Der Mensch unterscheidet sich vom Tier. Zum Beispiel darin, dass er Fragen stellen kann. Auch Fragen, auf die er nie eine Antwort bekommt. Friedrich Nietzsche war ein solcher Fragender. Er trieb dieses Spiel so weit, dass er selbst über seine eigene Tätigkeit kübelweise Spott ausgiessen konnte. Zum Beispiel so: «In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden.» Nur ist das, nach Nietzsche, ein hoffnungsloses Unterfangen, denn sein Gedanke endet so: « Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mussten sterben.»

Solche Sätze haben den Denker mit dem Über- Schnauz weltberühmt gemacht, postum notabene. Nietzsche ist zeitlebens am geringen Interesse an seinen Büchern verzweifelt. Erst nach seinem Tod haben sich Generationen von Philosophen an ihm abgearbeitet und Abertausende von Lesern an seiner glasklaren Sprache ergötzt. Er ist zur Ikone, ja zu einer Art Abziehbild für den Philosophen an sich geworden. Kaum einer wird so viel zitiert wie er. Über kaum einen herrschen so viele Missverständnisse. Kaum einer vermag wie er auch noch gut 120 Jahre nach seinem Tod dermassen zu polarisieren.

Kein Mensch, sondern Dynamit

An den Missverständnissen und Missdeutungen ist er selbst schuld. Jemand, der so viele zitierbare Sätze schreibt, läuft Gefahr, missbraucht oder missverstanden zu werden. Jemand, der von sich schreibt, er sei kein Mensch, sondern Dynamit, und glaubt, die Menschheitsgeschichte werde sich in ein Vor- und ein Nach-Ihm teilen, braucht sich nicht zu wundern, wenn seine Feinde ihm schlicht Grössenwahn attestieren.

Und Feinde hat er sich einige gemacht. Wer Gott als Erfindung des Menschen entlarvt und fröhlich seinen Tod verkündet, der brauchte Ende des 19. Jahrhunderts einigen Mut, ja vielleicht eben sogar etwas Wahn.

Um diesem Denker wirklich gerecht zu werden, gibt es unterschiedliche Strategien. Das Gesamtwerk zu lesen, ist mit Gefahren verbunden und nur Menschen mit athletischer Kondition zu empfehlen. Schon so mancher ist in Nietzsches Meer aus widersprüchlichen Erkenntnissen ertrunken. Einfacher ist es, sich an jemanden zu wenden, der diese Schwimmübung überstanden hat. Benjamin Mortzfeld ist so jemand. Er ist zwar von Haus aus kein Philosoph, sondern Literaturwissenschafter, Historiker und Ausstellungsmacher. Er hat sich jedoch für die Ausstellung, die das Historische Museum kommenden Dienstag eröffnet, zum Spezialisten dafür gemacht, wie Nietzsche einfach zu erklären ist. Zeit also, sich von ihm einige der grossen nietzscheanischen Begriffe erklären zu lassen.

Herr Mortzfeld, wie gehen Sie grundsätzlich vor bei Nietzsche?

Benjamin Mortzfeld: Bei Nietzsche ist immer Vorsicht geboten. Er ist selten auf eindeutige Aussagen festzunageln. Je besser sie sich auskennen, um so schwieriger wird es. Sie finden beinah zu jeder Stelle, eine andere, in der er sich widerspricht. Der Kern aber ist der: Alles Hinterfragen, weil es keine endgültigen Gewissheiten gibt.

Was meint er, wenn er sagt, «Gott ist tot»?

Das ist übertragen gemeint: Die Menschen richten ihr Leben nicht mehr nach Gott aus. Sie befreien sich von ihm. In diesem Sinne ist Gott tot. Nietzsche sieht das als fröhliche Nachricht. Es entstehen Freiräume. Die ganze Moralkiste ist weg, wir haben niemanden mehr, auf den wir die Schuld schieben können. Wir sind ganz allein für unser Tun verantwortlich.

Was genau ist denn der «Übermensch»?

Ein Übermensch ist jemand, der über sich hinauswächst, der die Anlagen, die in ihm vorhandenen sind, verwirklicht. Wenn jemand das eigene Potenzial trotz äusserer Widerstände und moralischer Normen ausleben kann, dann hat er den Übermenschen-Status erreicht. Der Übermensch ist also der selbstverwirklichte Mensch. Vielleicht leben wir demnach in einem Zeitalter des Übermenschen, zumal alle angeben, sie würden sich selbst verwirklichen. Wobei die Frage ist, was das genau bedeutet. Ob damit gemeint ist, jeden Kontinent des Planeten bereist zu haben, bezweifle ich. Es geht Nietzsche um die kreativen und geistigen Potenziale. Um diese zu befreien, muss man sich selbst und äussere Zwänge überwinden. Das ist ein Kraftakt. Das meint Nietzsche, wenn er sagt: «Du sollst der werden, der Du bist!»

Was ist der «Wille zur Macht»?

Das ist ein problematischer Begriff in Nietzsches Werk. Vor allem, weil seine Schwester nach Nietzsches Tod eine von ihr zusammengestellte Textsammlung mit diesem Titel herausgegeben hat. Das Buch stammt also gar nicht von Nietzsche. Er selbst sagt nie genau, was denn «Der Wille zur Macht» sein soll. Und somit legt jeder das rein, was er gerne hätte. Ich selbst würde den Begriff so interpretieren: Der Wille zur Macht ist eine Art Antriebskraft der Welt. Es ist eben gerade nicht der Machthunger eines Napoleon, Hitler oder Trump gemeint, sondern eine Art Lebenskraft oder Grundenergie, die allem innewohnt.

War Nietzsche Antisemit?

Es gibt klar antisemitische Tendenzen bei Nietzsche. Wie über alles äussert er sich auch zum Judentum kritisch. Wirklich vernichten wollte er jedoch nicht das Judentum, sondern das Christentum. Als seine Schwester einen Antisemiten heiratete, verurteilte Nietzsche dies mit den Worten, er selbst sei ein Anti-Antisemit.

War er ein Frauenfeind?

Dem würde ich vorsichtig widersprechen. Nehmen wir das eine berühmte Zitat: «Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!» Das sagt nicht Nietzsche, sondern eine Figur in «Zarathustra», nämlich eine alte Frau. Zu behaupten, das sei Nietzsches Meinung, ist naiv. Das zweite berühmte Zitat lautet: «Das Weib war der zweite Fehlgriff Gottes.» Da muss ich aber fragen: Was oder wer war denn der erste Fehlgriff?