Basler Kommentar
Basler Kommentar: Aufräumen im Archiv der «Fernseherlebnisse»

Die modernen Kommunikationsmittel führen zu einer täglichen Überdosis an Nachrichten und liefern uns das Zeitgeschehen live in die Stube. Es ist immer wieder einmal an der Zeit, im Archiv der «Fernerlebnisse» und «Naheindrücke» aufzuräumen, findet Daniel Ordàs.

Daniel Ordàs
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Die moderne Kommunikationstechnologie führt zu einer ständigen Versorgung mit Nachrichten.

Die moderne Kommunikationstechnologie führt zu einer ständigen Versorgung mit Nachrichten.

Keystone

Es gibt Geschichten, die uns Info-Konsumenten nahe gehen. Oft erkennt man nachträglich, dass uns die Geschichte nahegängig gemacht wurde. Die Wirkung ist aber schon erzielt und kann durch die Vernunft oder allfällige Einsicht in die Subjektivität der Quelle nicht mehr ausradiert werden. Während wir früher auf ein paar wenige Informationskanäle angewiesen waren und diese Informationen durch die persönlichen Siebe der eigenen Werte, Ideologie und Lebenserfahrung filtern mussten, werden uns heute im Sekundentakt kleine Wahrheiten in 140-Zeichen-Portionen (Twitter) serviert.
In einer Welt, deren seelisches Gleichgewicht über Jahrtausende darin bestand, dass die Nachrichten von jenseits des Horizonts selten, spät oder gar nicht ankamen, stellt die Überdosis von 2358 Fernsehsendern auf einem Bildschirm, der kaum grösser ist als ein mittelalterliches Buch (iPad), eine Gefahr für unsere Wahrnehmung dar.

Ich durfte dieser Tage einige fantastische Stunden intensiver Gespräche mit einer Gruppe von Freunden verbringen und bin noch immer am Sammeln und Verarbeiten dessen, was eine einzige Tagesschau mir in wenigen Minuten zum inneren Prozessieren zugemutet hätte. Besonders beeindruckt hat mich die Tatsache, dass wir in unserem Gesprächs-Potpourri auch die Balkankriege thematisierten und mir dies wie eine Zeitreise innerhalb meines kurzen, überschaubaren Lebens vorkam. Jene Tage, in denen die meisten von uns erstmals hörten, dass Jugoslawien aus einzelnen Teilen besteht, sind nunmehr über 20 Jahre her. Der Eindruck, dass wenige Kilometer von Österreich entfernt etwas liegt, das sich Slowenien nennt und gerade mitten in Europa die ersten Bomben fallen, jenes Gefühl, dass wir durch dieses Fernerlebnis Zeugen einer Zeitenwende werden, die uns prägen würde, all das ist nun weit weg.

Zeitgeschehen live

Ich kann mich noch erinnern, dass diese Eindrücke mich als 17-jährigen Basler schwer beschäftigten, die Tatsache, dass der Krieg nicht mehr ein schwarz-weisses Filmdokument war, die Tatsache, dass der Farbfernsehkrieg nicht mehr in Afrika oder Asien lag und die Tatsache, dass verletzte Schüler wie ich in einem schönen VW-Golf vor einer sauberen Bushaltestelle evakuiert werden. Wir hatten kurz davor schon den «historischen» Einmarsch im Irak erlebt und waren noch unter dem Eindruck der gefallenen Mauer in jenem Berlin, das gleich irgendwo hinter Lörrach lag. Seither haben wir noch mit Kroatien, Bosnien, Kosovo und Mazedonien vier weitere Balkankriege erlebt, einen erneuten Einmarsch im Irak, fallende Türme und Intifadas. In der Originalkulisse von Rambo III kämpften tatsächlich amerikanische Truppen gegen jene Afghanen, die kurz davor gegen Sowjets gekämpft hatten und irgendwie wurden die Intervalle zwischen «historischen Ereignissen» immer kürzer. Zwischenzeitlich stieg der FCB in die Nationalliga A auf und diese änderte ihren Namen. Sieben Mal hat der FCB die Liga seither gewonnen und sechs Mal den dazugehörigen Cup.

Irgendwie braucht es zwischendurch wohl eine Pause, einen Gin-Tonic und eine Zigarre, um ein bisschen aufzuräumen im Archiv der «Fernerlebnisse» und «Naheindrücke». Wenn in der klirrend kalten Dezembernacht dann alles sortiert ist, gibt es auch Platz für die nächsten 140 Zeichen Weltgeschichte.

Und Übrigens... wir haben in wenigen Jahren so viele prognostizierte Weltuntergänge, GAUs und Zeitenwenden erlebt, dass die bz wohl auch nach dem Ende des Maya-Outlooks am 21. Dezember wieder erscheint.

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