«Und das süsseste Zückerli zurzeit: aus der Schweiz! Anna Aaron!» Der Berliner Radiomoderator machte letztes Wochenende kurzen Prozess mit «Pallas Dreams». Süsser Zucker? Man schluckt unweigerlich ob diesem unbeholfenen Pleonasmus. Denn auch wenn das dritte Aaron-Album nach «Dogs in Spirit» (2011) und «Neon» (2014) erfreulicherweise im Ausland bisher auf so viel Interesse gestossen ist wie nie – bis dahin waren es vier lange Jahre.

Jahre, in denen sich die wagemutige Frau, oft als Ausnahmetalent charakterisiert, zuerst durchschlagen musste in den Untiefen des Musikbusiness. Und lernen musste, sich zu behaupten. Sie wollte, dass ihr Album nach ihren Vorstellungen klingt. Das Label sagte: «Njet.» Am Ende hat Aaron «Pallas Dreams» selber finanziert, notfalls à fonds perdu, wie sie sagt. Man fragt sich: Wieso eigentlich?

Am Anfang oft als kleine Schwester Sophie Hungers unter Wert verkauft, hat die junge Baslerin mit Diven-Potenzial inzwischen längst bewiesen, was in ihr steckt: Sie ist eine Vollblut-Songwriterin mit einzigartiger Bühnenpräsenz und dem – zumal im Pop so zentralen – Gespür für die digitale Produktionsweise, für Texturen, Rhythmen, Hooks.

Die unabhängige Frau

Das dritte Album dieser raren, lyrischen Pop-Sirene hat denn auch alles, was ein Dauerbrenner benötigt: eine klare Vision, ein stringentes Konzept, eingängige Songs. Wieso sollte sich jemand da querstellen? Es entsteht ein schlimmer Verdacht: Kann es sein, dass die Eidgenossenschaft ihre weiblichen erfolgreichen Kreativexporte zu wenig ernst nimmt?

Wenn ja, warum? Der schwelgerische, eingängige Electro-Pop, den Aaron produziert, bietet selbst jedenfalls keine Erklärung dafür. Er mystifiziert, wie Nektar. Und löst dennoch, wie einst die deutsche Nina, Unbehagen aus. Ein Hinweis darauf, dass vielleicht gerade die bedrohliche Tiefe dieser Musikerin immer wieder Angst macht.

Insbesondere die Dichte bleibt hängen an «Pallas Dreams», ein Werk, das sich nährt aus Nacht- und Wachträumen, die sich (unter anderem) um Pallas Athene, antike Göttin der Dichter und Denker, drehen.

Das Leitbild: eine unabhängige Frau, eine Fackelträgerin. Passendes Vorbild für den Transformationsprozess, den die Künstlerin durchmacht: weg vom vorgezeichneten Schema, hin zur eigenständigen Person, die sich von den auferlegten Ketten befreit hat. Dafür hat die Baslerin gekämpft.

Thematisiert wird in «Pallas Dreams» dabei vieles in seiner urigen Essenz: in «Boy» etwa die schwierige, wenn auch von luftiger Leichtigkeit geprägte Anziehung und Annäherung zwischen Mann und Frau, die im Reiz des Neuen stets auch seine typisch jugendliche, innere Zerrissenheit beinhaltet. Der bittersüsse Klagegesang hat die Qualität eines frühen «The Cure»-Klassikers.

Die Heldenreise als Inspiration

«The Hero with a Thousand Faces» von Joseph Campbell habe sie zu ihrer Musik inspiriert, erzählt Aaron. Im Buch des britischen Mythologen geht es um «The Hero’s Journey», den Weg aller Helden, die sich laut Campbell trotz aller Differenzen stets ähneln: Denn ein Held trage stets die gleichen Züge. Vielleicht diejenigen, die Aarons Album präsentiert: Neugier, Ideenreichtum, Wille zum Wissen. Das Spiel mit Masken, zwischen Heldin und ihrem Antikörper gelingt, weil es zwischen den Polen oszilliert.

So weit also «Pallas Dreams». Doch auch die geträumte Athene war nur eine Momentaufnahme: Aaron selbst hat ihr nächstes Album bereits aufgenommen. Zukünftig steht eine Tarotkarte Patin: «Die Hohepriesterin», das mythische Orakel, Schirmherrin über die umtosten musischen Gefilde.

Im Kopf geht Aaron ihren eigenen Weg zurzeit sogar noch ein Stück weiter: Als Nächstes plant sie ein Ambient-Projekt, eine Veröffentlichung, die sich ganz und gar den Texturen der Stücke hingeben will. Auf den ersten Blick überraschend, aber auch konsequent. Denn das Spiel mit «Layers», mit klanglichen Schichten und weiblichen Schleiern, bleibt ihre grösste Qualität.