Konzert

Der Panther unter den Perkussionisten: Martin Grubinger begeisterte mit dem Sinfonieorchester Basel

Martin Grubinger: «Emotion ist die Essenz für jeden Musiker.»

Martin Grubinger: «Emotion ist die Essenz für jeden Musiker.»

Mit dem Sinfonieorchester Basel begeistert Martin Grubinger zahlreiche Zuschauer in einem brandneuen Konzert von Fazil Say.

Er hat etwas von einer Raubkatze, Martin Grubinger, wenn er quer über die Bühne von einem seiner vielen Instrumente zum nächsten wechselt: Nichts ist hektisch, alles wirkt kontrolliert und jede Bewegung verrät höchste Körperspannung, obwohl ihm scheinbar kaum die Zeit bleibt, die passenden Schlägel in die Hand zu nehmen und zum nächsten Trommelwirbel anzusetzen. Er mag die Athletik seines Instruments, hält höchste körperliche Fitness für unabdingbar für diesen Beruf, trainiert entsprechend – sieht auch entsprechend aus.

Vor allem aber ist er ein Perkussions-Virtuose der absoluten Spitzenklasse, nicht nur – aber natürlich auch – wegen seiner schier unglaublichen Präzision in den horrendesten Tempi, sondern speziell auch wegen der Vielseitigkeit, die er seinen Instrumenten entlockt, von den härtesten, explosivsten Schlägen bis hin zum zarten, kaum noch hörbaren Wispern.

Ein roter Teppich für den Virtuosen

Wenn ein Schlagzeug auf dem Konzertpodium steht, ist ein Konzert automatisch immer ein wenig Musiktheater, gerade bei einem Komponisten, der nichts gegen die grosse Geste einzuwenden hat wie Fazil Say. Der türkische Weltklasse-Pianist scheute sich auch nie um klare Worte und stand deswegen in der Türkei auch schon vor Gericht.

Say schrieb dieses Schlagzeug-Konzert – im Auftrag unter anderem des Sinfonieorchesters Basel – für Martin Grubinger und wusste damit, dass er an die Grenzen von Spielbarkeit und Vielseitigkeit gehen konnte. So ist es ein roter Teppich für einen Virtuosen erster Klasse geworden: von extrem harten und rhythmischen Kaskaden auf Trommeln oder Marimba über schwirrende Vibrafon-Klänge bis hin zu den schrägen Rhythmen türkischer Volkstänze.

Der mit Wasser gefüllte «Lampenschirm»

Grossartig ist auch die Etüde für das exotische «Waterphone», das aussieht wie ein Lampenschirm ohne Stoff, aber tatsächlich mit Wasser gefüllt ist und mit einem Bass-Bogen angestrichen oder geschlagen werden kann, was surreale Klänge erzeugt.

Zur Zugabe lud Martin Grubinger die Schlagzeuger des Orchesters ein: Zu fünft begleiteten sie ihn in einem irrwitzig schnellen Ragtime und steuerten gut gelaunt szenische und tänzerische Einlagen bei. Und mit einer auf dem Vibrafon überaus zart intonierte Sarabande von Bach verabschiedete sich dieser Ausnahme-Musiker vom begeisterten Basler Publikum.

Der österreichische Perkussionist Martin Grubinger.

Der österreichische Perkussionist Martin Grubinger.

Eine absichtlich verstimmte Geige

Fazil Say hat sein Schlagzeug-Konzert ganz auf den Solisten zentriert, das Orchester spielt hier wirklich nur die zweite Geige. Ganz anders in Mahlers vierter Sinfonie, die für fast jedes Instrument exponierte, manchmal recht heikle, aber gleichermassen dankbare solistische Partien bietet.

Es war im zweiten Teil des Konzertabends im Musical Theater beeindruckend, wie sich die Solobläser des Orchesters auszeichnen konnten, bis hin zur Konzertmeisterin, die zwischendurch auf einer absichtlich verstimmten Geige zu spielen hat und die Töne dieses Totentanzes in mutig schrille oder fahle Klangfarben ausgreifen liess, während an anderen Stellen die Streicher süsseste Walzerseligkeit zelebrierten.

Ein Spiel aus Schatten und Licht

Aber nicht nur die Qualität des Orchesterspiels war hoch, auch die Ideen, die der erste Gastdirigent Michal Nesterowicz für Mahlers Vierte aufbrachte, liessen aufhorchen. Sehr aufmerksam gestaltete er die klanglichen Schichtungen, liess betont deutlich einzelne Instrumente oder Gruppen hervortreten, evozierte ein ständiges Spiel mit klanglichem Licht und Schatten, das dieser Musik, die ohnehin sehr Collagen-haft gedacht ist, sehr gut bekommt. Generell liess er sich viel Zeit, nutzte die Energie von Pausen, setzte Sorgfalt vor Extrovertiertheit und vor allem kontrastierte er Mahlers typische wilde Ausbrüche mit oft rigoros eingeforderten subtilen und leisen Passagen.

Das Sopransolo, das Mahler in den letzten Satz dieser Sinfonie integrierte, erzählt uns ziemlich ironisch und augenzwinkernd von «himmlischen Freuden» und paradiesischen Genüssen. Gerade viel von dieser Ironie hat die polnische Sopranistin Iwona Sobotka nicht in ihre Stimme und vor allem ihr Sprechen legen können. Sie gestaltete hauptsächlich schöne Linien und bewies die Sauberkeit und Tragfähigkeit ihres Soprans.

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