Kultur-Skandal

Als in Basel die «Schweizer Mao-Bibel» verteilt wurde

In den Basler Buchhandlungen Steinentor und Tanner in Basel liegen am 19. November 1969 stapelweise Exemplare des «Zivilverteidigungsbüchleins» auf. Dies gleich neben Werken von kritischen Autoren wie Peter Bichsel, Max Frisch und Hans Gmür. Das Zivilverteidigungsbüchlein konnte in den beiden Buchhandlungen gegen Peter Bichsels Buch «Des Schweizers Schweiz» umgetauscht werden. Die Zivilverteidigungsbücher wurden dann an Bundesrat Ludwig von Moos zurückgesandt. Bild: Archiv/Keystone

In den Basler Buchhandlungen Steinentor und Tanner in Basel liegen am 19. November 1969 stapelweise Exemplare des «Zivilverteidigungsbüchleins» auf. Dies gleich neben Werken von kritischen Autoren wie Peter Bichsel, Max Frisch und Hans Gmür. Das Zivilverteidigungsbüchlein konnte in den beiden Buchhandlungen gegen Peter Bichsels Buch «Des Schweizers Schweiz» umgetauscht werden. Die Zivilverteidigungsbücher wurden dann an Bundesrat Ludwig von Moos zurückgesandt. Bild: Archiv/Keystone

Vor 50 Jahren erschien das Buch «Zivilverteidigung» – es war eine Art Mao-Bibel der geistigen Schweizer Landesverteidigung im Kalten Krieg. Das «rote Basel»reagierte mit einem Riesen-Proteststurm.

Nein, es war nicht die Antwort eines verzweifelten Bundesrats auf das Revolutionsjahr 1968, auf Flower-Power und den Aufstand der Jugend. Dafür war die Broschüre «Zivilverteidigung» viel zu lange im Voraus geplant, entworfen, redigiert, umgeschrieben und schliesslich vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement publiziert worden.

Doch der Inhalt des rot eingebundenen, ab der zweiten Oktoberwoche 1969 an alle Haushalte gratis verteilten Büchleins erschien wie der ultrakonservative Gegenentwurf zur damals im Aufbruch befindlichen Gesellschaft. «Eine ganz unsägliche Geschichte», nennt der Historiker und Prattler SP-Parteisekretär Ruedi Brassel noch 50 Jahre später die ganze Affäre. Statt des erhofften Erneuerungsschubs für die geistige Landesverteidigung geriet «Zivilverteidigung» für alle Beteiligten zum Fiasko.

Dabei hätte das Büchlein den Wehrwillen der Schweiz gegenüber der kommunistischen Gefahr aus dem Osten stärken sollen. Besonders im «roten Basel» passierte das genaue Gegenteil. Die hinter «Zivilverteidigung» steckende Ideologie motivierte zahlreiche Jugendliche und Studierende, sich linken Parteien anzuschliessen. Bei vielen Zeitzeugen ganz besonders in Erinnerung geblieben sind Protestaktionen wie jene der Basler Buchhandlungen Steinentor und Tanner, wo «Zivilverteidigung» gegen kritische Schriften, etwa von Peter Bichsel, umgetauscht werden konnte.

«Aus dem Tagebuch einer Schweizerin»

Was hatte zu diesem Aufschrei der Linken geführt? Auf 320 Seiten wurden nicht nur die in einem solchen Reglement üblichen Anleitungen zum Anlegen eines Notvorrats, zur Ersten Hilfe oder zur Brandbekämpfung gegeben, sondern auch eine fiktive Geschichte erzählt, wie die Schweiz von einer feindlichen Grossmacht unterwandert, angegriffen und besetzt wird. Das war in diesem Zusammenhang etwas völlig Neues. Dabei wurde trotz der fiktiven Erzählweise kein Zweifel gelassen, von welchen inneren Strömungen die fatale Gefahr für das eigene Land ausging: von Pazifisten, Intellektuellen, Linksparteien, Gewerkschaften, Atomgegnern oder Homosexuellen.

Die subversiven Tätigkeiten von «Adolf Wühler» und «Erich Quiblinger», welche die Schwächen der helvetischen Demokratie ausnützen, personifizierten die Kollaboration mit dem Feind. Dazwischen gestreut waren Passagen «aus dem Tagebuch einer Schweizerin», die im Gegensatz dazu beispielhaft für richtiges Verhalten, Bodenständigkeit und wehrhafte Gesinnung standen. «Die Rationierung wird auch ihr Gutes haben (...). Unser Volk wird sich wieder auf das Wesentliche besinnen lernen», war etwa im Tagebuch der «Schweizerin» zu lesen, die sich darüber aufregte, dass manche Kinder «bald alle Tage mit neuen Kleidern in die Schule» kommen.

Solche Zeilen sorgten in der Öffentlichkeit für einen Sturm der Entrüstung. «Mein Vater, ein tief liberaler Pfarrer, war entsetzt darüber, dass so viele Gesellschaftsgruppen unter Generalverdacht gestellt wurden», erinnert sich der damals 14-jährige Alt-Landrat Ruedi Brassel. «Und mein älterer Bruder hat sich jahrelang nur ‹Wühler› genannt.» Bald wurde «Zivilverteidigung» weitum als die «rote Schweizer Mao-Bibel» verspottet.

Riesenkrach im Schweizer Schriftstellerverband

Als spektakulärste Direktfolge kam es 1970 zum Eklat, zum Bruch innerhalb des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins (SSV). Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und andere bekannte Schweizer Autoren kritisierten die Mitarbeit von SSV-Präsident Maurice Zermatten an der französischen Ausgabe, traten demonstrativ aus dem Verband aus und gründeten 1971 die «Gruppe Olten». «Die Veröffentlichung von ‹Zivilverteidigung› hat letzten Endes dazu geführt, dass selbst in bürgerlichen Kreisen die Vorbehalte gegenüber der 68er-Bewegung abgebaut wurden», urteilt Brassel im Rückblick.

Auf der anderen Seite mussten die «Unheimlichen Patrioten» zum Schluss kommen, dass die Zersetzung des Schweizer Wehrwillens noch deutlich weiter fortgeschritten war als von ihnen befürchtet. Fichenaffäre und Geheimarmee P26 als Spätfolgen sowie Stoff für die Polit-Skandale der 1990er-Jahre lassen grüssen.

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