Resonating Spaces

Da passt kein Label – Fünf Frauen stellen in der Fondation Beyeler aus

Silvia Bächlis Bilder wirken auf den ersten Blick nicht raumgreifend. Befindet man sich vor ihnen, entfalten sie jedoch ihre Wirkung.

Silvia Bächlis Bilder wirken auf den ersten Blick nicht raumgreifend. Befindet man sich vor ihnen, entfalten sie jedoch ihre Wirkung.

Die Fondation Beyeler zeigt mit «Resonating Spaces» fünf Künstlerinnen, die mit ungewöhnlichen Mitteln Räume entstehen lassen.

Das erste Werk in der Ausstellung «Resonating Spaces» in der Fondation Beyeler ist nicht sichtbar. Nur die Stimme der schottischen Künstlerin Susan Philipsz ist über die Lautsprecher zu hören. Sie singt melancholische Popsongs. Bei den Instrumentenpassagen macht sie eine Pause. Der Gesang wirkt so verzögert und einsam und sorgt für Irritation.

Das Interesse am Auditiven stand für die Kuratorin Theodora Vischer am Anfang der Planung für die Ausstellung. Ein ungewöhnlicher Start für eine Ausstellung, die nun vor allem die visuellen Sinne anspricht.

Nur Frauen – aus künstlerischen Gründen

Ausgehend von der Frage, wie auditive Installationen im Kontext der bildenden Kunst wahrgenommen werden, kam Vischer zum übergeordneten Interesse an der raumgreifenden Wirkung von zwei- und dreidimensionalen Objekten im Raum und deren Beziehung zueinander. Daraus entstand eine Ausstellung, die unter kein Label passt. Es ist weder eine Gruppenausstellung, noch stehen die einzelnen Werke isoliert nebeneinander.

Auch gehe es in der Ausstellung nicht um ein einzelnes Thema, sagt Direktor Sam Keller «sondern um fünf Künstlerinnen, die mit ihren Werken Inhalte, Gegebenheiten oder Tatsachen erlebbar machen, die gewöhnlich nicht sichtbar sind, aber im Schaffen der Künstlerinnen eine konkrete Präsenz erhalten.» Tatsächlich sind in der Ausstellung nur Werke von Frauen zu sehen. Dahinter stecken keine gendertechnischen Überlegungen, sondern ausschliesslich künstlerische, sagt Vischer. Als sie zu planen begann, welche Werke interessant wären, kam sie auf die fünf Künstlerinnen, die nun in der Ausstellung präsent sind. Erst später fiel ihr auf, dass alle Frauen waren.

Susan Philipsz, die Künstlerin, die die Soundinstallation im Eingangsbereich geschaffen hat, versteht sich aufgrund ihrer Bildhauer-Ausbildung als visuelle Künstlerin. Dennoch ist es das erste Mal, das ihre Arbeit «Filter» im musealen Kontext Präsenz findet. Bisher war sie an öffentlichen Orten, etwa am Busbahnhof Laganside oder in einem Supermarkt erlebbar. «Im musealen Raum kann man sich mehr auf den Sound konzentrieren. Hier hat man mehr Ruhe», sagt Philipsz. Diese Ruhe steigert die Intimität, die die nicht professionell ausgebildete, einsame Stimme im Raum schafft. Sie erzeugt Irritationen und in einigen Fällen vielleicht auch Erinnerungen und Emotionalität.

Auch das Werk der Schweizer Künstlerin Silvia Bächli würde man nicht direkt in einer Ausstellung vermuten, bei der Räumlichkeit und Resonanz im Vordergrund stehen. Ihr Œuvre umfasst eine Vielfalt von klein- und grossformatigen Zeichnungen. Die mehrheitlich figürlichen Darstellungen aus den 1980er Jahren wurden in den letzten zehn Jahren von grösseren Papierarbeiten abgelöst, die sich mehr und mehr von Verweisen auf gegenständliche Motive lösen. Doch bleiben ihre Werke stets im Zweidimensionalen.

Angesprochen auf den räumlichen Aspekt in ihren Werken sagt Bächli: «In meinen Zeichnungen berühren die Linien ja immer auch den Rand. Von da aus kommen sie in Kontakt mit dem Raum und müssen vom Betrachter weitergedacht werden.» Was zunächst etwas weit hergeholt klingt, wird spürbar, sobald man in einem der beiden Ausstellungsräume steht, in denen Bächli ihre Werke angeordnet hat. Unweigerlich entsteht das körperliche Bedürfnis, sich um sich selbst zu drehen, um zu sehen, wie die Zeichnungen an den verschiedenen Wänden miteinander in Verbindung stehen. In der Reduktion der Formen auf ihren Zeichnungen sieht die Künstlerin keine inhaltliche Minimierung. Im Gegenteil: «Eine einfache Linie kann eine Geschichte erzählen. Wo ist der Anfang der Linie? Berührt die Linie eine andere, und wie berührt sie diese? Linien können jede Färbung annehmen, jede Regung zeigen – sie sind meine Schauspieler, die Stimmen im Stück.»

Ebenso von der Zweidimensionalität ausgehend erscheint das Werk der australischen Künstlerin Toba Khedoori. Von ihr sind in der Ausstellung vor allem grossformatige Zeichnungen zu sehen. Die Grösse der wachsüberzogenen Papierbahnen steht stets im Kontrast zu den kleinen und detailreichen Gebilden, die darauf abgebildet sind. Viel offensichtlicher raumgreifend im herkömmlichen Sinn erscheint da die Arbeit der britischen Künstlerin Rachel Whiteread, die Abgüsse von Negativräumen – zum Beispiel eines Schrankes oder Bücherregals – erstellt. Mit den Abgüssen verweist sie auf die Abwesenheit der Ausgangsobjekte und auf Zwischen- und Umräume, die im Alltag oft unbeachtet bleiben.

Bezüge zur Architektur Renzo Pianos

Gegensätzlich zu den dezenten Räumen dieser vier Künstlerinnen steht das Werk der portugiesischen Künstlerin Leonor Antunes. Die vielen vertikalen Objekte aus Holz, Messing, Leder und Nylon ziehen den Betrachter in Bann. Antunes passt ihre Arbeiten immer sehr genau an die jeweiligen Austellungsräume an und referiert gerne auf andere Künstlerinnen und Künstler. Auch mit dem Architekten der Fondation Beyeler, Renzo Piano, hat sie sich im Vorfeld auseinandergesetzt. Ob gewollt oder nicht, lassen sich in ihrem Werk wunderschöne ornamentale Bezüge zu der dezenten Architektur Pianos erkennen.

 

Resonating Spaces vom 6. Oktober bis zum 26. Januar 2020, Fondation Beyeler

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