Wahlkampf mit Baschi Dürr

Das Protokoll seiner Abwahl: «Mein Resultat ist eigentlich gut, oder?»

Baschi Dürr nach der Abwahl: Bereits nach den Zwischenresultaten räumte der Sicherheitsdirektor seine Niederlage ein.

Baschi Dürr nach der Abwahl: Bereits nach den Zwischenresultaten räumte der Sicherheitsdirektor seine Niederlage ein.

Baschi Dürr hat sich nichts zu Schulden kommen lassen und wurde dennoch abgestraft. Die bz hat ihn seit August im Wahlkampf begleitet.

Es ist, als wäre Baschi Dürr aus seiner Hülle gefahren. Der schwarze Hut mit dem schwarzen Hutband liegt auf seinem Schreibtisch. Den Mantel hat er achtlos daneben hingeworfen. Schutzmaske, Portemonnaie, Handschuhe, Smartphone und Schlüsselbund sind fein säuberlich abgelegt.

«Es war keine Entscheidung zwischen Stephanie Eymann und mir, sondern zwischen Esther Keller und mir», diktiert Dürr in den Hörer, die Füsse ruhen auf dem Pult. Er telefoniert, ein Journalist will seine Einschätzung zu den vorläufigen Wahlergebnissen wissen. Dürr spricht monoton, seine Antworten wirken einstudiert. Immer wieder die gleichen Sätze. Auf jede Frage hält er eine Antwort bereit: «Ich bin jetzt noch zwei Monate im Amt und wer auch immer nach mir kommt, ich bin mir sicher, diese Person wird ihren Job gut machen.»

Die Interviews am Sonntagnachmittag erledigte Baschi Dürr in seinem Büro im Justiz- und Sicherheitsdepartement.

Die Interviews am Sonntagnachmittag erledigte Baschi Dürr in seinem Büro im Justiz- und Sicherheitsdepartement.

Die nächsten Journalisten machen sich für ein Interview bereit, unten, im Spiegelhof. Danach scrollt Dürr durch die unzähligen Nachrichten auf seinem Smartphone. Er zittert. Zu viele Interviews habe er in der Kälte geführt, ohne Mantel und Hut, dafür mit weinroter Krawatte. «Es haben viele Erbarmen», meint er beiläufig. Nicht wegen der Kälte, sondern wegen seiner Abwahl. Wenige Meter entfernt steht die neue LDP-Regierungsrätin Stephanie Eymann vor der Kamera. Kaum ist sie fertig, ruft er: «Wollt ihr noch ein Bild von uns beiden?» Natürlich wollen sie, und Dürr liefert. Er liefert, wie er es seit Jahren für die FDP tut und wie er es auch in den vergangenen Wochen im Wahlkampf getan hat.

Sein Ende als simples Produkt der Arithmetik

Eine Abwahl ist grausam. Gefeuert, öffentlich, vom kompromisslosesten Chef der Welt: dem Volk. Eva Herzog sagte mal, eine Nicht-Wahl sei verkraftbar. Eine Abwahl aber gönne sie nicht mal den ärgsten Widersachern. Für Baschi Dürr kommt erschwerend dazu: Er hat nicht schlecht gearbeitet. Das sagen sogar seine Kritiker. Sein Ende in der Basler Regierung ist das simple Produkt der Arithmetik. Es hätte einen Volkstribun gebraucht, um dieser speziellen Konstellation ein Schnippchen zu schlagen, und so einer ist Dürr nicht.

Die bz hat den einstigen Hoffnungsträger der FDP begleitet, an zig Podiumsdiskussionen, PR-Auftritte, Sitzungen mit den Parteistrategen; war dabei in intimen Momenten dieses Gefechts. Es sollte der Blick werden auf den Wahlkampf durch die Augen eines Kandidaten. Entstanden ist die Geschichte eines Mannes, der alles stets unter Kontrolle hatte – ausser sein eigenes Schicksal.

- 5. AUGUST 2020, Sud Basel -

Der Nadelstreifenanzug, die Krawatte, das weisse Hemd, alles wie immer. Aber heute ist Dürr nervös. Es ist der Auftakt zu seinem Wahlkampf, noch dazu einer der ersten Anlässe seit langem – Corona halt. Nur noch wenige Minuten bis zu seinem Auftritt. Dürr bestellt sich ein Bier. Mit einer Stange in der Hand steht er vor dem «Sud» im Kleinbasel und inhaliert den Rauch seiner Zigarette. Gleich gehts los.

Vieles ist anders als vor vier Jahren, manches ist gleich. Natürlich ficht Dürr aus der Defensive, der bürgerliche Polizeidirektor in der linken Stadt. Die Diskussionen über den Frauenstreik haben den ganzen Sommer angedauert. Aber der Protest gegen seine Person lässt sich nicht vergleichen mit der Dienstwagen-Affäre und anderen Altlasten im Polizeidepartement, die sich vor den Wahlen 2016 Bahn brachen. Und heisst es nicht, Corona stärke das Vertrauen in die Regierung?

Dieses Mal lauert die Konkurrenz in den eigenen Reihen. Stephanie Eymann, sie hat das richtige Geschlecht und vertritt die Partei im Aufwind. Ihr gehört das Momentum, das ist spätestens seit den internen Ausmarchungen klar. Bei der CVP lag Dürr hinter Eymann. Es wird nicht einfach. Aber das war es eigentlich nie. 43 Jahre alt ist Baschi Dürr. Bei dem Alter vergisst man beinahe, dass auch er um jeden Karriereschritt kämpfen musste.

«Baschi Dürr, was bedeutet für dich Freiheit? Auch wenn du in deinem Amt eher damit beschäftigt bist, sie anderen wegzunehmen.» Der Podiumsmoderator der FDP erntet erste Lacher. «Das ist ein falsches Bild, das du hast. Der Gesetzgeber, das Parlament und die Regierung schränken ein. Die Polizei führt nur aus», belehrt Dürr. Freiheit bedeute für ihn die Abwesenheit von Zwängen. Da er in seinem Leben zu nichts gezwungen werde, fühle er sich frei. «Mir ist klar, ich bin privilegiert», schiebt Dürr nach.

Unmittelbar nach Ende des Podiums bahnt sich Dürr seinen Weg zur Bar. «Eine Stange, bitte.» Die Zigarette klopft er schon auf dem Weg nach draussen aus der Schachtel.

Baschi Dürr war den anderen stets voraus. Überall war er der Erste, der Schnellste. Derjenige, der es den anderen vormachte. Er präsidierte mit 15 das Schülerparlament im Realgymnasium, dem heutigen Kirschgartengymnasium. Die meisten seiner Schulkollegen hatten da mit Politik noch gar nichts am Hut. Er schloss das Studium mit 22 ab, mit 27 wurde er zum ersten Mal Vater.

«Ich fands extrem spannend»

Aufgewachsen ist Dürr als Ältester von vier Geschwistern in einer klassisch-bürgerlichen Familie im Gellertquartier. Der Vater Anwalt und Notar, die Mutter Hausfrau. Gut hatte er es, mit seinen drei Schwestern und seinen Eltern. Dürrs Vater war politisch nicht aktiv, kandidierte einzig einmal als Listenfüller. Mit der Zeit wurde er immer liberaler, auch in der Erziehung.

Dürr wurde Ministrant in der Kirche – nicht etwa weil er musste, sondern weil «es einfach dazugehörte». «Ich fands extrem spannend», sagt er. Nicht, dass die Kirche aus ihm einen gläubigen Christen geformt hätte. Im Gegenteil. Dürr sagt, er sei wahrscheinlich Atheist, wenngleich es anmassend sei zu behaupten, es gäbe keinen lieben Gott. Aus der Kirche ist er inzwischen ausgetreten. Aber dieses Showelement als Ministrant, das sagte ihm zu.

Erstaunt es wirklich, dass dieser Mann schon als Jugendparlamentarier vollmundig verkündete, er wolle Teil der Landesregierung werden?

- 19. AUGUST, «Löwenzorn» -

Mittwochmorgen, Restaurant Löwenzorn. Im Hintergrund ist der Glockenschlag zu hören, als Baschi Dürr die Pressekonferenz eröffnet, an der das bürgerliche Viererticket den Wahlkampf einläuten will. Sein dunkler Anzug ist zugeknöpft. Dürr spricht über die Erfolge seiner Kollegen, über Angriffe von sowohl linker als auch von rechter Seite, die es abzuwehren gälte. Kontinuität, Führungserfahrung, dazu die Namen seiner Mitstreitenden: In den kommenden Wochen wird das zu Dürrs Mantra. Effekt durch Wiederholung, wusste schon der alte Cato. Die Strategie der Bürgerlichen trägt Dürrs Handschrift.

Dürr als Dirigent: Der PR-Fachmann hat einen grossen Teil des bürgerlichen Wahlkampfs gestaltet.

Dürr als Dirigent: Der PR-Fachmann hat einen grossen Teil des bürgerlichen Wahlkampfs gestaltet.

Früh machte Dürr mit seiner Redegewandtheit auf sich aufmerksam. Er hielt an der Maturfeier die Rede und entdeckte den Reiz des freien Sprechens. Bis heute geniesst er das Adrenalin, wenn er ohne Notizzettel vor grossen Menschenmengen spricht. «Ich betrachte es auch etwas als Spiel, hangle mich wie Tarzan bei den Themen von Liane zu Liane.» Deutsch, Geschichte und Geografie waren seine Sechser-Fächer. Aber ansonsten war er in der Schule weniger brillant, als man annehmen könnte.

«Morgen reichts leider nur für eine kleine Meldung»

Er tat, was er musste und lebte von seinem Sprachtalent. Dieses brachte ihn nach der Matur vorübergehend zu Radio Raurach, später arbeitete er in der Wirtschaftsredaktion der NZZ. Noch immer schlüpft er gerne in die Rolle als Journalist und zeichnet vor den Mitarbeitenden die Titelseiten der Regionalzeitungen auf – vom nächsten Tag notabene. Dann klingt er so: «Ich glaube, morgen gibt’s einen Aufhänger aus dem Sicherheitsdepartement.» Oder so: «Morgen reichts leider nur für eine kleine Meldung.»

Langsam nähert sich Baschi Dürr dem Ende seiner Ausführungen im «Löwenzorn». Lukas Engelberger, Conradin Cramer und Stephanie Eymann hören Dürr zu. Zwei Freunde und eine Bedrohung.

- 20. AUGUST, «Telebasel» -

Baschi Dürr steckt sich eine Davidoff Gold an und danach noch eine. Es ist Donnerstagabend und er steht vor dem Haupteingang von «Telebasel». Heute soll ein sogenanntes TV-Duell stattfinden. Eigentlich ist es ein Dreikampf: Dürr tritt an gegen Regierungskollegin Tanja Soland und Herausforderer Stefan Suter von der SVP. Dürr ist aufgekratzt. Die Medienberichterstattung zum gestrigen Wahlkampfauftakt war gut, «am oberen Rand unserer Erwartungen», sagt er.

«Das sollte heute Abend ja kein Problem werden, Herr Suter», feixt Dürr. «Wir sind uns in allem einig: Sicherheit ist wichtig, die Begrenzungsinitiative ein Seich und die Bettler kriegen wir in den Griff. Sie haben sich einfach in der Partei vergriffen!» Soland lacht. Suter schweigt. Es ist kein Geheimnis, Dürr und Soland verstehen sich trotz vieler Gegensätze gut. Suter hingegen ist der Quereinsteiger, der Neue auf dem Pausenhof der Politik.

«Ich werds mir nochmals anschauen müssen»

Seine Angriffslust behält Dürr auch in der Show. Spitzen gegen links, rechts und die Moderatorin. «Noonemol», sagt er, wenn er einen Punkt unterstreicht. Zu aggressiv, werden seine Parteikollegen später urteilen. Er habe sich wie ein Herausforderer benommen, nicht wie ein Bisheriger. Das wird im Verlauf der nächsten Wochen zum Problem werden: Dürr, der Exakte, Dürr, der Übereifrige sogar. Dossiersicherheit ist wichtig. Perfektion macht unnahbar.

Eine Bekannte schickt ihm ein SMS «Isch guet gsi». «Ich werds mir nochmals anschauen müssen», meint hingegen Dürr. Was zählt, ist die Meinung seiner Partnerin. «Sie ist meine schärfste Kritikerin.» Sagt’s und schwingt sich auf die Vespa. Der Babysitter wartet.

- 28. AUGUST 2020, Werbeagentur und Riehen -

Als Baschi Dürr den Raum in einem Hinterhof im Gundeli betritt, blicken ihm fünf Augenpaare entgegen. Der Regierungskandidat trifft sich mit einer Werbeagentur – ganz allein. 200'000 Franken lassen sich die Bürgerlichen den Wahlkampf kosten. Was wenige wissen: Zusätzlich steckt Dürr 35'000 Franken in die Kriegskasse für seine Wiederwahl. Geld von persönlichen Gönnern.

Sein Sitz wackle, müsse er schliesslich jeden Tag lesen. Er sagt’s scherzhaft, doch die Ironie verfängt nicht. Das Resultat vor vier Jahren, das ihn in einen zweiten Wahlgang zwang, hatte ihn unvermittelt getroffen. Noch einmal will er nicht innert 48 Stunden eine zweite Kampagne zusammenschustern müssen.

35'000 Franken sind viel Geld. Zumindest inzwischen. Früher sponserte  die Wirtschaft mehr. «Es ist paradox», sagt Dürr, «die lokale Politik wird immer regulatorischer, doch die Wirtschaft scheint es nicht zu kümmern.»

Am heutigen Treffen dabei ist auch Titus Hell, Dürrs Wahlkampfleiter. Der Präsident der Basler Jungfreisinnigen kümmert sich vor allem um administrative Belange. Während der Sitzung mit der PR-Agentur sagt Hell wenig.

«Auf ein Bier mit Baschi Dürr»

Dafür spricht der Werber. Beflissen erzählt er von seinen Plänen. Aber Dürr weiss selber, wie seine Kampagne aussehen soll: keine Promis, möglichst Leute vom Volk. «Ich will nicht erreichen, dass man den Dürr kennt. Sondern, dass man ihn wählt.» Auf Einwände geht er gerne ein, schlägt sie aber schliesslich ab: «Ich habe auch zwanzig Jahre PR gemacht.» Noch heute ist «Auf ein Bier mit Baschi Dürr», der Slogan seiner ersten Wahlkampagne, ein geflügeltes Wort. Weniger bekannt ist, dass er damit nicht auf grosses Publikumsinteresse gestossen ist. Einmal sass er eine Dreiviertelstunde alleine im Landgasthof Riehen. «Aber gewirkt hat’s trotzdem.»

Später am Abend sitzt Baschi Dürr wieder alleine in Riehen. Die hiesige FDP hält ihre Generalversammlung ab, danach Bier und Grill. Liberale unter sich, das wird ein Heimspiel für Dürr. Etwas verlassen sitzt er im blauen Zelt und wartet.

Überhaupt ist er viel alleine unterwegs. Die Bürgerlichen, das zeigt sich immer wieder, sind nicht die SP, die in allen Belangen der Basler Politik Massstäbe setzt. Die Genossen unterhalten bezahlte Campaigner, die den «Kandis» einheizen, sie zu Aktionen antreiben und ihnen dafür das Personal zur Seite stellen. Wenn die SP zur Telefonaktion ruft, greifen während Tagen Dutzende Parteimitglieder zum Hörer, orchestriert vom Parteisekretariat. Am Ende schlagen über 10'000 Gespräche mit möglichen Wählern zu Buche. Ein gewaltiger Vorteil. Die Bürgerlichen setzen auf Freiwilligkeit, der engere Apparat besteht vor allem aus CVP-Frau Tiziana Conti, und zwar für LDP, CVP und FDP zusammen, unterstützt durch die Parteipräsidenten.

«Hier sind dir die Stimmen sicher»

Langsam trudeln die Parteikollegen ein. «Hier sind dir die Stimmen sicher», sagt Andreas Zappalà, Präsident der Ortspartei. «Gäng sövu», entgegnet Dürr.

Eben hat Dürr eine Bratwurst mit etwas Kartoffelsalat verdrückt, da macht sich ein Parteikollege bemerkbar: «Baschi, wir wären so weit.» Dürr steht auf, Knopf zu, Hacken zusammen. Vielleicht liegts am Bier, vielleicht am wohlgesinnten Publikum, doch diese Rede fällt etwas feuriger aus als andere. Ein paar Tage später, an einer Vereidigungsfeier, wird er inhaltlich fast das gleiche sagen. Ist Dürr aber – wie jetzt – in seinem Element, verschluckt er das «r». Ein «Joor» wird dann zu einem «Jooch». Corona, die Bettelbande, er plaudert einfach aus dem Nähkästchen, und wie immer: Cramer, Engelberger, Eymann. Nie würde er es versäumen, diese Namen zu nennen.

Viele Linke im engeren Freundeskreis

Der Kontakt zwischen den vier Kandidierenden ist eng. Über Strategien aber auch über Klatsch tauschen sie sich über eine Whatsapp-Gruppe aus.  Und die Freundschaft im Team ist echt, sowieso zwischen den drei Männern. Engelberger ist der Götti von Dürrs Sohn.

Neben ihm zählt Dürr auffällig viele Linke zu seinen engeren Freunden. Neben Daniel Ordas (SP) auch Thomas Gander (SP-Fraktionspräsident im Grossen Rat); auch Ex-Partnerin Sibylle Schürch gehörte der SP an. Regelmässig gehen Dürr, Engelberger und Ordas gemeinsam essen. Und einmal im Jahr schmeisst Dürr eine grössere Gartenparty, bei der er Menschen aus allen politischen Lagern bewirtet. Ordas sagt, Dürr sei ein «fleischgewordener Knigge.» Alle Wünsche würden erfüllt. Als Gastgeber sei Dürr auf eine trockene Art witzig und schaffe es, allen das Gefühl zu geben, mit ihnen Zeit verbracht zu haben. «Was ich so an ihm bewundere ist, wie konsequent er die falsche Meinung durchgezogen hat», sagt Ordas. Aber Dürr war und ist überzeugt, dass jeder Mensch seines eigenen Glücks Schmied ist.

- 31. AUGUST, Podium der Handelskammer -

Nächstes Podium, Handelskammer. Auf der Bühne legt sich Dürr mit den anderen Kandidierenden an. In den verschiedenen Zusammensetzungen stichelt er besonders gegen die Linken. Immer wieder zupft er seine Krawatte zurecht. Dürr ist in seinem Element.

Dürr stand schon früh gerne im Mittelpunkt. Doch nicht alle Türen ins Rampenlicht standen ihm offen. Als Fussballer hätte er nicht getaugt, er sagt, er kicke «granatenschlecht». Auch für die Schauspielerei habe er nicht genügend Talent. Neben der Elefantendressur im Zirkus sei ihm eben noch die Politik geblieben, ulkt er heute. Das Schülerparlament bot ihm die richtige Bühne. Er präsidierte es im Wechsel mit Daniel Ordas. Der sagt: «Baschi Dürr war schon damals viel zu erwachsen für sein Alter.»

- 16. SEPTEMBER, Strategiesitzung -

Dürr trifft als Erster ein, um kurz nach sieben. Heute ist er um sechs Uhr aufgestanden. «Das ist normal» sagt er, mal stellt er den Wecker ein paar Minuten früher, mal ein paar Minuten später. An der Morgensitzung mit der Wahlkampfleiterin Conti und den anderen bürgerlichen Kandidatinnen und Kandidaten geht es um den Feinschliff. Was kann die PR-Agentur noch besser machen? Dürr meint: «Ich finde, die Verbesserungen kommen gut daher, der Film dünkt mich einen Tick langsamer als in der ersten Version.»

Die anderen nicken und Conti weist die Kandidaten an, die Videos auf ihrer Facebook-Seite zu empfehlen. Der FDP-Präsident Luca Urgese moniert, dass es auf den Flyern zu viele Köpfe und zu wenig Inhalt gäbe, aber die LDP-Präsidentin Patricia von Falkenstein hält dagegen: «Die Leute lesen doch nicht, sie schauen die Bildli an. Oder sie sagen, ah, der hat drei Kinder, die nur eins.» Dreifach-Vater Dürr meint: «Wir könnten doch einfach unsere Kinder abdrucken.» Eymann entfährt ein Lachen – sie hat nur ein Kind.

- 22. SEPTEMBER, Wurst und Bier I -

Die Weinhandlung Enoteca Siebedupf an der Grenzacherstrasse wird zweckentfremdet. Normalerweise wird hier edler Wein verkauft, aber die FDP, die im Verruf steht, elitär zu sein, zieht lieber unter dem Motto «Wurst und Bier» in den Wahlkampf. Das wirkt bodenständiger. Heute ist das einfache Volk eingeladen. Von den zwei Dutzend Anwesenden werden es aber hauptsächlich Freisinnige sein, ein paar junge Linke, die schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben, gesellen sich später dazu. Dürr geht gleich an die Bar, holt sich ein Kitchen Brew. Das nächste Mal ordert er explizit «ein Feldschlösschen».

Dürr muss gleich sprechen auf dem Mini-Podium. Wie sieht es mit seinem Puls aus? «Och. Wahlkampf macht mich jetzt nicht mehr so nervös. Ich hatte ja schon ziemlich viele.» Sein Leben sei auch nicht vergleichbar mit jenem der Spitzenpolitiker im Ausland. «Sie wollen also eine Repo schreiben wie der ‹Spiegel› über Martin Schulz?», fragt er, auf den Deutschen angesprochen. «Am besten soll ich noch über meine Regierungsratskollegen fluchen wie er über die Kanzlerin? Neinnein, das hier ist anders. Mit Schulz konnten die Journalisten in den Hotellobbys absumpfen, aber ich als Regionalpolitiker gehe nachher nach Hause.»

- 24. SEPTEMBER, Podium, SRF, Wurst und Bier 2 -

Es ist die strengste Woche im Wahlkampf. Fast jeden Abend ist Dürr auf Achse. Langsam ist er in Übung, was die Begegnung mit seinen Kontrahenten angeht. Das gibt Zuversicht. Ein lauer Wahlkampf sei es, tönen die Medien. Dürr kann das nur recht sein. Während Elisabeth Ackermann kaum mehr zu Luft kommt, und bald für das Museumsdebakel, bald für ihre Kommunikation darüber angegriffen wird, ist es ruhiger geworden um Dürr. Ausserdem geht seine Strategie auf: Niemand redet von einem bürgerlichen Angriff auf die Macht, inhaltliche Diskussionen finden kaum statt. Eymann profitiert.

«Irgendwie treffe ich immer auf den Suter», sagt er. Auch heute, beim Streitgespräch beim Regionaljournal von SRF. Doch dieses Mal ist alles ein bisschen anders. Der SVP-Mann wird seinem Ruf als Quereinsteiger gerecht. Mitten im Live-Gespräch lastet er Dürr eine Mitschuld am Suizid eines entlassenen Polizisten an. Es ist, als hätte Suter die Spielregeln eines Wahlkampfs nicht begriffen. Solche Angriffe sieht das Raster dieser Stadt nicht vor, in der sich die Politisierenden immer über mehrere Ecken treffen. Die Mikrofone sind schon lange ausgeschaltet, aber Dürr und Suter streiten weiter.

Der Luxus hat ihm nie zugesagt

Ehrgeiz hatte Dürr schon immer. Früh äusserte er den Wunsch, Bundesrat zu werden. Und wechselte gar die Partei, ging von der LDP in die FDP. Doch was trieb ihn an? Das Geld sicher nicht. In der Privatwirtschaft, wo er bis 2012 für die PR-Agentur Farner als Geschäftsführer amtete, hätte er längerfristig mindestens gleich viel verdient wie als Regierungsrat. Ein Job, der darüber hinaus noch unsicher ist. Doch der Luxus hat ihm nie zugesagt. Er trägt keinen teuren Schmuck, keine teuren Uhren, er lagert keinen teuren Wein. Am liebsten bestellt er sich das günstigste helle Bier.

Rund dreissig FDPler haben sich im Schützenhaus eingefunden. Lange plätschert die Podiumsdiskussion vor sich hin. Am Ende steht ein älterer Mann auf, er fragt: «Warum erreichen wir die Jungen eigentlich nicht?» Wenn man Ratlosigkeit malen müsste, sie sähe aus wie dieser Saal von Mittvierzigern in dunklen Anzügen. Die Basler FDP gibt an diesem Abend ein desolates Bild ab. Wie könnte diese Partei ihren Regierungsrat stützen?

- 10. OKTOBER, Strassenwahlkampf -

10 Uhr, leichter Regen. Im Riehener Dorfzentrum haben sich alle Parteien bis auf die SP versammelt, um an ihren Ständen um die Wählergunst zu feilschen. Noch zwei Wochen bis zur Entscheidung. Jede freie Minute frisst der Wahlkampf, auch an diesem Wochenende. Auf dem Kopf trägt Dürr seinen Hut mit schwarzem Hutband, links hat er die «NZZ» eingesteckt. Aus fünf Wegwerfbechern dampft Kaffee, er trägt sie an den Stand der FDP. Es geht jetzt darum, sich zu zeigen, «mehr den eigenen Leuten als der Wählerschaft», sagt er. Die vier Bürgerlichen führen ihre Einigkeit spazieren. Mit schwarzem Anzug und dunkelvioletter Krawatte unter dem Wollmantel sticht Dürr heraus. Engelberger, Cramer und Eymann haben sich lockerer gekleidet.

Strassenwahlkampf in Riehen: Baschi Dürr mit Lukas Engelberger und Stephanie Eymann.

Strassenwahlkampf in Riehen: Baschi Dürr mit Lukas Engelberger und Stephanie Eymann.

Fragen über sein Aussehen sind Dürr so fern, dass er nicht mal damit kokettieren kann. Dass er seit jungen Jahren vornehmlich in Hemd und Krawatte zu sehen ist, hat den ganz pragmatischen Grund, dass er sich in diesem Outfit keine Gedanken machen muss, wenn er aus dem Haus geht. Blue Jeans jedenfalls habe er keine, weil sie ihm schlicht zu steif seien. Seit Mitte zwanzig trägt er seine Glatze – und macht keinerlei Anstalten, diese zu kaschieren.

«Haben wir eigentlich einen Ricola-Beauftragten, der immer dafür sorgt, dass dieses Fach gefüllt ist?»

Die violette Krawatte trägt Dürr heute zu Ehren eines Geburtstagskindes. Ein Basler Bürger feiert seinen 100. Geburtstag. Traditionsgemäss wird er zur Feier des Tages von einem Basler Regierungsmitglied besucht. Heute ist Baschi Dürr an der Reihe.  Weibel Roland Schaad fährt ihn zum Geburtstagsfest und weiter zum nächsten Termin – mit einer der drei Regierungsratslimousinen, ein silberner Mercedes. «Das älteste Fahrzeug der Flotte», betont Dürr, der immer hinten rechts sitzt. Es riecht nach Leder. In der Armlehne sind fünf Bonbon-Packungen verstaut. «Haben wir eigentlich einen Ricola-Beauftragten, der immer dafür sorgt, dass dieses Fach gefüllt ist?» Roland Schaad zuckt mit den Schultern. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen der Basler Wahlkampf so etwas wie Weltläufigkeit atmet. Dürr öffnet den kleinen Kühlschrank in der Armlehne. Kein Champagner, gekühltes Wasser.

Der nächste Wahlkampftermin im Nieselregen. Die Parteifreunde warten bereits am Aeschenplatz mit Flyern in der Hand. Die Passanten zeigen kaum Interesse an den bevorstehenden Wahlen. Dürr sagt: «Hallo Wähler, wo sind hier die Wähler?» Parteikollege David Jenny antwortet: «He Baschi, wir sind doch auch Wähler, da ist noch nichts klar.» Dürr lacht entnervt: Nur er und Eymann sind da. «Wo stecken Lukas und Conradin?» Schulterzucken. Dürr greift zum Handy und schreibt in den gemeinsamen Chat, sie sollen kommen. Einige Minuten später trifft Engelberger auf dem Velo ein. Es habe halt länger gedauert, da er von Riehen nach Basel radeln musste. Wo Cramer bleibt, weiss auch er nicht. Dürr hält sich zurück.

- 19. OKTOBER,  Flyeraktion -

Die letzte Woche vor den Wahlen. Noch harzt das Geschäft: Nur jeder vierte Stimmbürger hat sein Couvert eingereicht. Dürr und die jungen Kandidaten David Mumenthaler und Titus Hell klappern das Neubadquartier ab. «Haben Sie schon gewählt? Nein? Dann können wir Ihnen vielleicht noch bei der Auswahl der Kandidierenden helfen.» Sie klingeln nur bei Einfamilienhäusern, bei Mehrfamilienhäusern werfen sie Flyer in die Briefkästen.

Die meisten haben schon gewählt. Oder Dürr und seine Kollegen werden von Esther-Keller-Plakaten, SP-Aufklebern am Briefkasten oder einer «Konzernverantwortungsinitiative»-Fahne bereits an der Haustüre abgeschreckt. Die Banner für die Gletscherinitiative verwirren den Regierungsrat. «Was ist das genau?», fragt er Mumenthaler und Hell. Sie wissen es nicht. «Okay, aber im Zweifelsfall sind wir dafür», sagt Dürr und klingelt.

Ein «Esther Keller»-Wahlplakat oder eine «Konzernverantwortungsinitiative»-Fahne: Hier will Baschi Dürr nicht klingeln.

Ein «Esther Keller»-Wahlplakat oder eine «Konzernverantwortungsinitiative»-Fahne: Hier will Baschi Dürr nicht klingeln.

- 22. OKTOBER, Freitagabend vor dem Wahlsonntag -

Dürr ist nach acht Jahren in der Exekutive nur 43 Jahre alt. Auch hier war er den anderen voraus. Während andere in diesem Alter ihre politische Karriere so richtig lancieren, muss er sich mit dem Leben danach auseinandersetzen. Eine Abwahl, so sagt er, würde ihn schon wurmen. «Ich mach den Job furchtbar gerne und will ihn auch noch weiter machen», sagt er. Angst aber hat er keine. Die Irrungen und Wirrungen in seinem Erwachsenen-Leben haben ihn fatalistisch werden lassen. Neben seiner schnurgeraden Karriere hatte er einige Trennungen zu verkraften, hat mit drei Frauen drei Söhne.

Gerade ist er wieder Vater geworden, er lebt mit seiner Partnerin, einer Konzertpianistin, dem Kleinkind und seinem ältesten Sohn im Wettsteinquartier. Trotz Patchwork-Strukturen führt er ein ziemliches Bünzli-Leben. Er sagt sogar: «Von aussen betrachtet recht langweilig. Ich habe keine zeitaufwendigen Hobbys, gehe nicht an aufregende Orte in die Ferien und verbringe meine Zeit sowieso am liebsten im eigenen Haus.» Im Herzen brennt der Ur-Basler nicht einmal für den FC Basel («einmal im Jahr gehe ich ins Stadion»), und bei der Fasnacht reichts ihm, bei einem Altherren-Schyssdräggzyygli mitzulaufen, wo er noch zu den Jüngsten gehöre. Er hat kein schlechtes Gewissen, zwischendurch einmal auszuschlafen und einen Morgen vor dem Fernseher zu verbringen.

Es könnte ja sein, dass in zwei Tagen alles vorbei ist und Dürr die Wiederwahl auf Anhieb schafft.

Ein kurzes Telefonat mit Dürr, wann wolle man diese Reportage bringen, sollte er am Sonntagabend schon als Regierungsrat feststehen, Mittwoch vielleicht? Nie schien diese Möglichkeit so gross wie jetzt, ist sich die Redaktion einig. Doch, könnte ja schon sein, niemand kennt den Einfluss von Corona. Dürr: «Die Leute wünschen sich vielleicht schon Stabilität.» Es sei wirklich schwierig einzuschätzen, auch wenn er nach wie vor mit einem zweiten Wahlgang rechne. «Herzlichen Dank auf jeden Fall für das Interesse, für mich waren Sie wie Sparringpartner.»

- 24. OKTOBER, Wahlsonntag erster Wahlgang -

Als Staatsschreiberin Barbara Schüpbach das Schlussresultat verliest, tritt Baschi Dürr einen Schritt zurück. Mit beiden Armen greift er nach den Rücken von Conradin Cramer und Lukas Engelberger, den Gewählten, und schiebt sie demonstrativ nach vorne.

Er hatte einen schweren Stand: Conradin Cramer und Lukas Engelberger schafften die Wiederwahl im ersten Wahlgang, Dürr musste weiter zittern.

Er hatte einen schweren Stand: Conradin Cramer und Lukas Engelberger schafften die Wiederwahl im ersten Wahlgang, Dürr musste weiter zittern.

Augenblicke später strahlen die beiden von der Bühne und nehmen den Blumenstrauss und den Applaus des fast leeren Saals entgegen. Dürr klatscht zuerst. Ganz alleine steht er da. Die Bühne ist nur etwa eineinhalb Meter hoch und doch könnte man sich kein eindeutigeres Symbol ausdenken für das absolute Mehr: oben die Erleichterung, unten das Zittern. Wieder wird es für Dürr einen zweiten Wahlgang geben.

Er hat die Auszählung zu Hause verfolgt. Überall durfte die bz ihn hinbegleiten, aber in diesem Moment der Wahrheit wollte er nur seine Partnerin dabeihaben und einen seiner Söhne. Als Dürr zwei Stunden später schliesslich im Wahlforum aufkreuzt, sitzt das Wording: «Erfreulich ist mein Platz unter den ersten Sieben.»

Es ist kein gutes Resultat für Dürr. Er liegt deutlich hinter Eymann zurück und nur 300 Stimmen vor Esther Keller von der GLP. Es kann noch alles passieren, das weiss auch Dürr. Doch als er sich am Wahlabend unter seine Parteifreunde in einem Hinterhof im St. Johann mischt, ist seine Gelassenheit echt. Mehr noch. Sein ausgeprägter Wettkampfgeist ist geweckt. «Eine bürgerliche Mehrheit liegt tatsächlich drin», sagt er, «und sie steht und fällt mit mir. Das ist doch spannend! Stellen Sie sich mal vor, die Linken würden die Regierungsmehrheit in Basel verlieren. Das wäre ein schweizweites Fanal!»

Zwischenstopp vor dem Balkon

Was darauf folgt, ist vielleicht der skurrilste Moment im Basler Wahlkampf. Engelberger hat angeregt, man solle doch Stephanie Eymann einen Besuch abstatten, die den Wahlsonntag quarantänehalber zu Hause fristet. Eine knappe Stunde später stehen Dürr, Engelberger und weitere Würdenträger aus dem bürgerlichen Wahlkampftross vor Eymanns Balkon im Wettsteinquartier. Vorhin hatten sie hier Journalisten belagert, doch die sind gegangen. Es geht jetzt nicht um PR, sondern schlicht darum, diesen Zwischenstopp in einer strapaziösen Zeit kurz zusammen zu feiern. Sämtliche Strategien sind plötzlich weit weg. Hier begegnen sich keine Kandidierenden oder sogar Konkurrenten, sondern Menschen, die alle den gleichen Druck spüren oder gespürt haben.

«Ich glaube, wir sind schon geil», ruft eine euphorisierte Eymann vom zweiten Stock dem Grüppchen im Nieselregen zu. Längst ist es dunkel geworden.

«Satz des Abends», notiert Dürr.

«Weltklasse», pflichtet Engelberger bei.

«Wissen wir schon etwas vom Grossen Rat?», fragt Eymann. Noch lassen die definitiven Resultate auf sich warten.

«Naja, die Linke holt keine Mehrheit. Das ist schon viel», sagt Dürr.

Bürgerliche Glückseligkeit ist bescheiden geworden.

- 26. OKTOBER, FDP-Parteiabend -

Vieles an diesem Abend ist reine Formsache. Die FDP-Mitglieder treffen sich zur Lagebesprechung einen Tag nach dem Wahlsonntag im Landgasthof in Riehen und natürlich schicken sie Dürr auch in den zweiten Wahlgang. Doch das schlechte Resultat in den Grossratswahlen schmerzt. Minus drei Sitze. Man habe es verpasst, näher an die Wähler heranzutreten, sagt ein Mitglied. Zu wenig Empathie habe man gezeigt, «auch Du Baschi», steht in der «Basler Zeitung».

- 4. NOVEMBER, Strategiesitzung -

Um 7.20 Uhr steht Baschi Dürr vor dem Erziehungsdepartement und plaudert mit seinen Kollegen. Er sei heute extra eine Stunde früher aufgestanden, um die Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahlen anschauen zu können. «Das ist verrückt», sagt Dürr. Er erinnert sich an vor vier Jahren, da habe er fast die ganze Nacht hindurch Fernsehen geschaut.

Eigentlich sollte die Wahlkampfsitzung der vier bürgerlichen Kandidierenden um 7.30 Uhr beginnen. Doch noch fehlt Lukas Engelberger. LDP-Präsidentin Patricia von Falkenstein sagt: «Das sind die typischen fünf Minuten, das war schon vor vier Jahren im Wahlkampf so.»

Dürr holt sich einen grossen Kaffee, aber müde ist er nicht. Seit Sonntag ist er angestachelt. Er weiss um seinen Leistungsausweis der vergangenen acht Jahre. Selbstbewusst zählt er auch in dieser Runde seine Errungenschaften auf: Teslas für die Polizei, weniger Kriminalität, mehr Digitalisierung bei der Polizei. Stephanie Eymann nimmt virtuell an der Sitzung teil. Ihr Wahlergebnis im ersten Wahlgang war nahezu perfekt. Das Sorgenkind ist Baschi Dürr, und er beurteilt das ebenso. «Ich bin nicht jünger und nicht weiblicher als Esther Keller. Punkten kann ich mit der Kontinuität.» «Stabilität» sei der bessere Begriff dafür, findet Engelberger.

«Dickköpfig war ich schon als Kind»

Zwei volle Kaffeetassen und eineinhalb Stunden später geht es für Dürr zurück in den Alltag. Kurz checkt er auf seinem Smartphone, wie die Lage in den USA aussieht. «Das wird spannend», murmelt er. Er verabschiedet sich von seinen bürgerlichen Kollegen, die rote Mappe mit den neuen Flyern drin lässt er in seiner Aktentasche verschwinden.

Dürrs Ehrgeiz hat viel mit der Sturheit und dem Perfektionismus zu tun, die ihm in die Wiege gelegt wurde. «Dickköpfig war ich schon als Kind», sagt Dürr. Noch heute sagt er, sei er pingelig. «Wenn die Gabeln und Messer in der Schublade am falschen Ort liegen, dann kann mich das schon aufregen.» Und was ihn gelegentlich auch zu einem ungeniessbaren Mitmenschen machen könne, sei sein Drang, Recht zu bekommen. «Ich habe immer das Gefühl: So wie ich es mache, ist es richtig. Und so müssen es auch die anderen machen.»

- 18. NOVEMBER, Strategiesitzung -

Mittwochmorgen bevor das Parlament tagt. Es ist die letzte Strategiesitzung der Bürgerlichen, irgendwo in einem sterilen Raum des Kongresszentrums. Die Stimmung ist locker, da und dort faule Sprüche. Wahlkampfleiterin Conti führt durch die Sitzung. Ihr einziges Traktandum heute: der Schlussspurt.

Die Müdigkeit ist allen anzumerken. Über Monate Mitglieder mobilisieren, Standaktionen im Regen, die ewigen Floskeln, der ständige Druck. Zum Schluss hin ist Wahlkampf vor allem eine Belastung, nicht nur für die Kandidierenden. Einige noch geplante Aktionen kommen nicht zustande. Zu wenig Unterstützer hatten sich finden lassen. Engelberger scrollt über seinen Handybildschirm. Cramer shoppt Wein auf seinem Tablet. «Braucht es für die letzte Standaktion noch uns alle?», fragt er.

- 29. NOVEMBER, Wahlsonntag, Ende -

Baschi Dürr schreitet die leeren Gänge des Justiz- und Sicherheitsdepartements entlang. Nur in seinem Büro brennt am Sonntagabend noch Licht. Eymann und ihr Partner eilen ihm hinterher. Er hat sie auf einen Kaffee in sein Büro eingeladen. Als sie sich aber am Sitzungstisch gegenübersitzen, starren alle ins Handy.

Dürr: «Mein Resultat ist eigentlich gut, oder?»

Es dauert einen Moment, bis Eymann aufblickt und sagt: «Ja, schon. So habe ich das auch wahrgenommen.» Ihre Augen sind bereits wieder auf den kleinen Bildschirm gerichtet.

Die grossen Wahlen dieser Welt haben Umfragen, welche die Kandidierenden auf schlechte Nachrichten vorbereiten. In der Regionalpolitik ist das anders, plötzlich steht auf einem Formular ein Name und eine Zahl. Daumen hoch, Daumen runter. Es ist den Kandidaten selbst überlassen, nach den Gründen für ihr Scheitern zu suchen.

Die LDP gewinnt – jene Partei, die Dürr einst verlassen hat

Dürr wird nicht darum herumkommen, die Abwahl persönlich zu nehmen. Er verkörpert einen Typus Politiker, wie ihn sich die Basler Bürgerlichen derzeit nicht leisten können: Einen, der es besser weiss, und das auch gerne sagt. Dürr weiss auch das, und konnte sich dennoch nicht verbiegen. Niemand verkörpert die FDP besser als er. Deswegen konnte diese spröde Partei ihren taumelnden Regierungsrat zu keinem Zeitpunkt stützen. Der Markt hat entschieden: Die LDP gewinnt – jene Partei, die Dürr einst verlassen hat.

Die gemeinste Pointe ist aber, dass ausgerechnet der Mitarchitekt des bürgerlichen Wahlkampfs nicht ins Rathaus einziehen darf. Er, der in allen Interviews die Namen seiner Mitstreitenden heruntergebetet hat. Noch im zweiten Wahlgang verteidigte Dürr im «Regionaljournal» minutenlang Gegnerin Eymann. Sie hingegen brachte seinen Namen im gesamten zweiten Wahlgang selten über die Lippen. Dürrs Pläne sind für alle aufgegangen, nur nicht für ihn.

«Ich gehe jetzt nach Hause»

Dürr richtet sich auf. Er greift nach Mantel, Hut, Schutzmaske, Portemonnaie, Handschuhe, Smartphone und Schlüsselbund. «Ich gehe jetzt nach Hause», sagt er bestimmt. Eymann leert schnell ihre Kaffeetasse, Dürr steht schon beim Lichtschalter. Zügigen Schrittes verlässt er das Justiz- und Sicherheitsdepartement. Er will jetzt Ruhe, vielleicht trifft er sich nochmals mit seinen bürgerlichen Kollegen.

Das Wahlergebnis hat ihn stärker getroffen, als ihm lieb ist. «Natürlich ist es eine Niederlage, die schmerzt», sagt er. «Aber das gehört dazu.»

«Ich gehe jetzt nach Hause.»

«Ich gehe jetzt nach Hause.»

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