Neujahrskonzert

Das Basler Sinfonieorchester träumt sich ins neue Jahr

Dirigent Ivor Bolton zeigte hat auch komödiantisches Talent.

Dirigent Ivor Bolton zeigte hat auch komödiantisches Talent.

Das Sinfonieorchester startete mit empfindsamen, aber auch mit frechen Klängen von Strawinsky, Tschaikowsky und Offenbach ins neue Jahr.

Genau genommen war es für das Sinfonieorchester schon das zweite Neujahrskonzert. Denn direkt am Neujahrstag hat das Orchester unter der Leitung von Musikdirektor Erik Nielsen am Theater Basel bereits mit den Sängerinnen und Sängern der Opernabteilung das neue Jahr mit bekannten Arien begrüsst.

Am Mittwoch hiess es noch einmal «Happy New Year!» auf der grossen Bühne des Theater Basel. Und fast schien es, so ein leicht verspätetes Neujahrskonzert würde von gewissen Konventionen entbinden. Unter der Leitung des neuen Chefdirigenten Ivor Bolton wurden in der ersten Konzerthälfte überraschend empfindsame Klänge angestimmt. Wenn die Böllergeschosse schon verblasst sind und die Feierlaune zugunsten des pflichtbewussten Alltags weichen musste, hat offenbar auch ein musikalisches Programm nicht mehr ausschliesslich auf den Putz zu hauen. Kindlich zaghaft und märchenhaft-geheimnisvoll klangen die erste und zweite Suite für kleines Orchester von Igor Strawinsky, die auf Klavierminiaturen zu vier Händen basieren. Ursprünglich hat der Russe sie für seine beiden Töchter geschrieben. An vielen Stellen erinnert die Musik an sein Musiktheater «L’histoire du soldat».

Schwelgerisch im Trockenen

Bolton liess sein Orchester mit diesen musikalisch elementaren Miniaturen zunächst einmal unschuldig und melancholisch starten. Träumt man sich in Basel etwas gern ins neue Jahr? Auch die Rokoko-Variationen für solo Cello und Orchester von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky sind in einer gefühlvollen und schwelgerischen Stimmung gehalten. Tschaikowsky schrieb sie in grösster, emotionaler Not, als er, der Männer liebte, sich gerade unglücklich mit einer Frau verheiratet hatte.

Für den französischen Cellistin Jean-Guihen Queyras war es keine einfache Aufgabe dieses romantische, oft sehr leise Stück in der trockenen Theater-Akustik zu spielen. Mit etwas saftigerem Nachhall hätten die idyllischen Cello-Kantilenen noch stärker anrühren können. Doch Queyras, der ebenso als Spezialist für alte wie für Neue Musik gilt (viele Jahre wirkte er unter Pierre Boulez in Paris) vibrierte, was das Zeug hielt. Dank seines wandelbaren direkten und durchdringenden Tons, gelang es ihm so trotzdem dieses Stück zu meistern.

Walzer und Can Can

Nachdem die metaphorischen Sektkorken in dieser ersten Hälfte also noch brav an ihrem Platz blieben, wurde die Stimmung in der zweiten Hälfte deutlich ausgelassener und frecher. Die Ballett-Suite «Gaîté Parisienne» ist eine Art Best of-Sammlung aus Jacques Offenbachs Operetten und Opern, zusammengestellt im Jahr 1938 für das Ballet Russe in Monte Carlo von Manuel Rosenthal. In 17 kurzweiligen Sätzen gibt es rasante Stimmungsschwankungen. Da pfeift und kiekst, rummst und schwelgt es. Von einem schwülstigen Walzer kippt man im nächsten Moment in einen scheppernden Marsch oder einen jauchzenden Cancan. Da geht es zur Sache, da steigt der Puls.

Und Ivor Bolton bewies am Pult auch komödiantisches Talent. Mit Grimassen und manchmal nur einer aufgeworfenen Oberlippe und hängenden Armen versteht er es, den Charakter der Stücke an seine Musiker zu vermitteln. Das neue Jahr, es lässt nicht nur träumen, es kribbelt auch noch.

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