Weihnachtsausstellung

Die ideale Mutter gibt es nicht: Das Museum der Kulturen erklärt es uns

Ist Mutterschaft universell? Die Weihnachtsausstellung im Museum der Kulturen Basel widmet sich einer engen Beziehung.

Auf der Hüfte, am Rücken, im Schoss: Jede der über fünfzig Figuren trägt ein Baby bei sich. Eng am Körper oder locker auf dem Arm. Mit oder ohne Traghilfe. Eine Mama balanciert ihr Kleines sogar auf dem Kopf. «Mich interessiert, wie ein Kind getragen wird», erklärt Tabea Buri, Kuratorin der Weihnachtsausstellung «Mutter und Kind» im Museum der Kulturen Basel. Die Frage sei auch im übertragenen Sinn zu verstehen, denn idealerweise erfahre das Kind nicht nur physischen, sondern auch emotionalen Halt.

Das Ensemble aus Figuren funktioniert als Willkommenskomitee: Fast alle schauen in die Richtung des eintretenden Besuchers. So unterschiedlich die Körperformen und verwendeten Materialien – Holz, Knochen, Ton oder Seide – sind, so universell scheint Mutterschaft auf den ersten Blick.

Eine Geburt wird meist als freudiges Ereignis gefeiert, doch ihre explizite Darstellung ist selten. Bilder wie der Storch, der «Kindlibaum» oder die Geburt Buddhas aus der Hüfte seiner Mutter stehen sinnbildlich für den physischen Akt. Böse Geister verkörpern die Gefahren und Risiken – zu sehen bei einer Darstellung aus Bali. Dort wird die Geburtsszene durch die Dämonin Rangda gestört. Der Priester im Bild versucht, den Geburtsverlauf mit Ritualen und Opfern positiv zu beeinflussen.

Der tatsächliche Kraftakt einer Geburt scheint tabu. Auch an Weihnachten. Dann wird zwar die Geburt Christi gefeiert, aber Bilder davon sind selten. Das Kind liegt meistens bereits in der Krippe, eine erholte Maria steht daneben. Weniger tabubehaftet scheint das Stillen: Das trinkende Jesuskind an der Brust seiner Mutter gehört zum Bildprogramm der Marienverehrung, der «Maria lactans». Es entstand unter dem Einfluss der stillenden Isis. Das Motiv der hingebungsvoll stillenden Mutter illustriert Marias Eigenschaften als liebende und barmherzige Gottesmutter.

Im übertragenen Sinne nährt und stärkt Maria mit ihrer Milch den christlichen Glauben. Und dass Jesus ein so menschliches Bedürfnis wie Nahrung mit Muttermilch stillt, beweist seine Menschlichkeit.
«Die Ausstellung ist eine leise Hommage an das Basler Münster, dessen romanischer Bau vor 1000 Jahren der biblischen Mutter Gottes geweiht wurde», betont Kuratorin Tabea Buri. Das Bildmotiv von Maria und Jesus, die wohl bekannteste Mutter-Kind-Beziehung, reise noch immer um die Welt, so Buri. Das verdeutlichen auch die aus Plastik und Aluminium gefertigten Ikonen in der Ausstellung.

Doch auch die alltäglichen Herausforderungen und Sorgen des Mutterseins finden hier ihren Platz. Das Phänomen Multitasking wird mehrfach thematisiert. Frauen, die bei ihrer Arbeit Kinder tragen oder von ihnen begleitet werden, sind bis heute ein häufiges Motiv im Kunsthandwerk Mexikos und Perus. Daneben zeigt das Gemälde des haitischen Malers Jean-R. Louidor das Abbild einer erschöpften Mutter. «Das sehen wir sehr selten. Eine magere Mutter, die keine Kraft für die Betreuung ihres Kindes aufbringen kann», beschreibt Tabea Buri das eindrückliche Kunstwerk.

Die Ausstellung räumt sowohl dem idealisierten Mutterbild Platz ein, das wir aus Werbung und Literatur kennen, als auch der Angst und Trauer, die viele Mütter begleitet, wenn sie sich um ihr Kind sorgen. Und trotzdem: Wo ist der Vater bei all dem? «Der Vater kommt in den Darstellungen zwar immer wieder vor, die Mutter-Kind-Beziehung steht aber klar im Zentrum», erklärt Tabea Buri.

Joseph als Figur einer Patchwork-Familie

In der Ausstellung finden sich auch Konstellationen, die heute mit Begriffen wie Regenbogen oder Patchwork beschrieben werden. Zum Beispiel Josef, der nicht der biologische Vater von Jesus ist, sondern sein liebevoll dargestellter Ziehvater.

Oder die Geschichte der Nyi Brayut: Die einst böse Kinderfresserin wird durch die Begegnung mit Buddha zu einer kinderliebenden Frau. Mit ihrem Mann kriegt sie 18 Kinder, lebt aber in grosser Armut. Damit alle Kinder genug zu essen bekommen, kümmert sich der Vater um den Haushalt, während die Mutter mit dem Weben voll ausgelastet ist.

Die überlieferten Geschichten verschiedener Religionen und Kulturen zeigen: Zwar hat jedes Kind eine Mutter – doch nicht jede Beziehung zwischen Mutter und Kind ist gleich. Auch in unserem Kulturkreis existieren zahlreiche Vorstellungen von idealen Eltern und guten Kindern. Mutterschaft ist demnach sowohl universell als auch individuell. Jede Mutter-Kind-Beziehung hat eine unterschiedliche emotionale Komponente, die sie einzigartig macht.

Meistgesehen

Artboard 1