Herr Beck, geht es Ihnen noch gut?

Andreas Beck: Ja, ich war gerade ein bisschen auf der Probe von «Licht», danach gehts einem immer super.

Das Theater hat in dieser wegen der Renovationen um 35 Tage verkürzten Spielzeit 40 Produktionen gestemmt. Das ist schon ein wenig wahnsinnig, oder nicht?

Wir haben etwa genau so viel neu produziert wie die Vorgänger. Aber wir hatten vier Produktionen aus Wien schon im Köcher. Es war gut, dass wir gleich ein Repertoire hatten und sehr unterschiedlich sein konnten. Wir wollten herausfinden: Was interessiert das hiesige Publikum? Was jedoch überraschend ist: Der Basler geht nicht automatisch mehr ins Theater, nur weil es eine höhere Frequenz gibt. Das ist hier anders als in anderen Theaterstädten.

Fast alle Theaterhäuser machen immer mehr, die Zahl der Produktionen soll sich in den letzten rund 20 Jahren verdoppelt haben. Finden Sie diese Tendenz sinnvoll?

Wir müssen mehr Einnahmen rekurrieren. Und wir müssen dem Auftrag gerecht werden, neben den Klassikern die Gegenwart zu betrachten. Aber man kann nicht sagen: Das wünschen sich alle so. Ich habe mal mit Stefan Bachmann festgestellt: Wir haben eigentlich Sehnsucht nach einem faulen Theater, eines, das sich so wie in den 70ern im Jahr mit nur zwei, drei Stoffen auseinandersetzt. So hat etwa die Schaubühne von Stein funktioniert. Das ist heute nicht mehr möglich, auch wirtschaftlich nicht mehr denkbar.

Eigentlich ist dieses immer Mehr etwas, das Sie in Ihrem neuen Spielplan kritisch aufgreifen, dieses Versprechen, dass alles möglich sei.

Das muss man hinterfragen. Weil wir in einer Gesellschaft leben, die so tut, als hätten wir alle dieselben Chancen. Das ist nicht der Fall: Wir sehen ja, wie Grenzen wieder hochgezogen werden, um festzuhalten, dass man anders ist. Augenblicklich erleben wir eine Welt, die im Nationalismus, im Chauvinismus, ein Zukunftsprojekt entdeckt.

Sie haben vorher ein kleineres Einspartenhaus in Wien geleitet, das Schauspielhaus. Jetzt steuern Sie diesen Riesendampfer mit Oper, Ballett und Schauspiel. Wie ist es, ein grösseres Boot zu steuern?

Man ist nicht so schnell. Das ist der grösste Unterschied. Das Schauspielhaus war wie so ein kleines, wendiges Pilotboot. Hier ist man, gerade was die Oper angeht, langsamer, Kurskorrekturen muss man weit im vornhinein vornehmen. Ich habe ein Superteam um mich herum, ich mache das ja nicht allein. Auch wenn wir mehr produzieren und viel mehr Mitarbeiter sind, liegt die Last nicht nur auf ein paar Schultern, sondern auf vielen. Insofern ist es ganz angenehm. Am Schauspielhaus war alles letztlich mein Problem.

Trotzdem: Der Erfolgsdruck, unter dem Sie stehen, ist sicher grösser.

Der Druck in Wien war auch da. Hier ist er ein anderer. Dieses Haus kann ein Leuchtturm sein, über die Region hinaus. Das konnten wir zum Teil schon zeigen. Aber dafür muss dieses Haus auch mit einem bestimmten Stolz betrachtet werden. Man kann nicht immer drauf einschlagen und sagen: «Ja, jetzt macht doch mal was Zauberhaftes!» Den König spielen die anderen mit, heisst es im Theater. Wenn man grosse Erwartungen an dieses Haus hat, dann muss man auch mit offenen Armen und offenem Geist darauf zugehen. Die Stimmung, wie ich sie vor einem Jahr mitbekommen habe, hat sich bereits gebessert; das Bashing dieses Hauses ist nicht mehr zeitgemäss. Das ist schon mal super. Jetzt schauen wir weiter. Hier arbeiten gut 500 Menschen rund um die Uhr, um etwas ganz Besonderes zu ermöglichen.

Dafür brauchen Sie auch Geld. Sind Sie mit dem Budget zufrieden?

Ein Direktor, der mit dem Geld zufrieden ist, ist ein Dummkopf. Ich bin damit auch nicht zufrieden, aber wenn es bleibt, so wie es ist – und davon muss man ausgehen, weil wenn es weniger wird, verliert dieses Haus die Klasse, die es hat – dann werden wir noch schöne Sachen machen können, ja.

Obwohl die zusätzlichen Gelder, die man sich zwischendurch von Baselland erhofft hat, ausgeblieben sind.

Ach, da müssen die beiden Kantone zueinander finden. Die Politik hat die Aufgabe, über das Heute hinaus ans Morgen zu denken. Wenn man gewisse Dinge kaputtgespart hat, sind sie irgendwann nicht mehr da.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler, bekommen die jetzt die selben Löhne wie noch unter Delnon? Oder ist es weniger geworden?

Die Verträge werden jeweils neu verhandelt. Aber wir haben uns an den vorherigen orientiert. Worauf zielt die Frage ab?

Mir wurde gesagt, dass die Schauspieler nun weniger verdienten und kürzere Verträge hätten.

Nein. Das ist nicht der Fall. Alle, die hierhergezogen sind, haben Dreijahresverträge, und wir zahlen gute Gagen. Also ich neige nicht zu Neoliberalismus-Kritik und betreibe ihn dann selber. Wir haben einzig weniger Gäste als früher, und hier bei den Gagen eine Höchstgrenze.

Gibt es aktuelle Besucher- und Auslastungszahlen?

Wir sind gut unterwegs. Gerade auch wenn man bedenkt, was wir an Imponderabilien hatten: Von der Renovierung, die ewig dauerte, bis zu einem Ruf, der nicht super war. Aber ich bin noch nicht zufrieden. Ich möchte schon noch bisschen etwas erreichen.

Anderseits kann man die Qualität ja schwer in Zahlen messen.

Natürlich muss ich erstmal dafür sorgen, dass die künstlerische Qualität stimmt. Dann muss man sehen, wie man diese an die Frau oder den Mann bringt, um das Haus auf gesunde Zahlen zu bringen. Es dauert ein paar Jahre, bis man aus einem Trend eine Tendenz ableiten kann.

Sie kamen, um das Publikum zu verführen. Ist das gelungen?

Ich versuche, neben Klassikern abgelegenere Stoffe wiederzubeleben. Wir haben nun die Schweizer Erstaufführung von «Donnerstag aus ‹Licht›». Ich habe keine Ahnung, ob dieses Monumentalwerk die Schweizer, die Baslerinnen und Basler interessiert. Doch ich möchte sie dazu verführen. Wir versuchen zudem, mit dem Zusammenrücken der Sparten zu zeigen: Es gibt immer noch etwas zu entdecken in diesem Haus!

Wie gehen Sie damit um, wenn Ihr Geschmack und der Geschmack der Mehrheit auseinandergehen?

Ich bin nicht dafür angestellt, dass ich meinen persönlichen Geschmack auf die Bühne bringe. Abgesehen davon habe ich natürlich meine Lieblingsproduktion.

Welche denn?

Das sage ich niemandem! Ich habe Sachen, die ich sehr liebe. Und es gibt andere, die ich trotzdem nicht nur anerkennen kann, sondern bei denen ich die Arbeit oder die Leistung natürlich sehr genau einzuschätzen weiss.

Es gab auch Momente, da klangen Sie aufgebracht. Am Telefon haben Sie einmal gesagt, Sie müssten da in dieser Bananenrepublik arbeiten.

Nein, nein, Bananenrepubliken sind ja nicht sehr wohlhabend. Ich finde, in unserer durchökonomisierten Welt müssen wir aufpassen: Ökonomie bestimmt nicht unser ganzes Leben und ist nicht der Schlüssel zum Herzen. Wir verlieben uns nicht aus wirtschaftlichen Gründen! Was passiert gerade, längst nicht nur hier? Auch bei diesem Brexit. Hat irgendjemand die idealistischen Werte, für die Europa auch steht – Pressefreiheit, Frieden, offene Grenzen – aufgeführt? Nein, nur wirtschaftliche Argumente. Unser Leben soll doch erfüllt sein – und auch überraschend.

Darum braucht es das Theater?

Naja, brauchen tut man Brot, Wasser, Luft und ein bisschen Liebe. Aber Theater ist der Ort, an dem Menschen sich zusammenfinden und etwas erleben können, was den Menschen zum Menschen macht. Kunst ist das, was in der Kultur unser Leben, unsere Ratlosigkeit reflektiert. Ich bin wahrscheinlich nach «Licht» kein besserer Mensch, aber ein anderer. Wie Sportler können auch Künstler etwas besonders gut – und können mich deshalb auch zu einem besonderen Gedanken verführen. Deswegen braucht es das Theater! Ich muss verführbar sein, mich nochmal anders zu denken. Das wird hier als Kollektiv erlebbar. Wenn wir das abschaffen, weiss ich nicht, ob wir wirklich etwas gespart haben? Vor allen Dingen für wen? An uns im Zweifelsfall.

Worauf freuen Sie sich nun am Ende dieser Spielzeit am meisten?

Jetzt freue ich mich darauf, und das ist tatsächlich ein Phänomen, dass exakt mit dem ersten Ferientag das Telefon nicht mehr klingelt. Auf diese merkwürdige Ruhe freue ich mich. (lacht)