Abstimmung
Basler Coiffeure und Service-Angestellte profitieren nicht vom Mindestlohn – nun geraten die Branchen unter Druck

Berufe mit einem allgemein verbindlichen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) sind vom Ausgang der Mindestlohn-Abstimmung nicht betroffen. Trotzdem befürchten Experten nun gewisse Nachteile.

Larissa Gassmann
Drucken
Teilen
Für Angestellte im Bereich Gastronomie gibt es auch weiterhin keinen Mindestlohn von 21 Franken.

Für Angestellte im Bereich Gastronomie gibt es auch weiterhin keinen Mindestlohn von 21 Franken.

Sandra Ardizzone

Als erster Deutschschweizer Kanton führt Basel-Stadt einen gesetzlichen Mindeststundenlohn ein. Doch: Statt 23 sollen es nun bloss 21 Franken sein. Mit 49,32 Prozent Ja-Stimmen wurde die ursprüngliche Initiative am vergangenen Abstimmungs-Sonntag abgelehnt. Zum Zug kommt dafür der Gegenvorschlag.

Dieser hat aber einen Haken – Branchen mit einem allgemein verbindlichen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) sind vom neuen Mindestlohn ausgenommen. Dazu gehört unter anderem das Coiffeur- oder das Gastgewerbe. Wie Wirtschaftsdirektor Kaspar Sutter (SP) Ende Mai im Grossen Rat darlegte, betragen die tiefsten Stundenlöhne unter Aufrechnung von Ferien und 13. Monatslohn dort 17.98 respektive 19.78 Franken. Durch diesen Lohnunterschied könnten nun selbst die nicht direkt betroffenen Branchen unter Zugzwang kommen.

«Bei GAV-Verhandlungen dürfte der Druck der Gewerkschaften auf die Lohnhöhe tendenziell zunehmen», bestätigt denn auch Gabriel Barell, Direktor des Gewerbeverbands Basel-Stadt. Betreffen dürfte dies laut ihm alle Branchen, in denen sich die Sozialpartner auf Löhne unter 21 Franken pro Stunde geeinigt haben. Die Folgen? «Gewerkschaften können eher gewillt sein, Verhandlungen scheitern zu lassen, damit der höhere gesetzliche Mindestlohn greift», so Barell.

«Wir dürfen nicht vergessen, dass Basel-Stadt ein Grenzgebiet ist»

Somit blicken längst nicht alle ohne Zweifel in die Zukunft. So etwa Katia Paone, Präsidentin der Sektion Basel-Stadt von Coiffure Suisse. Von der Abstimmung sei ihre Branche dank GAV nicht direkt betroffen: «Jedoch gehen wir davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis dieser überarbeitet werden muss.» Die Folgen seien voraussehbar und ähnlich wie bei allen anderen Berufe auch. Paone erwähnt etwa steigende Preise oder Kürzungen beim Personal. Dies hätte dann eine Kundenabwanderung zur Folge. Denn: «Wir dürfen nicht vergessen, dass Basel-Stadt ein Grenzgebiet ist», so Paone.

Von Anfang an gegen Initiative wie auch Gegenvorschlag engagierte sich auch Maurus Ebneter, Präsident des Wirteverbands Basel-Stadt. Er hätte gestern lieber zweimal ein «Nein» gesehen. Es sei aus seiner Sicht falsch, wenn der Staat Mindestlöhne festlege. Dadurch werde die Verhandlungsposition im Bereich der Gesamtarbeitsverträge geschwächt. «Eine Begegnung auf Augenhöhe ist nicht mehr so einfach möglich», sagt Ebneter.

Die abgeschwächte Variante sei nun «das kleinere Übel». Trotzdem spricht er von einem «schlechten Zeichen». So sei auch das Vertrauen in die Unia, welche eine «Doppelstrategie» verfolge, verloren gegangen. Nichtsdestotrotz ändere sich an den Arbeitsbedingungen in der Basler Gastro derzeit nichts. Dass durch den Gegenvorschlag der Druck entsteht, die Löhne anzuheben, verneint Ebneter.

Ein Scheitern der Verhandlungen hätte für beide Seiten negative Folgen

So wüssten laut Barell auch die Gewerkschaften, dass sich Mindestlöhne an der realen Wertschöpfung orientieren müssen: «Das zeigt die Zustimmung zu GAVs mit tieferen Löhnen wie in der Gastro-, der Reinigungs- oder der Bäcker-Branche.»

Und: Würden die Verhandlungen scheitern, wären alle anderen Leistungen ebenfalls hinfällig. Denn: In einem GAV werden nebst Lohn unter anderem auch die Ansprüche auf einen 13. Monatslohn oder eine fünfte Ferienwoche geregelt. «Wenn wichtige Elemente eines GAV staatlich bestimmt werden, sinkt der Anreiz, ausgewogene Gesamtpakete auszuhandeln. Und zwar auf Gewerkschafts- wie auch auf Arbeitgeberseite», so Barell.

Aktuelle Nachrichten