Fahrberichte

Ein Stern geht auf

Derzeit kann der Polestar 2 noch vorreserviert werden, reguläre Bestellungen sind ab Oktober möglich. Erste Kundenautos sollen ab Ende November auf die Strasse rollen.

Derzeit kann der Polestar 2 noch vorreserviert werden, reguläre Bestellungen sind ab Oktober möglich. Erste Kundenautos sollen ab Ende November auf die Strasse rollen.

Erste Testfahrt im Polestar 2. Das schwedische E-Auto will das Model 3 von Tesla herausfordern – und ist dafür gut gerüstet.

«Wir wollten nicht machen, was alle anderen schon machen. Das wäre langweilig», sagt Thomas Ingenlath, CEO von Polestar. «Man nimmt die Batterie in Skateboard-Form als Basis, setzt die Passagiere obendrauf – und hat ein SUV.» Ein solches bringt Volvo mit dem XC40 Recharge auf den Markt. Nur schon deshalb ist es einleuchtend, dass die Tochtermarke Polestar nicht auf dasselbe Konzept setzt – zumal die technischen Grundbausteine bei beiden Autos dieselben sind. Vor allem aber will es Polestar mit dem ersten rein elektrischen Modell eines bisher fast konkurrenzlosen Autos aufnehmen: dem Tesla Model 3.

Was es dazu braucht? Hohe Reichweite, einfache Bedienung und unverkennbares Design. Letzteres wird bei Polestar ohnehin grossgeschrieben, schliesslich war CEO Ingenlath vor seinem Engagement bei Polestar als Designchef bei Volvo tätig. Und das sieht man dem «2» durchaus an – schon darum, weil sich der Wagen nicht in bekannte Kategorien einordnen lässt. Eine erhöhte Bodenfreiheit wie bei einem SUV trifft auf eine «Fastback»-Karosse, eine Kombination aus Limousine und Coupé mit einer grossen Heckklappe für einfacheres Beladen des Kofferraums.

Serienmässig sind nicht nur die Matrix-LED-Scheinwerfer mit auffälligem Tagfahrlicht verbaut, sondern auch das grossflächige Panorama-Glasdach. Es ist gut gegen Wärme isoliert, sorgt aber gleichzeitig für viel Licht und bessere Kopffreiheit im Innenraum. Per Rollo ganz verdunkeln lässt sich das Glasdach aber leider nicht. Ansonsten gibt es am modernen Innenraum aber nichts zu bemängeln. Trotz Akkus im Unterboden ist die Sitzposition im Auto angenehm tief, das Platzangebot vorne wie hinten auch für Grossgewachsene ausreichend. Die Verarbeitung wirkt tadellos und die verwendeten Materialien alles andere als billig. Serienmässig kommt der Polestar 2 übrigens mit einer komplett veganen Innenausstattung aus; wer Leder will, bezahlt Aufpreis. Extra kosten indes weiter nur noch die Anhängerkupplung (bis 1500 kg) und das Performance-Paket, das für 6000 Franken Farbakzente in Gold aussen und innen, eine verstärkte Bremsanlage und ein manuell verstellbares Sportfahrwerk bietet.

Immer mit dabei ist auch das Touchscreen-Infotainment-System. Es basiert nicht auf einer selbst entwickelten Software-Architektur, sondern läuft auf einem Android-Betriebssystem wie viele Tablets und Smartphones. «Es wäre dumm, wenn wir glauben würden, ein solches System besser machen zu können als die Leute, die Smartphones und Tablets programmieren», sagt Ingenlath.

Tatsächlich erinnert der Touchscreen im Polestar 2 viel mehr an einen Tabletcomputer als an ein Autobediensystem, was in diesem Fall durchaus als Kompliment durchgehen darf. Intuitiv findet man die richtigen Funktionen ohne grosse Umwege. Der Touchscreen reagiert zudem flüssig und ohne Verzögerung. Wie bei einem Tablet lassen sich auch im Polestar Apps herunterladen. So streamt man Musik beispielsweise direkt bei Spotify und navigiert direkt über Google Maps – inklusive verlässlicher Verkehrsinfos und mehrerer Routenvorschläge. Zudem werden über das umfangreiche Kartenmaterial auch Ladestationen gefunden.

Aus der Smartphone-Welt stammt damit natürlich auch die Sprachbedienung. Sie hört auf das Stichwort «Hey Google» und kann fast alle Funktionen für Navi, Musik, Klima und Telefon zuverlässig steuern.

Flüssig mit einem Pedal

Simpel will nicht nur die Bedienung sein, sondern natürlich auch das Fahren. Einen Startknopf sucht man deswegen vergebens. Der Schlüssel bleibt in der Hosentasche – einsteigen, Fuss auf die Bremse und den kleinen Wählhebel auf «D», schon rollt der Stromer los. Am Touchscreen lässt sich die Stärke der Rekuperation einstellen. Am besten fährt man auf der höchsten Stufe, weil man das Bremspedal damit praktisch nie braucht. Mit etwas Weitblick reicht die Verzögerung der «Motorbremse» locker aus, sodass man bei jedem Verzögern Energie zurück in den Akku holt. Die mechanische Bremse wird somit nur im Notfall gebraucht, fühlt sich aber, gerade mit dem optionalen Performance-Paket, angenehm straff und kräftig an.

Kräftig ist natürlich auch der Antrieb. 408 PS und 660 Nm Drehmoment stellen die beiden E-Motoren bereit. «Das Auto soll nicht nervös wirken, aber die Leistung ist da, wenn man sie braucht», erklärt Ingenlath. Dies wird über eine sehr konservative Abstimmung des Gaspedals erreicht. So wirkt der Polestar 2 gerade im städtischen Betrieb zahm und geschmeidig; erst wenn das Gaspedal stark durchgedrückt wird, beschleunigt der E-Wagen sportlich zügig – trotz überraschend hohem Leergewicht von mehr als 2,1 Tonnen. Das versteckt der Schwede auch in Kurven gut. Dabei ist der «2» kein giftiger Sportwagen, sondern eher für flüssiges, aber zügiges Kurvenfahren ausgelegt, was mit dem starken E-Antrieb durchaus für Fahrfreude sorgt.

Für Freude sorgt auch der Preis. 57900 Franken sind sehr fair, zumal die Ausstattung damit schon fast komplett ist – inklusive Allradantrieb und mehr als 400 km Reichweite.

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