Forschung

Dirk Schübeler über das Friedrich Miescher Institut: «Ein zweites Institut wie uns gibt es nicht»

«Der visionäre Geist herrscht hier noch immer», sagt Dirk Schübeler vor dem Instituts-Eingang an der Maulbeerstrasse.

«Der visionäre Geist herrscht hier noch immer», sagt Dirk Schübeler vor dem Instituts-Eingang an der Maulbeerstrasse.

Spitzenforschung konzentriert sich immer stärker in wenigen Ballungszentren. Für Dirk Schübeler, den neuen Direktor des Friedrich Miescher Instituts, ist es nicht selbstverständlich, dass sich Basel von der Industrie- zur Pharmastadt gewandelt hat. Möglich gemacht hätten das visionäre Investitionen.

In Basel wird Forschung von Weltformat betrieben – aber nicht nur in den Pharmaunternehmen und an der Universität. Auch eine Einrichtung, die in einem unscheinbaren Gebäude an der Maulbeerstrasse im tiefsten Kleinbasel zu Hause ist, geniesst in Wissenschaftskreisen höchstes Ansehen: das Friedrich Miescher Institut (FMI) für biomedizinische Forschung. Im 50. Jahr seines Bestehens hat es einen neuen Direktor, Dirk Schübeler.

Der 51-jährige Biologe empfängt uns im Besprechungsraum. Das Gebäude, in dem es normalerweise nur so wuselt vor Studierenden und Doktorierenden, wirkt gespenstisch leer. Nebenwirkungen des Lockdowns, der auch vor dem FMI nicht Halt gemacht hat.

Herr Schübeler, in drei Jahren sitzen Sie nicht mehr hier: Das FMI zieht 2023 auf den Novartis Campus um, in ein Produktionsgebäude, das entkernt und umgebaut wird. Haben Sie sich schon ein Büro ausgesucht?

Dirk Schübeler: Wo mein Büro sein wird, ist die letzte zu klärende Frage. Viel wichtiger ist, wo wir die Labore platzieren. Und wir freuen uns schon jetzt, bald auf dem Campus des Wissens zu forschen.

Warum ist die Nähe zu Novartis, die Firma ist Hauptgeldgeberin des FMI, so entscheidend?

Der Novartis Campus bietet in vielerlei Hinsicht bessere Bedingungen: Wir sind näher bei den Forschern von Novartis, aber auch näher an der Universität und dem Biozentrum.

Wir haben zwei Monate Corona-Lockdown hinter uns. Es geht offenbar auch ohne, dass man ständig aufeinander sitzt. Wie wichtig ist heutzutage überhaupt noch räumliche Nähe?

Nähe macht einen grossen Unterschied in der biomedizinischen Forschung. Das hat vor allem mit persönlichem Austausch zu tun, aber auch mit Technologien und Infrastruktur, die man gemeinsam nutzt. Wir brauchen auch Hardware, nicht nur Software.

Sie haben den Betrieb aber umgestellt während der zwei Monaten mit Lockdown?

Ja. Das Gebäude wirkt wohl auch jetzt noch etwas ausgestorben. Alle Arbeiten, bei denen das möglich war, wurden zuhause per Computer erledigt; und das ist auch jetzt noch der Fall. Auf die Dauer würde uns dieser Zustand aber sehr schaden. Zwar generieren wir heute mit Experimenten mehr Daten, können dadurch biologische Prozesse besser simulieren. Trotzdem ist experimentelle Forschung noch immer etwas sehr Handwerkliches. Und Forschung ist und bleibt Teamarbeit.

Der Stellenwert der Wissenschaft ist während der Coronakrise gestiegen. Spüren Sie das auch?

Die Infektionsforschung ist zwar nicht unser Kerngebiet. Aber ich denke schon, dass die Coronakrise – so schrecklich sie ist – uns auch Wichtiges in Erinnerung ruft: Sie hat vielen klar gemacht, dass Forschung der einzige Weg ist, um die richtigen Fragen zu stellen und dafür Antworten zu finden. Man hört ja gelegentlich Stimmen, die sagen: «Ach, wir wissen doch schon genug, gerade die Grundlagenforschung verschlingt doch nur Geld.» Die ganzen Debatten darum, warum Covid-19 gefährlich ist und wie es verbreitet wird, haben drastisch vor Augen geführt, dass unser Wissen immer noch sehr begrenzt ist, und das gleiche gilt für viele Krankheiten.

Die Schweiz hat ein vitales Interesse an der Pharmaindustrie. Eine Studie von Interpharma platziert die Nordwestschweiz auf Platz drei der attraktivsten Pharma-Standorte, hinter der Bay Area/San Francisco und Singapur. Sähe ihre Rangliste auch so aus?

Ich würde noch Boston zur Spitzengruppe dazuzählen. Aber ansonsten sehe ich das genauso. In Basel sind zwei der fünf grössten Pharmaunternehmen der Welt ansässig. Zusätzlich haben wir, neben uns, die Universität mit Biozentrum und Biomedizin, das Departement Biosysteme der ETH, das Tropeninstitut, die Fachhochschule, Biotech-Unternehmen und viele andere. Das ist eine enorme Ballung und Dichte, und genau das ist entscheidend. Gerade in den Life Sciences beobachten wir eine Clusterbildung. Entscheidend sind die Faktoren Technologie, Infrastruktur und Austausch, und dafür braucht es eine kritische Masse – mit dem Resultat das Innovation immer stärker in wenigen Zentren stattfindet. Das sehen sie sehr exemplarisch auch in der Computerindustrie mit dem Silicon Valley. Die Region Basel ist eines der Zentren für Life Sciences. Hier kommt ein Softfaktor hinzu: Basel und die Region sind für Arbeitskräfte sehr attraktiv – attraktiver, als die Stadt sich manchmal in der Eigenwahrnehmung sieht.

Forschung kann mit ein wenig Ausrüstung und Internetanschluss doch überall stattfinden?

Dezentrale, isolierte Standorte werden Mühe haben. Es geht nicht zuletzt um die Ausbildung und Karriereplanung der Fachkräfte. Die fragen sich: Kann ich den Job wechseln, aber in der Stadt bleiben, damit meine Familie nicht aus ihrem Umfeld gerissen wird? Historisch betrachtet waren andere Kriterien entscheidend für die Standortwahl von Unternehmen, zumindest bei der pharmazeutischen Forschung: Sie entstammt der Chemie, die riesige Produktionsanlagen benötigte. Die haben definiert, wo etwas stattfindet. Die pharmazeutische Forschung ist kaum an industrielle Anlagen gebunden. Von daher ist es umso erfreulicher, dass in Basel der Wandel gelungen ist, von Chemie zu Pharma und Life Sciences. Man schaue sich das frühere Sandoz-Werk St. Johann an: Wenn sie jemandem vor dreissig Jahren gesagt hätten, dass da einmal ein Campus des Wissens mit moderner Architektur stehen wird, diese Person hätte ihnen nicht geglaubt – damals, als es dort nur Schornsteine gab, Fabrikgebäude, Leitungen, Pumpen, Tanklager.

Es auch hätte anders laufen können. Das zeigen Beispiele von anderen Chemiestädten und ihren Unternehmen. Weshalb ist hier der Wandel geglückt?

In der Tat, im St. Johann könnten jetzt Industrieruinen stehen. Aber nein, der Wandel ist geschafft. Das hat damit zu tun, dass die Basler Chemie früh erkannt hat, in welche Richtung die Reise gehen könnte. Das kann man am Novartis Campus ablesen: Die zentrale Achse heisst Fabrikstrasse, heute sind dort Forscher tätig. Wir ziehen auf dem Areal in ein ehemaliges Produktionsgebäude. Dass wir hier in Basel sehr erfolgreiche Pharmaunternehmen haben, mag vielen selbstverständlich vorkommen – ist es aber nicht.

Was macht das Friedrich Miescher Institut speziell?

Das FMI ist ein Institut, das erfolgreich Spitzenforschung betreibt und junge Forschende aus der ganzen Welt ausbildet – in einer kollegialen Atmosphäre. Es gibt ähnliche Einrichtungen in Europa und in den USA. Was wirklich besonders ist am FMI, ist unsere Beziehung zu Novartis. Es gibt und gab andere Grundlagen-Forschungsinstitute, die von der Industrie unterstützt werden. Aber es fehlte häufig die Nachhaltigkeit. Ein Institut, das so lange frei forschen und ausbilden darf wie wir, 50 Jahre – da fällt mir persönlich kein zweites ein. Was Novartis hier leistet, ist ein enormer Beitrag für die Basler und Schweizer Wissenschaft. Man muss sich das mal vorstellen. Im Jahr 1970 sagt sich ein produzierendes Chemieunternehmen: Wir lassen Grundlagenforschung betreiben, finanzieren das, und es wird ausserhalb des Unternehmens betrieben. Das war sehr visionär, und dieser Geist herrscht noch immer. Ich bin seit 17 Jahren Forscher am FMI und habe diese Entscheidung nie bereut.

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