Theater Basel
Absurd: Grosses Theater für nur 15 Zuschauer

Das Basler Performance-Kollektiv Les Reines Prochaines entert die Bühne des Theater Basel. Leider durften an der Premiere des berauschenden Stücks nur 15 Personen anwesend sein.

Mathias Balzer
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Aeberli_Hunter_Volk_Foto_JudithSchlosser Eine Revue zu Ehren der arbeitslosen alten Tiere: Les Reines Prochaines spielen im Theater Basel.Bild: Judith Schlosser
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Alte Tiere Hochgestapelt_Foto_JudithSchlosser Eine Revue zu Ehren der arbeitslosen alten Tiere: Les Reines Prochaines spielen im Theater Basel.Bild: Judith Schlosser
Chris Regn_Foto_JudithSchlosser Eine Revue zu Ehren der arbeitslosen alten Tiere: Les Reines Prochaines spielen im Theater Basel.Bild: Judith Schlosser
Sus Zwick_Foto_JudithSchlosser Eine Revue zu Ehren der arbeitslosen alten Tiere: Les Reines Prochaines spielen im Theater Basel.Bild: Judith Schlosser
Zwick__Hunter_Aeberli_Madörin_Foto_JudithSchlosser Eine Revue zu Ehren der arbeitslosen alten Tiere: Les Reines Prochaines spielen im Theater Basel.Bild: Judith Schlosser

Aeberli_Hunter_Volk_Foto_JudithSchlosser Eine Revue zu Ehren der arbeitslosen alten Tiere: Les Reines Prochaines spielen im Theater Basel.Bild: Judith Schlosser

bz Basel

Es ist Premiere, aber das Theater leer. Ein beklemmendes Erlebnis. Das Theater Basel hat sich entschlossen, die bereits ­geprobten Stücke zur Urauf­führung zu bringen, trotz der Corona-bedingten Zuschauerbeschränkung auf 15 Personen. 1500 Interessierte haben sich für die ausgelosten Plätze beworben.

Das Theater macht sich ­damit fit für die Zeit nach dem Kultur-Lockdown. Und setzt ein Statement: Die absurde Situation im Zuschauerraum macht augenscheinlich, dass 15 Personen keine Option sind. Der Protest dagegen ist von den Basler Kulturinstitutionen in einer ­gemeinsamen Erklärung klar formuliert: Die Zuschauerzahl derart zu begrenzen, sei reine Symbolpolitik. Gefordert werden differenzierte Massnahmen für den Kultursektor.

Wieso nicht eine 25-Prozent-Regel?

Eine Möglichkeit wäre eine Beschränkung, die im Verhältnis zu den vorhandenen Plätzen steht. Bei 25 Prozent Auslastung wären das für die grosse Bühne in Basel immerhin 215 Besucher. Aber zurück zu der Handvoll, die am Donnerstag «Alte Tiere Hochgestapelt», die neuste Produktion des Basler Performance-Kollektivs Les Reines Prochaines, erleben durfte.
Vor gut zwei Jahren, zu ihrem 30. Geburtstag, haben die «Königinnen» um Muda Mathis, Fränzi Madörin, Sus Zwick und Michèle Fuchs mit alten Weg­gefährtinnen und jungen Künstlern in der Kaserne Basel die ­Geschichte der Arbeiterinnen durchforstet. Auf Einladung des Theater Basel hat
sich das Kollektiv nun den arbeitslosen, alten Tieren angenommen.

Entlang der «Bremer Stadtmusikanten» zelebrieren sie, unterstützt von Frauen des Theaterchors, eine Revue aus 13 Songs. Esel, Hund, Katze und Hahn werden im Märchen zur Wanderschaft gezwungen und finden letztendlich in einem Räuberhaus im Wald ein neues Zuhause. Auch Les Reines ­Prochaines sind mit ihren Künstlerfreundinnen und -freunden in ihrem Studio an der Amerbachstrasse in Basel immer noch unterwegs auf der Suche nach einer Lebensform, wo Kunst und Alltag, Bühne und Privates zusammenfinden.

Im Zentrum steht die Selbstermächtigung

Selbstermächtigung als Frau, als Lesbe, als Schwuler oder als Queer sind ihnen künstlerisches Credo, die Punkattitüde des Selbstgemachten ihr Stilmittel und das Altwerden ein ­gezwungenermassen neues Thema: Sind die meisten der Künstlerinnen doch bereits im Pensionsalter.

Nun entern sie die grosse Bühne und nutzen die Theatermittel lustvoll. Zwei mobile Bandbühnen, Revue-Treppen, Videoscreens und ein überbordend witziges Kostümfest sind der optische Rahmen. Die Performances und Installationen ­zitieren aus der Kunstgeschichte. Videoporträts erinnern an Bruce Naumann, ein Flügelrad an Rebecca Horn, der Skulpturenwald an Sylvie Fleury, das Breitleinwand-Schattenspiel an William Kentridge.

Die Künstlerinnen zitieren aber auch sich selbst. Fränzi Madörin erklärt einmal mehr umwerfend komisch ihr Kostüm. Muda Mathis und Sus Zwick performen mit einem Tabourettli und einer Regentonne Standbilder mit Titeln wie «Die unproblematische Dreierbeziehung».

Streckenweise ein ­Volkshochschulseminar

Das Märchen der Stadtmusikanten ist dem Ensemble Anlass, über die Fahrenden, den Wald als Kollektiv-Organismus, über alternative Lebensformen wie die anarchistischen Uhrmacherinnen im Jura oder die radikalen Tunten im Elsass zu dozieren. Was streckenweise einem rührigen Volkshochschulseminar gleicht.

Im Zentrum stehen jedoch die Songs. Auch da scheut das Kollektiv die grosse und komische Geste nicht. Alle erhalten ihren Auftritt, was bewusst auch stimmliche Unterschiede offenlegt. Aber um Professionalität in diesem Sinne geht es hier eben gerade nicht. Auch der fantastische Fummel und Glitter, die Hüte und Perücken sind an diesen Körpern nie bloss Parodie, sondern Ausdruck eines ernst gemeinten Coming-out.

In den Songtexten scheut das Ensemble nicht davor zurück, mit diskursivem Schlager in didaktischen Kitsch abzurutschen. Demgegenüber ist der Rocksong über den Kontroll­verlust durch Menopause und Hitzewallungen, vor einer blubbernden Lavalandschaft vorgetragen, grosses Kino.

Alte Tiere Hochgestapelt
Auskunft über nächste Spieltermine unter www.theaterbasel.ch.