine erfolglose Militärkampagne damit, dass das Bombardement der Gegner nicht nachhaltig genug war. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie leicht sich die Alltagssprache und das Kunstwort vermischen und zu Missverständnissen führen können. Deshalb müssen wir als Forscher immer wieder die Frage stellen: Hinter welchen Etiketten stecken tatsächlich nachhaltige Leitbilder? Aber keine Frage, der Ausdruck wird für ein «green washing» verwendet. Vor diesem Hintergrund ist es zentral, dass Nachhaltigkeit nicht mit Ökologie gleichgesetzt werden darf.

Was für Bereiche beinhaltet dann die nachhaltige Entwicklung noch?

Die gesamte gesellschaftliche Entwicklung. Nicht nur Ökosysteme können fragil sein, sondern auch Gesellschaften. Wir müssen die Zukunft so gestalten, dass wir nicht nur unsere ökologischen Grundlagen, sondern auch unsere gesellschaftliche Handlungsfähigkeit erhalten. Dazu gehören unter anderem die Bildung, die soziale Gerechtigkeit und der soziale Ausgleich.

Wo ist die Schweiz gefordert?

Die Zersiedelung und der Raumverbrauch sind in der ganzen Schweiz nicht nachhaltig. Seit 20 Jahren verbauen wir pro Sekunde einen Quadratmeter. Die Kosten der verfehlten Raumplanung tragen die kommenden Generationen. Die grosse Herausforderung besteht darin, erstmals die weitere Versiegelung zu stoppen. Grössere Relevanz erhalten in Zukunft die Verteilung des Reichtums und die internationale Vernetzung. Diese ist für die Schweiz überlebenswichtig. Leider zeigen hier die Tendenzen in eine andere Richtung, was grosse Probleme hervorbringen könnte.

Wo hat die Schweiz eine gute nachhaltige Entwicklung eingeschlagen?

Im Bereich der Finanzpolitik wurden gewisse Korrekturen gemacht, die ich als wichtig erachte. Auch die Energiewende ist positiv aufgegleist. Wichtig ist aber: Die nachhaltige Entwicklung ist ein globales Leitbild. Es kann nicht sein, dass die Schweiz nachhaltig ist und beispielsweise die Menschen in Kenia im Elend leben. Von nachhaltiger Entwicklung können wir nur sprechen, wenn global ein vernünftiges Management von Ressourcen und Fragilitäten erreicht wird und die Menschen überall menschenwürdig leben können. Je kleinräumiger man dagegen Nachhaltigkeit denkt, umso problematischer ist dies.

Dies macht aber aktuell die Ecopop-Initiative.

Dieses Argument, dass jedes Land für sich die eigenen Lebensgrundlagen zur Verfügung stellen muss, ist absolut nicht gerechtfertigt. Länder, die wenig Ressourcen zur Verfügung haben, würden dadurch massiv benachteiligt. Ecopop verwendet den Begriff der Nachhaltigkeit hier unrechtmässig, denn in der nachhaltigen Entwicklung geht es immer auch um Gerechtigkeit – auch global betrachtet.

Die Initiative will das Bevölkerungswachstum stoppen. Ist das nicht auch nachhaltig?

Nein, es braucht konkrete Vorschläge für gesellschaftliche Anpassungen. Hierzu gehören Ideen, wie der Lebensstandard beibehalten werden kann und gleichzeitig weniger Konsumgüter verbraucht werden. Dazu trägt Ecopop nichts bei. Im Gegenteil, dafür brauchen wir sehr viel Innovation. Mit der Zuwanderungsbegrenzung fehlen uns diese Kräfte. Ecopop argumentiert mit der Umwelt. Sie folgern, dass mit einem Zuwanderungsstopp kein weiterer Raum mehr verbaut oder beansprucht wird. Das ist falsch. Es gibt seit mehr als 20 Jahren klare gesellschaftliche Faktoren, wieso wir mehr Raum verbrauchen. Und die hängen nicht von der Zuwanderung ab.

Sondern?

Diese beziehen sich auf die Lebensstandards und sind auch eine Einkommensfrage. Wer viel verdient, will sein Geld häufig in Raum verwandeln und baut sich beispielsweise sein Einfamilienhaus. Das braucht Platz. Sobald das Haus nicht mehr in der Stadt ist, braucht es die entsprechenden Einrichtungen für Mobilität und Infrastruktur. Ich sehe nicht, inwiefern Ecopop einen Einfluss auf die gesellschaftlichen Faktoren haben kann, die die Raum- und Mobilitätsentwicklung der letzten 20 Jahre prägten.

Die Städte gelten eher als umweltbelastend, das Landleben als ‹grün›? Ist das ein Mythos?

Wir müssen unterscheiden zwischen den Leistungen der Städte und den Leistungen der Landbevölkerung. Deren Erhalt der Kulturlandschaft gilt es beispielsweise zu honorieren. Weiter müssen wir diese wirklichen Grünflächen vom Siedlungsgürtel im Mittelland abgrenzen. Bei dieser Art der Verstädterung gibt es keine Urbanität. Das hat zur Folge, dass die Menschen für die Arbeit und in ihrer Freizeit in die Städte pendeln und Mobilität kreieren. Obwohl viel Fläche genutzt wird, fehlt die Dichte. Das ist nicht nur für das Landschaftsbild hässlich, sondern auch ineffizient.

Inwiefern sind Städte nachhaltig?

Die Energieeffizienz in der Stadt ist eindeutig besser als auf dem Land. Städte ermöglichen eine effiziente Nutzung ihrer Infrastrukturen. Sie haben kurze Wege. Wenn sie ein Dorf mit 1000 Einfamilienhäuschen haben, brauchen diese in der Regel ihr eigenes Heizsystem. Und der öV lohnt sich erst ab einer gewissen Dichte. In der Stadt zahlt sich das öV-Netz aus und sie können mit Fernwärme oder kollektiven Heizsystemen den Pro-Kopf-Aufwand von Wärme und Energie ganz anders handhaben. Insofern ist die Dichte eine Komponente für die Nachhaltigkeit. Diese sollte sich nicht als Steinwüste manifestieren. Dichte darf nicht lebensfremd sein, sondern muss Lebensqualität ermöglichen. Hier haben die Städte viel geleistet, weshalb wir eine Re-Urbanisierung haben. Das ist für die nachhaltige Entwicklung eine gute Tendenz.

Sie sagten, dass es konkrete Vorschläge für die Nachhaltigkeit braucht. In welche Richtung gehen die?

Das kann beispielsweise durch ‹property sharing› erfolgen. Ein bestimmtes Gerät – wie ein Auto – wird von mehreren Benutzern geteilt. Die gleichen Leistungen werden mit verringertem Energie- und Materialaufwand erreicht. Neben solchen materiellen Komponenten im Alltag sind die Strategien des Klimawandels bedeutsam. Dass wir diesen Sommer fast kein Hochwasser hatten, ist dem sensationellen Hochwassermanagement der Fachleute zu verdanken. Nachhaltige Entwicklung bedeutet auch, mit einer Vorsorge auf potenzielle Risiken reagieren zu können. Ein weiterer Punkt ist die Entwicklung der Infrastruktur. In den letzten Jahren haben wir nur von Ausbau gesprochen. Eine nachhaltige Mobilität bedeutet aber, weniger Mobilität zu haben.

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