Grafiker

Celestino Piatti wird neu entdeckt – Nachfahren präsentieren Retrospektive

Der Grafiker hat in Basel Buchcovers und Plakate kreiert, die um die Welt gingen. Jetzt präsentieren Nachfahren eine Retrospektive.

Betritt man eine Wohnung am Rhein, dann zieht es einen als erstes auf den Balkon. Das ist die Regel. Hier erleben wir die Ausnahme: Das Interieur ist noch faszinierender als die Aussicht. Denn diese Wohnung über dem Grossbasler Ufer diente Celestino Piatti als Stadt-Atelier. Hier hat er jahrzehntelang gelesen, gezeichnet, gemalt. Hier hat er bis zu seinem Tod vor zwölf Jahren gearbeitet.

Heute öffnet uns seine Tochter Barbara die Tür. «Vieles ist noch so, wie es mein Vater hinterlassen hat», sagt sie, beinahe entschuldigend. Unser Blick schweift durch die Räume, streift Wände mit Plakaten, Regale mit Büchern, Kästen mit Schubladen.

Man könnte von einem Archiv sprechen. Für Freunde grafischer Kunst aber ist es weit mehr: ein kleiner Schatz. Denn hier finden sich Entwürfe und Originale von Arbeiten, die in hohen Auflagen um die Welt gingen.

Celestino Piatti, 1922 geboren, gehörte wie Hans Erni zu den bedeutendsten Plakatmalern der Schweiz. Er schuf Plakate für die Mustermesse, für Rolex, die Caritas oder die Abstimmung fürs Frauenstimmrecht. Manche sind mittlerweile Sammlerstücke.

Jenes Plakat, das er für den legendären Boxkampf von Muhammad Ali gegen Joe Frazier im Jahr 1971 schuf, wird heute zwischen 250 und 400 Franken gehandelt. Man kann sich vorstellen, dass die Originalvorlage ein Mehrfaches wert wäre.

Tierische Leidenschaft

Celestino Piatti lancierte seine Karriere zunächst in Riehen, wo sich der damals 26-Jährige gemeinsam mit seiner ersten Frau, der Grafikerin Marianne Piatti-Stricker, selbstständig machte. 1966 verlegte er sein Atelier nach Basel, gründete mit der Journalistin Ursula Piatti-Huber eine neue Familie und ein neues Arbeitsduo. So entstanden Kinderbücher wie «Zirkus Nock» oder «Der kleine Krebs». Noch bekannter ist allerdings Piattis «ABC der Tiere», das in unzählige Sprachen übersetzt wurde und heute noch in Neuauflagen erhältlich ist. Ein Buch auch, indem zahlreiche unverkennbare Motive seines Schaffens versammelt sind: die Tiere. Pferde, Tiger, Zebras, Affen und – allen anderen voran – Eulen.

«Das mit den Eulen war eine ‹Neverending Love Story›», bestätigt Barbara Piatti, die mit anderen Familienmitgliedern das Archiv durchforstet hat. Warum finden sich so viele Eulen in seinem Werk? «Weil es ein Tier ist mit menschlichem Antlitz. Seine Augen sind ja nach vorne gerichtet. Zugleich gefielen ihm auch die Symboliken; Weisheit oder Wächter der Nacht», sagt sie. «Er konnte diesem Tier endlos viele Ausdrücke verleihen – und er war auch ein kluger Geschäftsmann.» So sei er sich seines Trademarks bewusst gewesen.

Den Büchern ein Gesicht verliehen

Piatti bleibt aber auch in Erinnerung durch sein Spiel mit geometrischen Figuren, als Grafiker setzte er sich zudem mit Typografie auseinander. Jahrelang kam dies am prägnantesten auf den Buchdeckeln des Deutschen Taschenbuch Verlags zur Geltung. dtv wurde 1960 als Lizenzverlag in München gegründet, der jährlich hunderte Literatur-Klassiker auf den Markt brachte. Celestino Piatti gab den Taschenbüchern ein einheitliches Erscheinungsbild und verlieh doch jedem einzelnen mit seinem Coverbild ein eigenes Gesicht.

Sein Output: gigantisch. Celestino Piatti kreierte mit Pinsel, Stift und Kreide im Basler Atelier oder im Dugginger Familiensitz 6300 charakteristische Buchcovers, umrahmte Werke von Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Mark Twain und Co. 1000 dieser Originale sind in der Sammlung des Landesmuseums.

Und der Rest? Das kann auch Barbara Piatti nicht genau sagen. Der Nachlass ist noch nicht komplett inventarisiert. «Wir wussten lange Zeit nicht, wo anfangen», offenbart sie. «Es war so erschlagend viel, uns fehlte es an Zeit und Strukturen.» Fühlte sich das Atelier jahrelang wie eine Zeitkapsel an, so kehrt nun wieder Leben ein. Freunde halfen, Schätze zu sichten, zu bergen und jetzt erstmals öffentlich auszustellen. «Wir möchten das Archiv erschliessen», sagt die Tochter, «und das Lebenswerk sichtbar machen.»

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