Solothurner Filmtage
Der Basler Fabian Chiquet holt eine Pionierin zurück ins Rampenlicht

Der Musiker und Filmemacher hat der Schweizer Friedensaktivistin Gertrud Woker seinen ersten Dokumentarfilm gewidmet.

Hannes Nüsseler
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Gertrud Woker setzte sich als eine der ersten Professorinnen Europas für Frauenrechte und Frieden ein.

Gertrud Woker setzte sich als eine der ersten Professorinnen Europas für Frauenrechte und Frieden ein.

zVg

Die Online-Premiere an den Solothurner Filmtagen findet statt, aber das Fest ist verschoben – auf Herbst 2021, mindestens. «Natürlich hat mich das im ersten Moment genervt», sagt der Basler Musiker und Filmemacher Fabian Chiquet, der bei «Die Pazifistin» zusammen mit Matthias Affolter Co-Regie führt. Der Film handelt von der Schweizer Feministin, Friedensaktivistin und Chemieprofessorin Gertrud Woker (1878 – 1968). Doch Chiquet mag nicht schwarzmalen, im Grunde genommen könne er über die jetzige Situation sogar froh sein: So würden auch Leute den Film und sein Thema entdecken, die den Weg nach Solothurn gescheut hätten. Ausserdem: «Film ist momentan das einzige Medium, das noch funktioniert.»

Chiquet, der an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel studiert und in Zürich mit einem Master in Transdisziplinarität abgeschlossen hat, weiss, wovon er spricht: Der Mitbegründer der Popband The bianca Story kennt sich auch in der Musik- und Theaterszene aus. «Dort stehen die Leute im Moment wirklich vor grossen Problemen.» Chiquet selber musste Dank des vorfinanzierten Films während der Pandemie keine finanziellen Einbussen hinnehmen. «Aber längerfristig könnte es problematisch werden», glaubt er. «Dieses Jahr werden viele Projekte verschoben, und man weiss nicht, was noch passieren wird.» Das dicke Ende, fürchtet der Regisseur, könnte erst noch kommen.

Dabei hat Chiquet den Ausnahmezustand der Pandemie nicht nur als Belastung empfunden, im Gegenteil: Hatte er so doch Gelegenheit, sich voll auf seinen ersten Dokumentarfilm zu konzentrieren. «Das war schon immer ein Traum von mir.» Entstanden ist «Die Pazifistin» aus einer Videoinstallation, die Chiquet vor drei Jahren erstellte, während er für ein Theaterstück mit der Rapperin Steff La Cheffe recherchierte. «Das Stück handelte von Gender-Stereotypen. Wir suchten nach Frauen, die im vergangenen Jahrhundert Grosses geleistet hatten, aber vergessen worden waren.» Der Regisseur, der selbst aus einer Familie von Biochemikern stammt, wollte das Leben der Wissenschaftlerin Woker «in süffiger Form» erzählen – und rannte damit offene Türen ein. Auf Einladung von SRF wurde aus der Installation ein Dokumentarfilm.

Pendeln zwischen Bern und Basel

Zwei Jahre dauerte es, um «das Puzzle einer vergessenen Frau» (Pressetext) zusammenzusetzen. Während dieser Zeit pendelte der Regisseur so oft wie möglich zwischen Basel – Wohnort von Co-Regisseur Matthias Affolter sowie Produzent Cyrill Gerber – und seinem eigenen Daheim in Bern. «Ich lebe schon seit einigen Jahren hier», erzählt Chiquet am Telefon. Sprachlich abgefärbt hat das aber nicht. «Die Berner lachen immer noch sehr über meinen Dialekt», sagt er in heiterstem Baseldütsch. Die zwei Städte gegeneinander ausspielen will er aber nicht: «Ich glaube, der Unterschied zwischen Basel und Ormalingen ist grösser als der zwischen Bern und Basel.»

zVg

Als die Pandemie im vergangenen März ausbrach, schrumpfte die Mobilität auf ein Minimum – für Chiquet kein Problem. «Ich habe zwei kleine Kinder, dadurch ist mein Bewegungsradius momentan ohnehin eingeschränkt.» Glücklicherweise befindet sich Chiquets eigenes Atelier in Gehdistanz zu seinem Wohnort. «Dort ist mein ganzes Equipment, um Musik oder Filme zu machen – ich bin ja mehrgleisig unterwegs.» Schon während des Kunststudiums hatte der Regisseur Videoclips gedreht, weil es ihm erlaubte, seine verschiedenen Interessen zusammenzuführen. Den Lockdown habe er auch deshalb gut weggesteckt, weil er seine Zeit ohnehin am Computer mit dem Schneiden und Collagieren seines Films verbringen musste. «Ich konnte mich ohne Ablenkung in die Materie vertiefen.»

Was nicht heissen soll, dass Chiquet keine Zerstreuung vertragen hätte: Mit The Bianca Story hat er eben erst ein neues Album veröffentlicht, Live-Auftritte und das gemeinsame Musikmachen zählen für ihn zum Wichtigsten überhaupt. «Das fehlt mir extrem», sagt er. «Ich hoffe sehr, dass das bald wieder möglich sein wird.» Im gleichen Mass haben auch die sozialen Kontakte abgenommen, abends ein Bier trinken und sich dabei austauschen liegt nicht mehr drin. «Also fokussiert sich das Leben auf die Projekte, weil das Soziale am Computer weniger Spass macht, und auf die Familie.» Um dennoch nicht einzurosten, geht Chiquet regelmässig joggen – ganz einfach, weil es am unkompliziertesten ist. «Es ist wichtig, nicht acht Stunden am Stück am Computer zu sitzen.»

Trotzdem ist Chiquet auch jetzt wieder viel im Atelier. Er arbeitet an seinem zweiten Dokumentarfilm und bereitet zusammen mit dem Verleih den Kinostart im Herbst vor. «Wir wollen mit anderen Organisationen und NGOs kooperieren, um ein grösseres Publikum zu erreichen.» Es laufe sehr gut, und wenn es die Pandemie zulasse, werde man ein paar «coole Events» durchführen – natürlich auch in Basel. «Man muss die Pandemie nach Möglichkeiten produktiv nutzen», bekräftigt Chiquet. «Sonst ist die Kultur irgendwann nur noch eine Randnotiz.»

56. Solothurner Filmtage: Online-Tickets für «Die Pazifistin» von Fabian Chiquet und Matthias Affolter sind erhältlich unter: www.solothurnerfilmtage.ch

Der Film kommt im Herbst 2021 in die Schweizer Kinos.