Tesla Model3 im Test

Nummer 3 ist geliefert

Das sehnlichst erwartete Tesla Model3 ist in der Schweiz eingetroffen. Der Mittelklasse-Stromer im Alltagstest

Lange mussten sich die ersten Vorbesteller gedulden. Doch nun liefert Tesla auf Hochtouren. Im März schaffte es das Model3 sogar zum meistverkauften Auto der Schweiz: 1083 Stück wurden ausgeliefert, gut 200 mehr als vom üblichen Spitzenreiter, dem Škoda Octavia. Natürlich konnte Tesla auch davon profitieren, dass man über zwei Jahre hinweg Bestellungen sammeln und nun ausliefern konnte. Doch das Signal ist eindeutig: Das Model3 verleiht nicht nur Tesla Schwung, sondern auch der E-Mobilität insgesamt.
Für die zahlreichen Kunden, die das Model3 ohne Probefahrt vorbestellt hatten, kommt der Moment der Wahrheit: Hält das kompakte Modell, das gegen Audi A4, BMW 3er und Mercedes C-Klasse antreten soll, was man sich davon verspricht?
Das soll der Stromer nun im Test beweisen. Und zwar als Top-Variante «Dual Motor Performance». Das heisst: Allradantrieb dank je einem Motor vorn und hinten, rund 500 PS Leistung und einer Reichweite von 530 Kilometern laut Normmessung.
Die «Performance»-Version, die äusserlich an grösseren 20-Zoll-Rädern, roten Bremssätteln und einem kleinen Spoiler auf dem Kofferraumdeckel zu erkennen ist, will es aber nicht nur in Sachen Alltagstauglichkeit mit der etablierten Konkurrenz aufnehmen, sondern auch Fahrfreude bieten, die manch sportlich gesinnten Kontrahenten übertrumpft.


Schlüssel? Von gestern
In den ersten Minuten mit dem Model3 merkt man, dass bei diesem Auto fast alles anders ist, als man es sich gewohnt ist. Einen eigentlichen Schlüssel gibt es nicht. Stattdessen wird das Smartphone mit dem Auto verbunden. Wenn man damit in die Nähe kommt, wird das Auto entriegelt und ist fahrbereit. Sollte das mal nicht klappten, hält man im Portemonnaie einen Kreditkarten-grossen Chip bereit, mit dem sich das Auto entriegeln und starten lässt.
Der Innenraum ist einzigartig luftig und aufgeräumt: Es gibt nämlich fast keine Knöpfe; alles wird über den mittig platzierten 15-Zoll-Touchscreen, zwei Hebel an der Lenksäule und zwei Drehknöpfe am Lenkrad gesteuert. Fuss auf die Bremse, Automatik-Wählhebel auf «D», und los gehts.
Wie schon die grösseren Modelle S und X überzeugt auch der 3er mit seinem sehr geschmeidigen Antrieb. Er beschleunigt linear, verzögerungsfrei und vor allem kraftvoll, erst recht im Performance-Modell. Der Sprint auf 100 km/h wäre in 3,4 Sekunden möglich, genauso schnell wie ein aktueller Porsche 911 Carrera 4S. Was im Alltag aber noch mehr begeistert, ist die Leistungsentfaltung, beispielsweise beim Überholen oder beim Einspuren auf die Autobahn: Verzögerungsfrei schnellt der Wagen nach vorne und presst die Passagiere gehörig in die Sitze. Das bringt nicht nur Freude, sondern vor allem auch viel Sicherheitsreserven.
Besonders erfreulich: Das Model3 kann nicht nur auf gerader Strecke überzeugen. Die Batterie liegt zwischen den Rädern im Unterboden. Das ergibt eine ideale Gewichtsverteilung. In Kurven bietet der Sport-Stromer daher sehr viel Grip und neutrales Fahrverhalten. Der Allradantrieb kann die Kraft sehr präzis verteilen und fördert diese Neutralität weiter – es sei denn, man wechselt in den Modus «Track», der deutlich mehr Kraft an die Hinterräder sendet und den Kleinen noch agiler wirken lässt. Unterstrichen wird das Fahrspass-Potenzial durch das straff abgestimmte Fahrwerk, das dafür bei geringerem Tempo auf schlechten Strassen etwas trocken wirkt.


Sofort zu Hause
Auch wenn auf den ersten Blick alles anders ist, fühlt man sich im Model3 überraschend schnell zu Hause. Die Bedienung über den grossen Touchscreen gibt keine Rätsel auf. Auch der zur Mitte gerückte Tacho, der ebenfalls auf dem zentralen Monitor gezeigt wird, wird schnell zur Normalität und lenkt weit weniger vom Verkehr ab als befürchtet.
Kritik muss sich der jüngste Wurf von Tesla nur wenig gefallen lassen, denn auch die Verarbeitung und Materialanmutung im Innenraum ist absolut angemessen für diese Fahrzeugklasse. Hochwertiger dürfte das serienmässige LED-Licht sein. Das Abblendlicht wirkt etwas diffus; das Fernlicht ist dafür stark und hell. Adaptives Fernlicht oder ein Kurvenlicht gibt es bisher leider auch gegen Aufpreis nicht. Im Regen fällt zudem auf, dass die Scheibenwischer-Automatik nicht immer optimal funktioniert. Dafür funktioniert der «Autopilot» genannte Fahrassistent, der auf der Autobahn Lenkung und Geschwindigkeit kontrolliert, tadellos. Er hält die Spur sicher und geschmeidig – und wird per Software-Update stetig weiterverbessert.
Bleibt noch die Frage nach der Reichweite. Im Test, noch auf Winterreifen, pendelte sich der Verbrauch bei rund 17 kWh/100 km ein. Das ergibt eine Reichweite von rund 440 Kilometern. Auf Sommerreifen und mit etwas vorausschauender Fahrweise sollten also 500 Kilometer problemlos möglich sein. Mit 400 Kilometern darf man im Alltag auf jeden Fall rechnen. Mit inzwischen 18 «Supercharger»-Schnellladestationen in der Schweiz lässt sich das Model3 in rund 40 Minuten zu 80 Prozent aufladen. Zudem kann der Stromer an den immer zahlreicher werdenden Schnellladern mit CCS-Standard ähnlich schnell laden. Ein schlaues Gesamtpaket, auf das sich das Warten gelohnt hat.

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