Theater Fauteuil

Django Asül: «Das Wahlergebnis amüsiert mich»

«Niederbayern war für mich schon immer ein sehr angenehmes Terrain.» Django Asül, 45.

«Niederbayern war für mich schon immer ein sehr angenehmes Terrain.» Django Asül, 45.

Django Asül ist der Sohn türkischer Einwanderer und spricht vor seinem Auftritt im Basler Fauteuil über Politik, Deutschland, die Türkei sowie die Schweiz.

In seinem Pass steht Uğur Bağışlayıcı, auf der Bühne heisst er Django Asül. Seit mehr als 20 Jahren bringt der Sohn türkischer Einwanderer seine satirischen Gedanken auf die Kabarettbühnen. Insbesondere die Politik seiner Heimat, Bayern, hat es ihm angetan. Wie geht es ihm denn, so kurz nach den Wahlen und vor seinem Gastspiel in Basel? Anlass für ein Ferngespräch.

Django Asül, Sie haben den Termin unseres Gesprächs auf 9 Uhr festgelegt. So früh auf den Beinen?

Django Asül: Ja, halb acht aufstehen, ab acht Uhr arbeiten. Ich bin antizyklisch. Andere Kabarettisten fangen erst um acht Uhr abends an.

Manche Journalisten ebenfalls.

Deshalb setze ich Interviewtermine so früh an: Um die Branche so richtig in Aufruhr zu versetzen.

Für Aufruhr sorgte das Wahlwochenende in Deutschland. Was war das für Sie als Kabarettist? Ein gefundenes Fressen?

Ja, auf jeden Fall. Ich darf jeweils einen Jahresrückblick basteln, mit dem ich Dezember/Januar auf Tournee bin. Und wenn eine Regierungskoalition aus dem Wolkenkuckucksheim wieder in die Realität zurückgeholt wird, dann ist das natürlich interessant für einen Satiriker. Nicht nur ein gefundenes Fressen, sondern schon fast ein Abo-Essen für die kommenden Monate.

Und für Sie als Privatmensch: eine Tragödie?

Nein, wir in Niederbayern haben ja eine besondere Beobachterperspektive innerhalb Deutschlands. Wir leben mental und sozial gewissermassen autark. Das Wahlergebnis hat mich als Privatmann amüsiert. Vor allem die Reaktionen darauf. Wenn die Kanzlerin rausgeht und sagt, sie wüsste nicht, was sie falsch gemacht haben könnte. Und ihr Gegenkandidat sich in der Elefantenrunde plötzlich so aufführt, wie wenn er die Wahl gewonnen hätte. Das ist schon grosses Theater.

Nicht erschreckend, dass mit der AfD eine Rechtsaussenpartei so viele Stimmen erhalten hat?

Von aussen betrachtet sieht es so aus, dass bei wichtigen Punkten alle sogenannten grossen Parteien quasi unisono agiert haben. Wenn man nicht der Meinung der Regierung war, wurde man in die Ecke gedrängt, nach dem Motto: Dann wählst Du halt nicht. Oder man wählte eben etwas, womit die Regierung nicht rechnete.

Aber die Fremdenfeindlichkeit, die müsste Sie doch beunruhigen.

Ich sehe generell alles gelassen, führe ein Leben, auf das die reale Politik relativ wenig Einfluss hat. Ich nehm das, was mir die Regierung vorsetzt. Was nun passiert ist, war ja mit Ansage.

Sie wuchsen als Sohn türkischer Immigranten auf, im ländlichen Bayern. Half Ihnen der Humor, ernst genommen zu werden? Das war ja sicher nicht einfach, damals in den 1970ern und 1980ern…

Ein einfacheres Aufwachsen hätte ich mir gar nicht wünschen können. Meine Sozialisation wurde zu 80 Prozent vom hardcore-konservativen Lager bestritten. Mein Heimatort war immer ein riesiger Laufstall. Meine Eltern arbeiteten Schicht, sodass mich die vermeintlich tiefschwarzen CSU-ler zu dem machten, was ich bin. Ich kann mich nicht in den Chor all jener einstimmen, die sagen: Das war alles so hart und grob. Aber meine Eltern haben sich auch nie versteckt, sondern sagten sich: Jetzt sind wir hier und schauen halt, dass wir mit den Leuten klarkommen. Sie hatten viel mehr Kontakt zu niederbayrischen Aborigines als zu anderen Gastarbeitern. Meine Entwicklung ist sicher nicht exemplarisch, dieser Landstrich, der zu den konservativsten in der Nation zählt, war für mich immer schon ein sehr angenehmes Terrain.

Sie erlebten selber keine Fremdenfeindlichkeit?

Nein. Ich war ja nie fremd. Das erste kulturelle Highlight, an das ich mich erinnern kann, war, dass mich der Nachbar jeden Sonntag zu seinem Stammtisch mitgenommen hat.

Dass Sie so ausgeprägt bayrisch reden ist also gar keine Koketterie, sondern Muttersprache?

Ja, durchaus. Mein türkisch war lange Zeit sehr rudimentär. Wenn ich heute türkisch red, hört sich das so an, wie wenn ein Bayer türkisch spricht.

Sie nehmen ja kein Blatt vor den Mund und teilen in alle politischen Richtungen aus. Angesichts Erdogans Durchgreifen: Wäre es heikel, gefährlich für Sie, in die Türkei zu reisen?

Ich hätte jetzt keine Bedenken, bin soweit Demokrat, dass ich jeden Staatschef hinnehme, den ein Volk gewählt hat und masse mir nicht an, so etwas infrage zu stellen.

Wer ist das grösste Übel: Seehofer, Gauland, Merkel oder Erdogan?

Ich hab an all die Herrschaften den Anspruch, dass sie mir als Satiriker soliden Stoff liefern. Welcher Couleur die Politiker sind – rot, schwarz, grün – ist zweitrangig. Vieles in der Politik ist ja schon eins zu eins übernommen unterhaltsam.

Ihr aktueller Blick auf die Schweiz?

Die Schweiz ist ein bisschen aus dem Fokus geraten. Europa ist mit ganz anderen Problemen beschäftigt, die grossen Themen liegen woanders. Daher kriegt man bei uns auch nicht so mit, ob sich die Schweiz wieder mit einer Ausschaffungsinitiative beschäftigt. Für mich hat die Schweiz ein bekömmliches Dasein, dünkt es mich, die Hammerthemen fehlen. Ein Highlight in diesem Jahr aber war: Die Schweiz hat Wimbledon gewonnen. Das ist ja eines der wenigen Tennisturniere, das nicht von Einzelspielern gewonnen wird, sondern von einem ganzen Land. Ich glaube daher, die politische Bestleistung der Schweiz waren die Australian Open und dann, im Juli, Wimbledon.

Vor Ihrer Karriere als Kabarettist arbeiteten Sie auf einer Bank – haben Sie da erstmals Ihren Blick Richtung Schweiz gerichtet?

Ja, klar. Als Banker ist man mental ein Schweizer. Und Basel ist für mich gefühlt eine Transformationsregion zwischen der Schweiz und Deutschland.
Ihr Programm heisst «Letzte Patrone». Wem ist denn die gewidmet?
Der Titel ist bewusst irreführend. Ich schiesse auf niemanden. Der Ausgangspunkt des Programms ist, dass gemäss Statistiken jeder Deutsche im Schnitt um einige Tage altert pro Jahr. Ich habe aber bei mir selber festgestellt, dass ich pro Jahr jeweils ein ganzes Jahr altere, womit ich weit über dem Durchschnitt liege. Offenbar bin ich demografische Elite, was mich zur Frage führt: Wie gehe ich mit meiner schneller ablaufenden Restlaufzeit um. Daraus entwickelt sich ein Programm, bei dem ich mich vom niederbayrischen Mikrokosmos auf die grossen Fragen unserer Zeit komme: von Elektromobilität über sozialen Aufstieg bis Europa.

Django Asül: «Letzte Patrone». Live: Theater Fauteuil, Basel. Sonntag, 1. Oktober, 19 Uhr.

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