Kunstmesse

Die Liste geht auf die Strasse und ins Web

«Walks» von Emanuel Rossetti.

«Walks» von Emanuel Rossetti.

Die Basler Kunstmesse findet dieses Jahr als Plakat-Aktion und als digitales Format unter dem Titel «Liste Showtime» statt.

Eigentlich hätte die Liste in ­verkürzter Form vom 17. bis 20. September in Kooperation mit dem Kunsthaus Baselland in der Dreispitzhalle auf dem Campus der Künste stattfinden sollen.
49 teilnehmende Galerien aus ganz Europa waren angekündigt. Verstärkte Reisebeschränkungen und steigende Infektionszahlen verunmöglichten aber eine Durchführung. Die Pandemie-Situation in Europa habe sich zu sehr verschlechtert, als dass die Messe mit gutem Gewissen stattfinden könne, begründeten die Betreiber vor einem Monat ihre Absage.

Nun findet die Liste in kleiner und neuer Form statt – gezwungenermassen. Einerseits online, anderseits draussen auf der Strasse. «Wenn alle Stricke reissen, gibt es zumindest das», sagt Emanuel Rossetti dankbar. Der Basler Künstler und Gewinner der Swiss Art Awards 2020 plante, an der Liste eine Serie von 20 Fotografien zu zeigen. Stattdessen werden seine Werke neben den Arbeiten von 71 anderen Künstlerinnen und Künstlern auf der Online-Plattform «Liste Showtime» vorgestellt und zum Verkauf angeboten.

Gleichzeitig ist Rossetti Teil des gemeinschaftlichen Künstlerprojekts «Rewriting Our Imaginations». Überall in Basel hängen noch bis zum 15. September unterschiedlichste Poster: vom Barfi bis zum Musical Theater, vom Gellert, Gundeli, Neubad und St. Johann bis nach Kleinhüningen und ins Hirzbrunnenquartier.

Für manche Passanten wahrscheinlich in der Menge der Werbung unsichtbar, sind die Plakate für das aufmerksame Auge kleine Kunstwerke im urbanen Raum. Eine der 72 Arbeiten ist von Rossetti, dem einzigen Basler im Bunde. Der studierte Fotograf mit Jahrgang 1987 ist ein Gestrandeter in seiner eigenen Heimat. Denn Rossetti wollte dieses Jahr eigentlich eine Fotoserie über das Banale in New York ­abschliessen, Brooklyn Bridge und Times Square, durch eine Fischaugenlinse fotografieren.

Zwangsweise steckt er seit März in Basel fest. «Lange habe ich mein Nomadendasein genossen, jetzt muss ich mich umgewöhnen», sagt er. Seine Fischaugenlinse richtet er nicht mehr auf Sehenswürdigkeiten im Big Apple, sondern auf sein Leben hier. Auf vier- bis fünfstündigen Spaziergängen erkundet Rossetti die Dreiländerregion, überquert die Grenzen unzählige Male – bis sie plötzlich zu sind und später wieder geöffnet werden.

Droht jetzt die permanente Regionale?

Daraus entstehen Fotografien, die Rossettis Lockdown dokumentieren. «Walks» steht auf seinem Poster, das nun das Kleinbasel ziert und auf seinen Auswahlprozess der 20 Fotografien hindeutet. Das Spazieren wird für den Künstler zu einer Beschäftigung in einer Zeit, in der alles stillsteht. Spazieren auch als Erkunden der grünen, scheinbar unsichtbaren Grenzen. Und Spazieren als Heilmittel gegen auftretende Ängste. «Anfangs dachte ich, jetzt kollabiert alles», so Rossetti. Das Ende seines persönlichen Schaffens und der Kunstszene? Beides lebt vom internationalen Austausch. Der völlige Zusammenbruch sei nicht eingetreten, aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Und «die Angst, dass man nur noch Kunst von Freunden anschaut».

Galeristen stehen unter Druck, internationale Künstler und Künstlerinnen können und möchten nicht einreisen und so bleibt das Naheliegende: die lokale Kunst. Rossettis Angst vor dem Provinziellen ist für ihn real: «Rutschen wir in eine permanente Regionale?», fragt er sich. Diese Sorge hat die Liste Basel vorerst nicht. Dank neuem Onlineformat bleibt der internationale Charakter der Kunstmesse erhalten. Und sie tut weiterhin, was sie gut kann: neuste Entwicklungen und Tendenzen der Gegenwartskunst zeigen und junge Galerien und Künstlerinnen fördern.

Dieses Jahr sind 72 Galerien aus 35 Ländern vertreten. Viele, die momentan ohne die grossen Kunstmessen auskommen müssen, werden der Liste für ihren Onlineauftritt danken. Denn: Auch wenn die «Liste Showtime» ausschliesslich digital und auf Basels Strassen stattfindet, bleibt sie ein Sprungbrett für Künstler und Galeristen, die voller Hoffnung und Lust sind.

Liste Showtime
14.–20. September 2020.
www.showtime.liste.ch

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