Uni Basel

Ängste und Depressionen: Immer mehr Studierende brauchen psychologische Betreuung

Nicht immer sind Studierende Zuhörer. Müssen sie vor ihren Kommilitonen einen Vortrag halten, kann dies zur Qual werden.

Nicht immer sind Studierende Zuhörer. Müssen sie vor ihren Kommilitonen einen Vortrag halten, kann dies zur Qual werden.

Immer mehr Studierende an der Uni Basel wenden sich an die psychologische Beratungsstelle. Sie leiden unter Unsicherheiten, Ängsten oder Depressionen.

Basler Studierende sind zunehmend auf Unterstützung angewiesen. Das zeigen die Zahlen der psychologischen Beratungsstelle der Uni Basel: Gemäss «Sonntagsblick» hat sich die Anzahl Studierender, die sich an die uniinterne Beratungsstelle wenden, von 109 im Jahr 2015 auf neu 174 Personen erhöht. Sie leiden an Unsicherheiten, Ängsten oder Depressionen.

Die Gründe für die Zunahme sind laut Markus Diem von der Studienberatung der Uni Basel vielschichtig. So erschwere es die Digitalisierung den Betroffenen, sich zu fokussieren. Gleichzeitig steige der Druck zur Selbstoptimierung.

Besonders Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften sind von gesundheitlichen Problemen betroffen, wie eine aktuelle Studie des Bundesamts für Statistik (BFS) belegt. Laut BFS liege dies unter anderem am hohen Frauenanteil in den betroffenen Fächern: Studentinnen bewerten ihren Gesundheitszustand schlechter als ihre männlichen Kollegen.

Das schlechte Abschneiden der Geisteswissenschaften könnte aber auch damit zusammenhängen, dass die betroffenen Studienfächer häufig nicht klar strukturiert sind. «In der Tendenz ist es so, dass es eher Probleme gibt, je weniger reglementiert der Studiengang ist und je weniger klar die Laufbahnen sind», so Diem. Er spricht von «Aufschieberitis»: «Die Studierenden müssen alleine schwimmen. Niemand sagt ihnen, dass sie zur Uni kommen oder wie viel sie lernen müssen.»

Gibt es bald ein Mittel gegen die Vortragsangst?

Dass auch die Präsenzzeit in den Kursen zur Belastung werden kann, zeigen die Zahlen, die Bernhard Fehlmann vorlegt. Er arbeitet momentan an einer Studie zur Reduktion von Vortragsangst, die an der Uni Basel durchgeführt wird. Viele Studierende fürchten sich vor den Vorträgen. Auch in der Gesamtbevölkerung sind laut Fehlmann rund 30 Prozent betroffen.

Häufig beginne die Angst schon früh: «Die Vortragsangst ist eine Angst, die in den meisten Fällen bereits in der Schulzeit entsteht und dann im Studium, in der Lehre und im späteren Berufsleben weiter existiert.» Sie äussere sich nicht nur bei Präsentationen, sondern auch in kleineren Runden: «Dies kann ein Vortrag sein, zeigt sich aber auch in anderen Situationen, zum Beispiel beim Halten einer Tischrede.

Fehlmann untersucht nun die Wirksamkeit eines Augenkontakt-Trainings in virtueller Realität. Die Studienteilnehmenden begeben sich dafür mittels VR-Brille in einen Raum und üben dort, mit den Blicken des Publikums umzugehen. «Das Ziel ist es zu lernen, diese Situation auszuhalten», so Fehlmann. «Am Ende kann man vor einer grossen Gruppe von Leuten stehen und verspürt kaum mehr Angst.»

Mehr als 100 Personen haben sich laut Fehlmann auf die Ausschreibung gemeldet. Die Teilnehmenden berichteten von starkem Unwohlsein, wenn sie vor anderen Leuten etwas vortragen sollen. Die Untersuchung dauere noch bis im Herbst, mit der Veröffentlichung der Resultate sei im nächsten Jahr zu rechnen. Fehlmann hofft, Studierende künftig unterstützen zu können: «Es wäre toll, etwas anbieten zu können, um diese Angst zu lindern.»

«Es ist akzeptierter, sich Hilfe zu suchen»

Ausserhalb der Uni scheint sich das Bedürfnis der Studierenden nach mehr Unterstützung indes nicht bemerkbar zu machen. Die Kriseninterventionsstelle (KIS) der Universitären Psychiatrischen Kliniken verzeichne keine Zunahme an Studierenden, schreibt Sprecherin Pascale Hofmeier auf Anfrage.

Dennoch: Rund drei Prozent der insgesamt 316 Personen, die dieses Jahr in der KIS in Therapie waren, sind Studierende. «Die KIS ist für die Bevölkerung und damit auch für die Studierenden eine wichtige Anlaufstelle», so Hofmeier. Das Angebot sei niederschwelliger als in anderen Einrichtungen. Doch genau jenem Angebot droht in der Stadt nun das Aus: Die KIS könnte aufgrund des Neubaus des Klinikums 2 aus dem Stadtgebiet verschwinden. Wie das «Regionaljournal» von SRF berichtete, kündigte das Unispital der KIS per Ende 2020 den Vertrag. Für SP-Grossrätin Sarah Wyss ein inakzeptabler Entscheid. Sie hat eine Motion eingereicht, um die Anlaufstelle auch künftig in der Stadt zu behalten.

Gut möglich, dass davon auch vermehrt Studierende profitieren würden. Die vermehrte Nachfrage nach psychologischer Unterstützung müsse denn auch nicht unbedingt ein negatives Zeichen sein, wie Hofmeier betont: «Erfreulicherweise ist bei allen Bevölkerungsgruppen die Schwelle gesunken und es ist gesellschaftlich akzeptierter, sich in einer Krisensituation Hilfe zu suchen.»

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