Stimmen-Festival

Cool und hektisch: Sinéad O’Connors Vibes aus Irland

Die Ambiance in Augusta Raurica ist römisch, sommerlich und einmalig.

Die Ambiance in Augusta Raurica ist römisch, sommerlich und einmalig.

Nach einer persönlichen Krise gibt die irische Sängerin Sinéad O’Connor ihr Comeback. Zusammen mit Mick Flannery gab sie in Augusta Raurica am Stimmen-Festival einen irischen Abend.

Nach einer persönlichen Krise sei sie gestärkt zurückgekehrt. So lautet die offizielle Formulierung. Sinéad O’Connor, die schon mehrmals in den vergangenen Jahren angekündigt hat, das Singen bleiben zu lassen, hat 2014 eine neue CD «I’m not bossy, I’m the boss» herausgebracht. Der Erfolg oder die Hoffnung darauf, die Verheissung des Rampenlichts und die Aufmerksamkeit von Tausenden, sind vielleicht die verhängnisvollsten Drogen, der sich Popmusikerinnen und -musiker aussetzen.

Auch Sinéad O’Connor kann offensichtlich nicht davon lassen. Die Irin vereint ein eigentümliches Paradox: denn mit ihrer Erscheinung (kurz geschorener Kopf, Alltagskleidung) rebellierte sie einerseits einstmals gegen die Regeln des Pop-Business. Mit ihren unzähligen Skandälchen und kuriosen Anekdoten über ihr Leben ist sie andererseits aber doch ein typisches Opfer dieses Geschäfts.

Unnahbar und etwas blass

In Augusta Raurica stand sie am Sonntagabend im Rahmen des Stimmen-Festivals auf der Bühne und wirkte dabei etwas verloren. Hier spielt sie, die einstmals Millionen von CDs verkauft hat, nur noch vor einigen Hundertschaften. Noch dazu blieb rund ein Drittel der Plätze leer. Trotzdem kommt nicht das Gefühl eines intimen Konzertmoments auf, den die Sängerin mit ihren Fans in vollen Zügen geniessen würde. Im Gegenteil. Die Augen, die im Video zu ihrem grossen Hit «Nothing Compares to you» (den sie übrigens aus Prinzip nicht mehr spielt) so durchdringend schauen, hat sie hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen. Ihre Bewegungen sind hektisch, immer wieder reisst sie den Kopf nach links weg vom Mikrofon, um wohl gesanglich einen speziellen Effekt zu erreichen, den viele mit ihr verbinden: das Hochreissen der Melodielinie, der Hickser am Ende einer Phrase, der zu den Klischees der irischen Musik zählt.

Doch ihre Stimme ist tiefer und rauer geworden, manchmal klingt sie blass. Die jugendliche Frische hat sie eingebüsst. Meist pumpt ein elektronischer Hall-Effekt die Stimme künstlich auf. Aber vor allem gibt es kaum einen direkten Kontakt zum Publikum. Sinéad O’Connor wirkt unnahbar. Die Texte handeln von Erkenntnissen über die Liebe und das Leben, die sie wohl während ihrer Krise oder danach gesammelt hat. An einigen Stellen blitzen die alte emotionale Direktheit und die stimmliche Kraft für die sie einstmals so gefeiert wurde, auf. Doch im Allgemeinen sind die neuen Songs glattgebügelte Pop- oder Rock-Produkte, die wenig Charakteristisches enthalten.

Selbstironischer Flannery

Dagegen individueller wirkte der Auftritt von Mick Flannery, der den Konzertabend eröffnete. Mit trockenem Humor und einer ordentlichen Portion Selbstironie kühlten die meist melancholischen Lieder des Iren den hitze-geplagten Kopf ordentlich ab. Mit grosser Gelassenheit und einem eigenen, sonoren Sound, der an Tom Waits erinnern mag, treffen seine Lieder den Nagel auf den Kopf. Obwohl er auch nicht der Rampensau-Typ ist, hat der Wahl-Berliner eine sympathische Form gefunden, mit dem Publikum in Kontakt zu treten, in dem er seine eigene Unfähigkeit als Entertainer einfach thematisiert.

Die Gegenüberstellung beider Künstler zeigt die grösste Herausforderung für eine Musik-Karriere im Pop-Business: Am Anfang sind sie jung und kraftvoll und eignen sie sich als Projektionsfläche für alle möglichen Formen von Emotionalität. Doch später geht es darum, ein eigenes Profil zu entwickeln, wirklich etwas zu sagen zu haben – und nicht den Eindruck einer permanenten Selbsttherapie zu vermitteln.

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