Papst-Rücktritt
Die Region hofft auf einen reformfreudigen Nachfolger von Papst Benedikt

Nordwestschweizer Katholiken wünschen sich vom Papst vor allem Freiraum und Praxisnähe – etwas, das nicht zur Stärke von Papst Benedikt gehörte. Sein Nachfolger soll deshalb aus Lateinamerika oder Afrika kommen, wo diese Praxis bereits bekannt ist.

Daniel Haller und Benjamin Wieland
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Abt Peter von Sury: «Die Leute wissen manchmal, was der Papst gesagt hat, aber nicht, wer ihr Pfarrer ist.»jun

Abt Peter von Sury: «Die Leute wissen manchmal, was der Papst gesagt hat, aber nicht, wer ihr Pfarrer ist.»jun

«Für die grosse Mehrheit der hiesigen Katholiken war Papst Benedikt XVI kein Freund», erklärt Thierry Moosbrugger, Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit der katholischen Kirchen Baselland und Basel-Stadt. In der Tat: Für Papst Benedikt verdient einzig der Römische Katholizismus die Bezeichnung «Kirche». Alle anderen seien «nicht Kirchen im eigentlichen Sinn», sondern nur «kirchliche Gemeinschaften», stiess er 2007 die Vertreter der Ökumene vor den Kopf. Im Gegensatz dazu findet man beispielsweise auf der Website der Römisch-katholischen Pfarrei St. Joseph Sissach das Bekenntnis: «Im kirchlichen Alltag im Baselbiet gibt es eine rege und bereichernde ökumenische Zusammenarbeit, die sich von Kleinkindergottesdiensten, über Religionsunterricht und Erwachsenenbildung erstreckt.»

Austritte: Kein Ratzinger-Effekt

Der Kirche laufen die Schäfchen davon - auch der katholischen. Von einem «Ratzinger-Effekt» kann aber nicht gesprochen werden, heisst es bei den Römisch-katholische Kirchen der beiden Basel. «Es gab einen Knick, aber nicht bei den Mitgliederzahlen, sondern bei der Stimmung, und zwar vom Tag Ratzingers Wahl an», sagt Thierry Moosbrugger, Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit. «Vor allem die ältere Generation verlor ein Stück weit die Hoffnung auf Veränderung in der Weltkirche; Stichworte Frauen im Priesteramt oder Zölibat.» Die Zahlen geben Moosbrugger recht - die Mitgliederkurve der Römisch-katholischen Kirche Basel-Stadt weist keine Delle auf: 2005, im Ratzinger-Wahljahr, zählte sie 33 597 Mitglieder - Ende 2012 noch deren 29 464, was in etwa den Verlusten der Vorjahre entspricht. Etwas weniger hoch sind die Austritte im Landkanton: Dort fiel die Kurve im selben Zeitraum von 81 387 auf 76 846 (3. Quartal 2012). Bemerkenswert: In beiden Kantonen verzeichnete die Reformierte Kirche höhere Austrittszahlen. (bwi)

Intellektuell und fern der Basis

Dass man sich an der Basis von Rom nicht verstanden fühlte, habe mit Ratzingers – oder eben Benedikts – Wurzeln im deutschen Idealismus zu tun, analysiert Moosbrugger: «Da muss sich die Realität immer dem theoretischen System unterordnen. Und Benedikt reagierte immer düsterer auf alles, das nicht ins System passte.» Neben Fehlleistungen bezüglich Missbrauch oder Holocaustleugnern habe ihn vor allem diese geistige Enge von der Realität der Menschen entfernt. Sein polnischer Vorgänger Johannes Paul II habe zwar theologisch das Gleiche vertreten, aber mit seiner Herzlichkeit die Menschen erreicht.

Differenzierter möchte dies Peter von Sury, Abt des Klosters Mariastein sehen: Als junger Jus-Student habe er Joseph Ratzingers «Einführung ins Christentum» gelesen und sei heute noch dankbar, dass er auf dieses Buch gestossen ist. Ihn beeindruckte damals der «zeitgemässe, intellektuell redliche, vernunftgemässe» Zugang zum Glauben. Allerdings sei Ratzinger immer akademischer Theologe gewesen, den er hoch achte. Andererseits habe er wenig Seelsorgepraxis, zeichne sich aber neben der intellektuellen Schärfe durch grosse Demut aus.

Aus seiner Erfahrung als ehemaliger Pfarrer von Hofstetten berichtet Abt Peter von Sury, es gebe an der Basis einen grossen Gestaltungsspielraum, in der Ökumene sei viel in Bewegung gekommen. «In der konkreten Arbeit ist man nicht auf Rom fixiert.» In den Medien spiele der Papst hingegen eine grosse Rolle. «Das führt dazu, dass die Leute manchmal wissen, was der Papst gesagt hat, aber nicht, wer ihr Pfarrer ist.»

Aus Afrika oder Lateinamerika

«Medien setzen die Äusserungen des Papstes oft undifferenziert mit der Meinung der ganzen Kirche gleich», berichtet auch Moosbrugger. Dabei habe der Papst die Veränderungen in der Kirche nicht verhindern können: «Der grosse Teil des kirchlichen Lebens wird heute von Frauen und Männern in einer Weise getragen, die dem Buchstaben römischer Gesetze nicht entspricht.» Und er wünscht sich, dass die kirchliche Basis die Verantwortung nicht einfach an Projektionsfiguren nach oben abgibt, sondern sich fragt: «Was kann ich selbst tun?»

Trotzdem sieht Moosbrugger die Symbolkraft des Papstamtes. Er wünscht sich deshalb einen künftigen Papst, den Bischöfen mehr Gestaltungs-Spielraum in der Seelsorge zugesteht. Ein Papst aus Afrika oder Südamerika würde eine solche Praxis bereits aus seiner Heimat kennen.

Franz Sabo, Pfarrer von Röschenz, ergänzt: Er habe die Erfahrung gemacht, das viele afrikanische Kandidaten sehr autoritätsgläubig und deshalb nicht geeignet seien. «Für sie ist die Zeit noch nicht reif.» Er kann sich eher einen Papst aus Südamerika vorstellen. Am Ende spiele die Herkunft aber eine untergeordnete Rolle, ebenso ihre Ausrichtung. «Die Schablonen konservativ und progressiv treffen die Sache nicht», ist Sabo überzeugt. Er wünsche sich einen Papst, der fähig sei, die Probleme zu erkennen und nicht zuletzt die Kraft besitze – Stichwort «weltfremder Professor Benedikt XIV» –, die notwendigen Reformen auch durchzusetzen. Laut Sabo habe die Kirche ein akutes Personalproblem: «Es fehlen Leute mit Charisma und Rückgrat.»

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