Zehn Zylinder, freisaugend, ohne Turbolader. Ein einzigartiges Konzert, das man – ausser im Technikbruder, dem Lamborghini Hurracan – nur noch im Audi R8 erleben kann. Dem Mittelmotor-Sportler sein Dach zu rauben, ist daher die einzig logische Konsequenz. Denn ohne Dach erlebt man das Konzert der zehn Zylinder noch intensiver, noch unmittelbarer und noch grandioser. Die Anlagen des Coupés sind gut; perfekte Balance, scharfes Handling und ein bärenstarkes Triebwerk.

Daran ändert auch das Cabrio-Dach nichts – und genau darin liegt die grosse Herausforderung. Denn das Dach trägt beim Coupé einen grossen Teil zur Stabilität bei. Diese muss man bei der Offenvariante wieder zurückgewinnen, was aber natürlich aufs Gewicht drückt. 1720 Kilo bringt der R8 Spyder auf die Waage, das sind rund 50 kg mehr als das Coupé. Dies, da im Unterbau des Sportlers gezielte Verstärkungen angebaut wurden. Das Mehrgewicht merkt man dem Allradler aber auch auf kurvigen Strecken kaum an. Nach wie vor dreht sich der R8 herrlich direkt um seinen mittig verbauten Motor. Auch die in Cabrios oft spürbaren Verwindungen bleiben beim offenen R8 aus. Dabei helfen die beim Zweisitzer verhältnismässig kleine Dachöffnung und der stabile Unterbau aus Aluminium. Dass es den Spyder «nur» in der Einstiegsmotorisierung mit 540 PS gibt, 610 PS sind lediglich für das Coupé zu haben, ist gut zu verkraften. 0–100 km/h schafft der Offene in 3,6 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit läge bei 316 km/h; doch das ist Nebensache, hat man einmal eine leere Bergstrasse gefunden. Das begeisternd direkte Fahrverhalten mischt sich mit den Symphonien, die von den Felshängen zurückschallen. Dagegen kann auch das B&O-Soundsystem mit 13 Lautsprechern, sogar aus den Kopfstützen schallt es, nicht ankommen.

Trotz allem Fahrspasspotenzial: Der R8 Spyder kann auch anders. Mittels Knöpfchen am Lenkrad wechselt man in den Komfort-Modus, was das ganze Auto merklich entspannt. Die Stossdämpfer schalten auf weich, der Sportauspuff auf dezent. Lenkung und Getriebe werden zahmer.

Selbst der Luftzug hält sich bei offenem Verdeck auch bei Autobahntempo im Grenzen. Nebst dem aufsteckbaren Windschott sorgt dafür auch die kleine Heckscheibe. Sie lässt sich separat bedienen; kann also bei geöffnetem Verdeck hochgefahren oder bei geschlossenem Dach geöffnet werden, damit man auch bei Regen nicht auf den Klang aus dem Zehnerpack verzichten muss. Das Verdeck an sich wiegt 44 Kilogramm und lässt sich in rund 20 Sekunden öffnen und schliessen, auch während der Fahrt bis 50 km/h, damit man keinen Sonnenstrahl ungenutzt verpuffen lassen muss.

Spass vor Vernunft

Trotz gutem Langstreckenkomfort, Allradantrieb und immerhin 112 Liter Kofferraumvolumen unter der vorderen Haube bleibt der R8 Spyder natürlich ein reines Spassauto – und das hatte bei der Entwicklung klar Priorität. Das merken auch grossgewachsene Beifahrer, die sich etwas mehr Beinfreiheit wünschen würden. Die Trennwand zum Motor lässt nämlich etwas zu wenig Verstellbereich des Sitzes nach hinten zu. Aber das stört höchstens bis zum nächsten Ortsausgangsschild; dann macht der V10 ohnehin wieder alles andere vergessen. Auch den Preis; denn die 219 900 Franken, die Audi für den Spyder aufruft, ist er, auch mit Blick auf die Konkurrenz, durchaus wert, wenn man es sich denn leisten kann. Denn: 10 Zylinder, freisaugend ohne Turbo. Ein einzigartiges Konzert, das wohl aufgrund der immer strengeren Gesetze früher oder später verstummt.