Herr Niederer, die «Baseldytschi Bihni» feiert dieses Jahr ihr 120-Jahr-Jubiläum. Sie sind seit ein paar Monaten Vizepräsident und Produktionsleiter. Seit wann schlüpfen Sie in Rollen auf der Bühne des traditionellen Theaters?

Roland Niederer: Ich bin wohl ein Spezialfall. Mein Vater war seit den 60er-Jahren bei der «Baseldytsche Bihni» dabei. Ich bin als kleiner Bub in den Verein reingerutscht. Mein Vater hat ja immer zu Hause die Texte gelernt. Und mit der Zeit habe ich innerhalb des Theaters immer mehr Aufgaben übernommen.

Die da wären?

Zuerst war ich für die Technik zuständig und für die Scheinwerfer verantwortlich, dann habe ich mich um Bau und Unterhalt der Bühne gekümmert. Man könnte sagen, ich wurde zum Hauswart. Heute bin ich Vorstandsmitglied.

Die «Baseldytschi Bihni» schaut auf eine lange Geschichte zurück. Das Fauteuil am Spalenberg gibt es seit 1957, das Kleinbasler Häbse-Theater seit 1989. Welche Bedeutung hat ihr Traditionstheater für Basel?

Ich hoffe, eine grosse. Die Bühne ist Teil des Basler Kulturlebens und deswegen aus der Stadt nicht wegzudenken. Und für mich ist das Theater ein grosser Teil meines Lebens.

In Basel gibt es mehrere Dialekttheater, wie eben das Fauteuil und das Häbse. Besteht ein Unterschied zur «Baseldytsche Bihni»?

Unsere Philosophie seit den 30er-Jahren ist es, das Baseldytsch zu pflegen. In den anderen Dialekt-Theatern wie Fauteuil oder Häbse sprechen die Schauspieler, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Sie sind mit Willy Dunkel und Eugen Heinzer für die Übersetzungen der Theatertexte verantwortlich. Richtiges Baseldeutsch zu schreiben, ist nicht einfach.

Mein Vater war einst im Übersetzer-Team der «Baseldytsche Bihni». Von ihm habe ich einiges gelernt. Ich bin natürlich kein Baseldeutsch-Experte. Für den Feinschliff haben wir aber Carl Miville. Er überprüft die Texte seit Jahren. Und er hat unserem Ensemble schon Kurse im Baseldeutsch gegeben, von denen wir profitiert haben. Hinzu kommt, dass wir ein zeitgemässes Baseldeutsch sprechen.

Derzeit spielen Sie «Soll y oder soll y nit?». Nach welchen Kriterien suchen Sie die Theaterstücke aus?

Heutzutage gibt es kaum mehr Autoren, die auf Baseldeutsch Stücke schreiben. Ces Kaiser hat zwischendurch mal eines aufs Blatt gebracht. Seit den 60er-Jahren muss das Team der «Baseldytsche Bihni» die ausgewählten Texte übersetzen. Das aktuelle Stück hat der Amerikaner Lawrence Roman geschrieben. Es ist eine Komödie. Wir wollen, dass unsere Zuschauer einen Abend lang abschalten können, lachen und ihren Alltag vergessen.

Wie siehts aus mit Vorfasnachtsveranstaltungen?

Die gibts bei uns nicht. Wir haben aber Gastspiele während der Zeit, in der wir pausieren. Zu den Stammgästen gehören das Seniorentheater Allschwil oder die Alemannische Bühne Freiburg. Auch die Bühne 66 aus der Innerschweiz war bei uns schon zu Besuch.

Viele Vereine leiden heutzutage an Nachwuchsproblemen. Ein 120 Jahre altes Theater klingt nicht gerade jugendlich. Haben Sie genug junge Interessenten?

Es ist nicht so, dass wir keine Probleme haben. Aber wir haben es zum Glück immer wieder geschafft, für die Produktionen genug Leute zu begeistern. Aber dafür, dass das Interesse bei den Jungen nicht verloren geht, ist grosser Aufwand gefordert.

Das heisst also, es fehlen Leute?

Blutauffrischung ist immer gut. Und wir brauchen nicht nur Leute auf, sondern auch hinter der Bühne. Ich vergleiche unser Theater immer mit einem Uhrwerk. Wenn das kleinste Rädchen aussteigt, funktioniert die Uhr nicht mehr. Was die Suche nach Nachwuchs natürlich erschwert: Alle ausser der Regisseurin Salomé Im Hof und dem Bühnenbildner Manfred Schmidt arbeiten ehrenamtlich. Mit Im Hof und Schmidt streben wir eine Professionalität und Qualität an. Schmidt ist hauptberuflich Bühnenbauer beim Theater Basel.

Klingt so, als sei der Zeitaufwand für Sie und das Ensemble gross.

Der Aufwand ist riesig. Diese Woche ist Premiere von «Soll y oder soll y nit?». Im Dezember beginnt bereits wieder die Planung für die Saison 2013/2014. Wir fragen Leute an, ob sie mitmachen möchten. Anhand der Grösse des Ensembles suchen wir dann ein passendes Theaterstück aus. Das bedeutet: 15 bis 20 Stücke lesen und das Gewählte übersetzen. Im Juni werden die Textbücher verteilt und im August beginnen die Proben.

Hat die «Baseldytschi Bihni» ein Ziel vor Augen, das es erreichen möchte?

Wir wünschen uns, dass wir unsere Zuschauer behalten. Wir sind zwar nicht schlecht ausgelastet und jammern auf hohem Niveau. In der Saison 2010/2011 hatten wir eine Besucherauslastung von 70 Prozent. Wenn man allerdings bedenkt, dass die Auslastung vor 10 Jahren noch bei 90 Prozent lag... Heute ist natürlich das Angebot an Theatern in Basel riesig. Vor 20 Jahren gab es drei oder vier. Mit unserer Philosophie, nur Stücke auf Baseldeutsch zu spielen, ist unser Zielpublikum zudem begrenzt. Wir sprechen eigentlich nur Leute aus Basel oder dem Dreiland an. In Sachen Infrastruktur in unserem Theater im Lohnhof können wir uns aber nicht beklagen. Da stehen wir professionellen Theatern in nichts nach.