Basel

Antikenmuseum zeigt 2000 Jahre alte griechische Kunst aus Schiffswrack

Das Antikenmuseum Basel inszeniert mit einer Ausstellung den Untergang eines griechischen Schiffes und die Bergung der kostbaren Fracht. Zu sehen sind Objekte, die vor über 2000 Jahren in Pazzuoli ankommen sollten.

Geschafft. Elias Stadiatis hat den rechten Arm erfolgreich vom Rest der Statue losgerissen. Jetzt muss er nur wieder an die Wasseroberfläche tauchen und seinen Kameraden erzählen, was er soeben auf dem Meeresgrund entdeckt hat: einen etwa 50 Meter langen kompakten Haufen von Bronze- und Marmorstatuen sowie die Überreste eines grossen Schiffes.

Was er da gerade entdeckt hat und wie bedeutend der Fund von Schwammtaucher Stadiatis war, konnte er zu diesem Zeitpunkt – kurz vor Ostern 1900 – nicht wissen. Der per Zufall auf der griechischen Felsinsel Antikythera gestrandete Stadiatis suchte den Meeresboden nach Schwämmen ab – stattdessen entdeckte er einen der spektakulärsten Funde in der Geschichte der klassischen Archäologie: den versunkenen Schatz und das Schiffswrack von Antikythera.

Ehre für Basel

Über 100 Jahre später ist dieser Sensationsfund in Basel zu sehen. Es ist das erste Mal überhaupt, dass er ausserhalb Griechenlands gezeigt wird. Eine Ehre für Basel und ein Resultat einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem Basler Antikenmuseum und dem Nationalmuseum Griechenlands in Athen.

Ab Montag zeigt das Antikenmuseum in der Sonderausstellung «Der versunkene Schatz. Das Schiffswrack von Antikythera» die geborgenen Statuen aus Bronze und Marmor, Teile des bedeutendsten Schiffswracks der Antike, Glasgefässe, Keramik, Münzen – und den ersten Computer der Welt: den Mechanismus von Antikythera (die bz berichtete). Er diente der Berechnung der Zyklen von Sonne und Mond und dem Stand der fünf damals bekannten Planeten. Doch weil die Fragmente des Mechanismus in zu schlechtem Zustand sind, konnten sie nicht nach Basel transportiert werden. Zu sehen sind stattdessen Rekonstruktionen und Filme, die seine Funktionalität aufzeigen sollen.

Der Athlet und der Philosoph

Doch auch wenn dieser bedeutende Fund nicht im Original in Basel zu sehen ist, bietet die Ausstellung unglaublich viel. Die Statuen, die nach und nach vom Meeresgrund geborgen werden konnten, sind heute von riesiger Bedeutung. Es sind Marmorabbildungen der Helden Odysseus und Achilles, zerfressen von den Meerestieren und gezeichnet von 2000 Jahren unter Wasser. Es sind Bronzestatuen eines Jünglings und der Kopf eines Philosophen. Wer es wagt, seinen durchdringenden Blick zu erwidern, wird sich darin verlieren. Und es ist die Statue eines Athleten, vermutlich eines Ringers, der die Geschichte des Schatzes von Antikythera erzählt. Die Geschichte einer Tragödie, in der das Meer der Hauptakteur ist. Das Meer war die Verbindung zwischen Rom und Griechenland, zwischen den beiden grossen Mächten, wobei die Römer dabei waren, die Griechen abzulösen und zur Weltmacht aufzusteigen. Das grosse Rom konnte aber nicht darauf verzichten, von der Kultur der Griechen zu profitieren und liess in Form eines Kulturtransfers Schiffe voller Statuen, Keramiken und Glasgefässen von Griechenland nach Pazzuoli, dem damals grössten Umschlaghafen des Römischen Reiches, kommen.

Das Schiffswrack von Antikythera ist nur eines davon, aber es widerspiegelt diese ganze Bewegung – auch wenn es nie an seinem Ziel ankam. Es zeigt, dass das Meer eben nicht nur Verbindung, sondern auch Feind, Gefahr und Tatort war. Das vermutlich in Ephesos oder Pergamon an der heutigen Westküste der Türkei gestartete Schiff kam mit den Kräften eines Sturms und den Strömungen rund um die Insel Antikythera nicht klar und sank – mitsamt Inhalt und Besatzung. Esaù Dozio, Chefkurator der Sonderausstellung, bezeichnet diese Tragödie heute als Glücksfall, weil es die Antike in einer wichtigen Zeit in Form einer Momentaufnahme festgehalten hat – ähnlich wie es der Vulkanausbruch in Pompei getan hat.

Zerstörung und Herrlichkeit

Der Athlet ist nur eines von etwa 450 bisher geborgenen Exponaten. Aber es ist eines der Faszinierendsten. Die eine Körperhälfte, die aufzeigt, auf welch grausame Weise das Meer auf den Marmor eingewirkt hat. Das Bein ist dünn geworden, der Arm zerfressen und der Marmor so porös, dass er sich in Staub zerreiben liesse. Die andere Körperhälfte zeigt, welch Herrlichkeit die Griechen geschaffen haben. Durch den Schutz des Sandes vor Umwandlung und Zerstörung bewahrt, kann man die schönen Linien der Marmorstatue noch heute bewundern.

Die Sonderausstellung zeigt zum einen die Meisterwerke, und setzt sie gleichzeitig in den kulturgeschichtlichen Kontext der Zeit, in der das Schiff sank – um 65 vor Christus. Und sie erzählt die Geschichte des Schiffswracks. So geht der Besucher nicht nur immer tiefer in den Bauch des Museums, auf dessen Wände Meeresanimationen gezeigt werden, sondern er bewegt sich auch immer tiefer in die Tragödie hinein, bis er am tiefsten Punkt des Museums quasi auch am Tiefpunkt der Tragödie ankommt, auf dem Meeresgrund, umringt von den versunkenen Schätzen.

Der Fund dieser Schätze war die Geburt der Unterwasserarchäologie. Andrea Bignasca, Direktor des Antikenmuseums, misst ihnen die gleiche Bedeutung bei wie den Funden von Tutanchamun und Troja. Und all dies ist einem puren Zufall zu verdanken – und einem Mann, der damals um seinen Finderlohn kämpfen musste: Elias Stadiatis.

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