Pianist

Die zwölf Jahreszeiten gemäss Iiro Rantala

Iiro Rantalas Spiel ist geschmackvoller als sein Jacket.

Iiro Rantalas Spiel ist geschmackvoller als sein Jacket.

In der Martinskirche bewies der finnische Pianist, dass er zu den Besten seines Fachs gehört. Man hört ihn dennoch lieber reden.

In Finnland sei das Wetter im konstanten Wandel, sagt Iiro Rantala zu Beginn seines Basler Konzerts. Das heisse: «Es wird mit jedem Monat schlechter.» Damit wären zwei wichtige Punkte geklärt: Der finnische Pianist hat die Stimmung seiner Heimat in zwölf Kompositionen eingefangen. Und er präsentiert sein Programm «My Finnish Calender» mit der gehörigen Portion Humor.

Musikalisch eröffnet der Mittwochabend in der Martinskirche jedoch gemächlich bis düster: Um halb neun hält der Januar Einzug – ein Monat, der sich, so Rantala, in einem einzigen Wort beschreiben lasse: «hangover». Auf die Klaviatur übertragen äussert sich die Katerstimmung in schleppendem 3/4tel-Takt und in spartanischen Moll-Akkorden. Es ist nicht die packendste Komposition des 49-Jährigen: Rantala wiederholt das simple Thema ohne nennenswerte Variationen. Und auch der perlende und zugleich warme Klang des dezent verstärkten Flügels reicht nicht, um die Spannung für die Dauer des Stücks aufrecht zu halten. Zum Glück ist Rantala mit Naturaufnahmen angereist (eine Drohne über einer Insel vor Helsinki), die er auf einer Leinwand zeigt.

Iiro Rantala begeisterte bereits am Offbeat 2015.

Iiro Rantala begeisterte bereits am Offbeat 2015.

Doch bereits beim Februar wird alles anders: Der Schnee steht meterhoch, die Neujahresmüdigkeit ist abgestreift, und der Pianist lässt keinen Zweifel an seiner Virtuosität: Die Rhythmen swingen, die Harmonien schlagen Haken, und Rantala, der bei gemächlicheren Melodien zum Mitsingen neigt, macht mit den Lippen nur noch Motoren-Geräusche.

Rantalas Können offenbart sich vor allem beim Spiel seiner linken Hand: Nicht nur zieht diese von den Exkursen der Rechten unbeirrt ein vertracktes Bass-Muster durch, sondern sie tut dies auch mit maschineller Präzision im Zusammenspiel mit der vom Computer vorgegebenen Perkussion.
Ab jetzt hat der Finne die rund 600 Besucher in der Hand. Sie folgen ihm aufmerksam durch den rastlosen August («eine Polka mit vielen mentalen Problemen»), den romantischen September («da habe ich meine Frau kennen gelernt») und den finsteren November («mein Lieblingsmonat ohne Sonne und wohl deshalb meine schönste Komposition»).

Eine gekonnte Erweiterung des Klangspektrums

Besonders toll gerät der Mai, für den Rantala die Saiten des Flügels mit einem Frottiertuch dämpft. Kurz zuvor hatte er sich abschätzig über elektronische Tanzmusik ausgelassen, nun bedient er sich ebendort an repetitiven Pattern und wuchtigen Bässen – eine sportliche Fingerübung und eine gekonnte Erweiterung des Klangspektrums.

Arg komödiantisch fällt dagegen der Juni aus: Den «Monat der gespielten Freude» setzt Rantala mit verspielten Stil- und Klangbrüchen um, wobei er zwischen den halsbrecherischen 16tel-Triolen immer wieder gekünstelt in den Saal grinst.

Kein Zweifel: Rantala ist ein herausragender Spieler, doch nicht alle seiner zwölf Kompositionen werden diesem Können gerecht. Vor allem aber bleibt nach dem Basler Gastspiel der Eindruck, dass er sich mit der (zugegeben: unterhaltsamen) Einleitung keinen Gefallen getan hat: Es fällt schwer, den Mann mit der humoristischen Ader, dem bunten Jackett und den Pelzfinken als Musiker ernst zu nehmen. Im April spielt Rantala bereits wieder in Basel. Dann zu Ehren des verstorbenen Esbjörn Svensson – und vielleicht ein Spürchen ernster.

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