«Alpenglühen»

Altersglühen im Vorstadttheater Basel: «Alt sein ist ok – wenn Du fit bist»

Matthias Grupp (vorne links) und Jens Nielsen (vorne rechts) proben mit dem Ensemble im Basler Vorstadttheater.

Matthias Grupp (vorne links) und Jens Nielsen (vorne rechts) proben mit dem Ensemble im Basler Vorstadttheater.

Das Vorstadttheater Basel widmet dem Alter eine Themenreihe. Beim Probenbesuch wird klar, dass die Lage ernst ist. Da hilft nur eines – und zwar Humor.

Viele alte Menschen sagen: «Alt werden ist nicht schön.» Wenn dem so ist: Wieso wollen dann alle alt werden?

Das Team am Vorstadttheater Basel geht zurzeit solchen Fragen nach. «Altersglühen» heisst die Veranstaltungsreihe, die das Programm bis in den März hinein prägen wird (siehe Kasten). Heute Abend ist Start mit dem Stück «Das dritte Leben - Ein poetischer Reigen über den letzten Lebensabschnitt».

Beim Probebesuch sitzt das Ensemble noch im Foyer am grossen Tisch beim gemeinsamen Mittagessen. Der Autor Jens Nielsen und der Regisseur Matthias Grupp nehmen sich Zeit für ein Gespräch, obwohl noch viel Arbeit ansteht. In den nächsten Stunden und Tagen entsteht die endgültige Form dessen, was das Ensemble seit zwei Monaten umtreibt. Da zeitgleich die Musikproben beginnen, verschieben wir unser Gespräch von der Bühne in die enge Garderobe.

Was bedeutet alt sein, und wie entsteht ein Stück?

«Wann beginnt eigentlich das Alter?» Die Frage betrifft alle drei Männer, die da vor dem Schminktisch sitzen. Sowohl Nielsen wie Grupp wie der Journalist sind um die Fünfzig.

Grupp sagt, das Alter werde heute extrem stark thematisiert. «Bereits mit Vierzig beginnen die Leute darüber zu reden, dass sie alt werden. Ich glaube, früher hatte das Alter gar nicht ein solches Gewicht und sicher nicht diese negative Wertung.» Das habe mit der Leistungsgesellschaft zu tun: «Wir sollen immer schön und immer top sein. Wir grenzen das Alter und den Tod aus. Alt sein ist nur dann ok, wenn Du fit bist.»

Der Regisseur und Theaterleiter hat das Thema aus eigener Erfahrung auf die Agenda gesetzt. Seine Mutter lebt in einem Altersheim. Sie hat Alzheimer. Grupp spricht davon, wie an diesem Ort die Zeit zähflüssig werde wie Beton kurz vor dem Trocknen. Und die Menschen sitzen, oft schweigend, da, umgeben von ihren Erinnerungen, meist sind es Fotos. «Mir begann aufzufallen, dass wir alte Menschen als Wesen wahrnehmen, die immer schon alt gewesen sind. Dabei waren sie doch vor nicht langer Zeit genau da, wo wir heute sind. Ein alter Mensch trägt ein ganzes Leben in sich. Auch wenn er schweigend im Rollstuhl sitzt.»

Grupp erarbeitet seine Stücke gerne mit seinem Ensemble. Für diesen Prozess hat er Jens Nielsen ins Boot geholt. Dessen Rolle als Autor hat mehrere Ebenen. Er steuert Eigenes bei, hört zu, bindet Texte, die während Improvisationen entstehen, mit ein. Er sagt: «Es war von anfang an klar, dass ich nicht die Rolle des klassischen Theaterautors einnehme, der mit einem fertigen Stück an die erste Probe kommt.» Ihm gefällt, dass hier der Text genauso Material ist wie die Kostüme, das Licht, das Spiel. Das sei eine sehr kurzweilige Arbeitsform. «Sie bedingt aber, dass alle aushalten, dass es keinen Chef gibt.»

Regisseur Grupp ergänzt: «Die teilweise anstrengende Konsequenz ist dann natürlich, dass alle mitquatschen. Auch zurecht, weil alle erfinden das Stück ja mit.»

Wie meist bei den Arbeiten am Vorstadttheater wird der Probeprozess von einer Schulklasse begleitet. Der unbeschwerte Blick der 11-Jährigen auf das Thema habe die Arbeit mitgeprägt. «Erstaunlich ist, dass die Kinder das Alter nicht so tragisch sehen wie wir. «Die archaischen Gefühle von jungen und alten Menschen gleichen sich», sagt Grupp. Und Nielsen ergänzt: «Viele Geschichten, die wir uns über alte Menschen erzählen, sind lustig und berührend, nur wenige tragisch oder kläglich. Über Empathie und Komik können wir uns diesen Menschen nähern.»

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

In diesem Stück sind die fünf Insassen des Altersheims Clowns. Ihre Nasen sind nicht rot, sondern beige. Die Figur des Clowns erlaube es, Alte zu spielen, ohne ins Despektierliche abzudriften, sagt Grupp. «Durch die lange Beschäftigung mit dem Stück fand eine Art Katharsis statt. Wir lernten, darüber zu lachen.» Und Autor Nielsen sagt: «Ich mag es, wenn das Gefälle hoch ist, wenn einem das Lachen im Hals stecken bleibt, aber das Lachen den Dingen auch den Schrecken nehmen kann.»

Vielleicht stimmt es ja: Alt werden ist zwar nicht schön. Kann aber eine Quelle für Humor sein.

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