Literatur
Die Baslerin Evelyn Braun schreibt über die Besessenheit der Schickeria

Mit ihrem satirischen Roman «Die Interviewerin» zieht die Basler Autorin Bilanz zur ihrer journalistischen Karriere.

Anna Wegelin
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Juri Junkov

«Schreiben ist für mich das Grösste», sagt Evelyn Braun in aller Seelenruhe. Mit dem Buch «Die Interviewerin» veröffentlicht die Basler Journalistin und Autorin nach vielen Jahren ihren zweiten Roman. Erschienen ist er im Verlag Xanthippe der bekannten Zürcher Publizistin Yvonne-Denise Köchli.

«Als Autorin bin ich eher die Trance-Schreiberin», so Braun. Die Handlung habe sich «fortlaufend entwickelt» und das Schreiben sei ihr «relativ leicht von der Hand gegangen», erzählt sie. Dennoch habe die Schriftstellerei auch ihre Tücken. «Das literarische Schreiben ist viel offener als journalistische Texte, die den Fakten verpflichtet sind, eine bestimmte Länge haben müssen und nach der Abgabe abgehakt sind», meint sie. Diese Offenheit sei zwar einerseits toll, aber für sie als Autorin auch ein «riskantes, absturzgefährdetes Business».

Flott wechselnde ­Erzählperspektiven

Mit «Die Interviewerin» geht Evelyn Braun aufs Ganze. Die überaus amüsante und recht turbulente Story ist mit viel Verve und einer ungestümen Freude am Geschichtenerzählen verfasst. Die Handlung erstreckt sich über zwei Märztage und spielt Ende der 1990er-Jahre in Basel, München und im Innern einer Handvoll Figuren, die ­gemäss ihrer Schöpferin eines gemeinsam haben: «Es sind besessene Menschen, die ein Risiko auf sich nehmen und sich ganz eingeben.» Ihre fiktiven Heldinnen und Antihelden werden aus multiplen, flott wechselnden ­Erzählperspektiven in einem ganz eigenen Mix aus Empathie, ironischer Distanz und beissender Satire zum Leben erweckt.

Im Zentrum des Geschehens steht Mathilde Maas, freischaffende Reporterin aus Basel und Enkeltochter einer Frauenrechtlerin – Iris von Roten lässt grüssen. «Wir haben das Glück, dass unsere Vorfahrinnen so viel Vorarbeit geleistet haben», sagt Evelyn Braun. Mathilde ist attraktiv, unerschrocken in «ihrem weiblichen und journalistisch gewetzten Scharfsinn» und ­«bekannt und geliebt für ihre respektlose Schreibe und ihre ­Fähigkeit, am Ball zu bleiben».

Ist sie Brauns Alter Ego? «Mathilde ist zwar frei erfunden», ­betont die Autorin. «Aber als Journalistin ist sie mir nahe. Ich hätte so nie über eine Ärztin als Hauptfigur schreiben können, denn ich weiss zu wenig über die Berufs- und Gefühlswelt einer Medizinerin.»

Armselige Geschöpfe auf und neben der Couch

Mathilde, die für eine Basler ­Lokalzeitung schreibt, fliegt nach München für ein Interview mit «G.», dem Doyen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur und Ebenbild des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass (1927–2015). Der Zufall will es, dass ihr Sitznachbar ein gewisser «L.» ist. Der Basler Psychiatrieprofessor ist auf dem Weg in die bayrische Landeshauptstadt, um einen Vortrag über Schlaf- und Traumforschung zu halten. Zu Hause empfängt der Psychiater einmal die Woche einen gewissen Johnny Lachmann auf seiner Couch, der Mathilde begehrt. Dieser Johnny, ein introvertierter, depressiver Kunsthistoriker, ist für Mathilde «so etwas wie ein schmückendes Beiwerk geworden», ihr «Seelentröster».

Im (real existierenden) Vielsterne-Hotel «Vier Jahreszeiten» in München läuft alles für alle aus dem Ruder. Während «G.» zu Beginn der Geschichte noch als «Mythos» und «Gerücht» erscheint, entpuppt sich der grosse Literat allmählich als ein armseliges Geschöpf, das nicht zurande kommt mit dem ganzen Hype um seine Person. Armselig ist auch die zuweilen unerträgliche Ichbezogenheit der Protagonisten. «Und so ­leiden sie alle», sagt die allwissende Erzählerin vor dem Finale. «Jeder auf seine Weise, ein ­jeder nach seinem Temperament, seinen Fähigkeiten und seinem Können entsprechend.» Dann kommt es zum multiplen Showdown.

Für Mathilde, die übrigens auch nicht nur eine gute Figur macht, bedeutet die Stunde der Wahrheit eine Befreiung. Ihr Kopf, Bauch und Herz sind nun offen für eine neue Geschichte jenseits dieser «gestörten Kunstwelt», so Evelyn Braun, deren Stars und Starlets die ­Autorin und ihre Heldin jedoch faszinieren.

Reden schreiben für das Gesundheitsdepartement

Mit dem Roman «Die Interviewerin» zieht Evelyn Braun auch Bilanz zu ihrer journalistischen Laufbahn. Braun, die in Basel aufgewachsen ist, wechselte nach dem Jus-Studium in den Journalismus. Ihren allerersten Artikel verfasste sie für die «Nordschweiz». Später schrieb sie querbeet für die Lokalredaktion der «Basler Zeitung». Ihre beste Zeit habe sie als freie Reporterin erlebt, erzählt Braun: «schöne, grosse Geschichten» in der Form von Porträts und Interviews mit Persönlichkeiten aus Kultur und Gesellschaft etwa für «Annabelle» oder die «Weltwoche». «Der Journalismus war mein Traumberuf», schwärmt sie.

Um als alleinerziehende Mutter ein sicheres Einkommen mit geregeltem Feierabend zu haben, schrieb sie in den letzten rund zwanzig Jahren Reden für die Vorsteher des Basler ­Gesundheitsdepartements, zuerst Carlo Conti und dann Lukas ­Engelberger. Doch diese Phase ist passé und Evelyn Braun ­voller Tatendrang. «Jetzt lege ich wieder los mit einem neuen Buch», sagt sie. Verraten dazu will sie noch nichts. Im Grunde seien der Journalismus und die Schriftstellerei gar nicht so verschieden, meint sie abschliessend: «Ich bin nahe an den Menschen, das treibt mich an.»
Buch und Vernissage

Evelyn Braun: «Die Interviewerin», Xanthippe Verlag, 2021. 306 Seiten.
Der Roman erscheint am 27. Januar. Die Buchvernissage mit Lesung wurde verschoben auf Mittwoch, 19. Mai. Infos unter: www.evelynbrauntexte.com