Tanz

Ablebens-Suite für Tanz und vier Klaviere

Tanzende mit unsichtbaren Fesseln.

Tanzende mit unsichtbaren Fesseln.

Boris Nikitin setzt seinen «Versuch über das Sterben» in der Multimedia-Installation «24 Bilder pro Sekunde» um.

Dieser Abend tut weh, er verstört. Wir sehen in einem mit Kulissen-Versatzstücken möblierten Raum in der Reithalle der Kaserne Basel sechs Tänzerinnen und Tänzer, die ihrer Bestimmung, eben des Tanzens, quasi beraubt sind. Sie kämpfen gegen die Erstarrung, die Erschöpfung, gegen das In-Sich-Zusammenfallen an. Doch unsichtbare Fesseln hindern sie daran, halten sie am Boden fest. Da können sie noch so oft die Kleider wechseln, es klappt nicht.

Nur eine Tänzerin, die mit den ganz kurzen Haaren, schafft es noch zu zeigen, was Tanz an fulminanten Bewegungsabläufen zu bieten hätte. Doch ihr Partner ist leblos. Es wird zum kurzen Pas de deux mit einem Leichnam oder – etwas weniger krass gedacht – mit einem Bewusstlosen. Kaum etwas geht mehr. Da nützen auch die Erholungspausen in der Rückzugsklause, die wie eine WC-Kabine wirkt (und dessen Interieur videoüberwacht ist), nichts.

Mit martialischer Kraft durch den Pop-Kanon

Dabei wäre die dralle Lebendigkeitsmaschine da. Die vier grandiosen Pianisten des Kukuruz- Quartetts im Hintergrund geben auf ihren präparierten Klavieren alles. Sie spielen sich im ersten Teil des rund 100-minütigen Abends behände und mit martialischer Kraft durch den Kanon der populären Musik – von der Schwanensee-Suite über Hits von Michael Jackson und den Beatles bis zum Donnerstakkato des Minimal-Music-Komponisten Julius Eastman.

Vielleicht sind das Erinnerungsstücke, welche die Nahtot-Betroffenen heimsuchen. Erklärungen bietet der Abend nicht. Er lässt die Zusehenden und Zuhörenden mit ihren Gedanken alleine. Und lässt sie mit ihren Wünschen im Stich. Wie sehr wünschte man sich im Publikum, dass die Tänzer im zweiten Teil des Abends noch einmal ein bisschen zum Leben erwachen würden. Dass eben diese eine Tänzerin noch einmal aus der Erschlaffung ausbricht, sich zumindest ein bisschen aufzubäumen vermag. Doch damit ist nichts. In minimalistischer Bewegung bleibt lediglich die Tänzerin mit dem Silberblick, die sich langsam auf einem Drehstuhl um die eigene Achse dreht.

Und wiederum ist die Deutungsfähigkeit des Publikums gefragt. Nikitins Vater, das hat man in seinem jetzt auch in Buchform erschienenen Monolog «Versuch über das Sterben» erfahren können, war an ASL erkrankt. «Er hatte eine Nervenkrankheit, bei welcher der menschliche Körper nach und nach die Fähigkeit verliert, sich zu bewegen», sagte Nikitin da.

Und nun setzt er dies in einen multimedialen Tanztheaterabend um. Der Verlust der Beweglichkeit kontrastiert mit der musikalischen Umsetzung der nach wie vor voll und ganz funktionierenden Sensorik. Das ist brutal, das tut weh und regt gerade durch die krass nicht erfüllten Erwartungen und Wünsche an ein Tanztheater zum Denken an.


«24 Bilder pro Sekunde». Kaserne Basel, 22. und 23. Februar. www.kaserne-basel.ch

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