Scientology
Das Schreckgespenst am Rand der Stadt

Scientology stösst in Basel auf viel Kritik. Neben den Anwohnern mobilisiert sich nun auch die Politik gegen die Organisation. Mehrere Politiker unterstellen der Basler Regierung, sie habe die Organisation als Religion anerkannt.

Lukas Meili
Drucken
Teilen
Scientology und seinen Missionarinnen und Missionaren weht nicht erst seit der Eröffnung der «Ideal Org» an der Burgfelderstrasse ein rauer Wind entgegen.

Scientology und seinen Missionarinnen und Missionaren weht nicht erst seit der Eröffnung der «Ideal Org» an der Burgfelderstrasse ein rauer Wind entgegen.

Nicole Nars-Zimmer

Seit der Eröffnung ihrer «Ideal Org» an der Burgfelderstrasse sieht sich die Organisation Scientology in Basel mit einer Welle von Kritik konfrontiert. Nachdem zunächst bloss Anwohner gegen die selbst ernannte Kirche protestiert hatten, sind nun mehrere politische Vorstösse auf kantonaler und eidgenössischer Ebene eingereicht worden oder in der Vorbereitung. Die Politikerinnen und Politiker dahinter kritisieren, dass die Organisation von den Basler Behörden vor kurzem als religiöse Bewegung eingestuft worden ist.

Angefangen hatte alles mit einem Artikel des Journalisten Patrik Tschudin auf seinem Blog infam.antville.org. Er hat «mehrfach beobachtet», dass in der neuen Scientology-Zentrale an der Burgfelderstrasse auch an Sonn- und Feiertagen gearbeitet wird. Also fragte er beim Basler Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) nach, ob die Organisation eine Bewilligung für Sonntagsarbeit habe. Dieses teilte ihm mit, dass Scientology nach dem Arbeitsgesetz als religiöse Gemeinschaft gelte und demnach von der Pflicht zur Einhaltung des Gesetzes entbunden sei. Eine Einschätzung, die offenbar auch vom Staatssekretariat für Wirtschaft geteilt wird, mit dem das AWA Rücksprache gehalten hat. Sowohl von Tschudin als auch von mehreren Politikern in Basel wurde die Entscheidung des AWA seither stark kritisiert.

Damit werde Scientology vom Kanton faktisch als Religion anerkannt, schreibt etwa Tschudin. Dies sei eine Kompetenzüberschreitung des AWA, weil die Anerkennung von Religionen Sache des Grossen Rats seien.

Der Widerstand formiert sich

Bereits Ende April hatte SVP-Grossrat Michel Rusterholtz eine Interpellation zu Scientology eingereicht. Er wollte unter anderem von der Regierung wissen, ob sie etwas gegen das öffentliche Missionieren der Anhänger im Quartier unternehme, und ob Pläne bestehen , deren «Tätigkeit auf dem Kantonsgebiet» zu beschränken oder zu verbieten. Regierungsrat Guy Morin sagte in seiner Antwort, Scientology könne aus heutiger religionswissenschaftlicher und alltagssprachlicher Sicht der Religionsstatus nicht abgesprochen werden. «Solange kein Rechtsmissbrauch vorliegt, gibt es keine Möglichkeit, gegen Scientology vorzugehen oder sie gar zu verbieten», sagte Morin.

Ungleich heftiger äusserte sich die kantonale CVP auf die implizite Anerkennung von Scientology als religiöse Gemeinschaft. In einer Medienmitteilung von dieser Woche heisst es, man sei «empört über diesen Entscheid» und werde «mit allen Mitteln dagegen vorgehen», denn das AWA habe damit «die ausbeuterische Sekte» auf die gleiche Ebene gehoben wie etwa Buddhisten, Muslime oder hinduistische Gemeinschaften. Auch nach Meinung der CVP hat das AWA mit dem Entscheid seine Kompetenzen überschritten. Die Anerkennung von religiösen Gemeinschaften sei Sache des Grossen Rates. CVP-Fraktionspräsident Remo Gallacchi wird gemäss Mitteilung eine Interpellation zum Thema einreichen.

Burgfrieden im Grossen Rat

Schliesslich fördert der Widerstand gegen Scientology offenbar auch unheilige Allianzen zutage. So planen SP-Grossrätin Sarah Wyss und SVP-Rusterholtz einen gemeinsamen Anzug. «Ich möchte gegen das belästigende Missionieren auf der Strasse vorgehen», sagt Sarah Wyss. Sie habe das Gefühl, Scientology missbrauche den Glauben und die Abhängigkeit ihrer Anhänger für «Geschäftlimacherei». Wenn eine sektenähnliche Organisation gleichzeitig religiös und derart gewinnorientiert sei, gehe das für sie nicht zusammen.

Wie die «Basler Zeitung» in ihrer gestrigen Ausgabe schreibt, reicht derweil der Basler FDP-Parlamentarier Daniel Stolz im Nationalrat eine Interpellation ein. Er möchte darin vom Bundesrat wissen, ob auch das Staatssekretariat für Wirtschaft – das eidgenössische Pendant zum Basler AWA – Scientology als religiöse Gemeinschaft anerkenne, und auf welchen wissenschaftlichen Grundlagen solche Entscheide fussten.

Scientology will mehr

Für Scientology-Sprecherin Annette Löffler ist klar: «Es gibt mehrere Bundesgerichtsurteile, die unsere Organisation als religiöse Gemeinschaft einstufen, und deshalb kommt auch der Entscheid des AWA für uns nicht überraschend, sondern ist nur eine Bestätigung der bestehenden Situation.» Laut Löffler strebt Scientology «in Kürze» an, offiziell als Religion anerkannt zu werden. Dafür muss ein Gesuch gestellt werden, über das in Basel der Grosse Rat abstimmt.

Ob sich dieser dafür ausspricht, sei dahingestellt. Was indes sicher ist: Widerstand ist bereits programmiert.

Aktuelle Nachrichten