Historisch

Wo Hitler hetzte, tanzen heute Senioren

Heute herrscht hier fröhliche Bierseligkeit.

Heute herrscht hier fröhliche Bierseligkeit.

Vor genau 100 Jahren gründete Adolf Hitler im Münchner Hofbräuhaus die NSDAP. Dort würde man das am liebsten vergessen.

Hofbräuhaus, München. Ein gewöhnlicher Mittwochnachmittag Mitte Februar. Die «Schwemme» im Erdgeschoss ist gut besucht, eine Blasmusik spielt lüpfige Klänge. Bierkrüge auf den Tischen, währschafte Mahlzeiten, Touristen aus aller Welt, an Stammtischen sitzen ältere Münchner beim Bier. Gesellig ist’s im berühmtesten Wirtshaus der Welt. Im oberen Stock bittet Chefwirt Wolfgang Sperger zum Gespräch. Er hat seinen Medienchef mitgebracht.

Am Abend des 24. Februar 1920, vor genau 100 Jahren, wurde im imposanten Festsaal des Hofbräuhauses die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ins Leben gerufen. Hitler und seine Gesinnungsgenossen veröffentlichten ihr 25-Punkte-Parteiprogramm, in dem sie unter anderem die «Aufhebung des Versailler Friedensvertrages» und der «Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft von Juden» forderten. 2000 begeisterte Anhänger sollen in bierseliger Atmosphäre dem späteren «Führer» zugejubelt haben.

Adolf Hitler spricht 1941 erneut im Hofbräuhaus.

Adolf Hitler spricht 1941 erneut im Hofbräuhaus.

Sperger trinkt einen Schluck Kaffee und sagt: «Es ist ein peinlicher Teil der Geschichte dieses Hauses. Aber damit müssen wir leben.» Nach einer Pause fügt er hinzu: «Was heute in diesem Haus passiert, ist das Gegenteil von dem, was die Nazis wollten. An unseren Tischen sitzen verschiedene Nationen beisammen, trinken Bier, tauschen Adressen aus, unterhalten sich. Das ist Völkerverständigung.»

Bierseligkeit und keine einzige Erinnerung an die dunkle Zeit

Den Festsaal, wie er damals ausgesehen hatte, gibt es heute nicht mehr. Im Zweiten Weltkrieg wurden 70 Prozent des Hofbräuhauses zerstört. Heute hat es im schmucken, fast exakt gleich nachgebauten Festsaal im Obergeschoss Platz für 700 Leute. An den dunklen Part der Geschichte des Saals erinnert nichts mehr. Keine Tafel ist angebracht, nichts. «Wir wissen von diesem Jahrestag», sagt der Medienchefin, «aber er spielt keine Rolle für uns.»

Dass die Nazis ausgerechnet in diesem Wirtshaus ihre erste Stunde feierten, kann dem Hofbräuhaus nicht als Makel ausgelegt werden. Die stellvertretende Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in München, Anke Hoffsten, sagt: «Die Bierkeller waren damals wichtige Orte der politischen Öffentlichkeit, nicht nur der Rechten. Auch andere Parteien wie die Sozialdemokraten nutzten die Brauhäuser für ihre Versammlungen und politische Agitation.»

Dennoch die Frage: Wie konnte ausgerechnet München zur Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung werden? Ist es die Besonderheit der bayerischen Metropole, wo noch heute – wie die «Zeit» bemerkt – eine Mischung aus «lokalpatriotischem Selbstbewusstsein, Weltherrschaftsanspruch und Bierseligkeit» zu spüren ist? Wo die «bayerische Neigung zu Gefühls- und Temperamentspolitik, zur Gaudi» herrscht? Die soll dem Kampfstil der NSDAP sehr entgegengekommen sein, wie der Historiker Heinz Gollwitzer 1955 in einem Aufsatz schrieb.

Anke Hoffsten sagt: «Die politische Situation in München zwischen den beiden Weltkriegen war ausserordentlich spannungsreich. Diese Konstellation bot den Nährboden für die rechtsextreme Bewegung, zu deren Führer Adolf Hitler wurde.» Im bürgerlich-konservativen München war die Revolution nach dem Ersten Weltkrieg durch die Ausrufung der sozialistischen Räterepublik im April 1919 «besonders links und besonders intensiv», so Hoffsten: «Die rechten Kräfte in München waren durch die linke Räterepublik besonders alarmiert, das Bürgertum sah sich bedroht, sodass es zu einer blutigen Niederschlagung der Räterepublik kommen konnte.»

1923 hätte Hitler eigentlich des Landes verwiesen werden sollen

Das politische Pendel habe nach der Niederschlagung der Räterepublik von «ganz links nach ganz rechts» ausgeschlagen. «Bürgerliche Eliten und Rechte aus dem gesamten Reich fühlten sich durch die Gegenbewegung in München angezogen. In dieser Atmosphäre konnte der begabte Rhetoriker Hitler Fuss fassen», erklärt Hoffsten.

Als der «Hitler-Putsch» drei Jahre nach der NSDAP-Gründung im November 1923 scheiterte, wurde Hitler vom Münchner Volksgericht wegen Hochverrats mit lediglich fünf Jahren Festungshaft sehr milde bestraft. «Die konservative bayerische Justizverwaltung sympathisierte mit der rechten Bewegung von Hitler», erklärt Hoffsten. Eigentlich hätte man den österreichischen Staatsbürger Hitler des Landes verweisen müssen. Stattdessen konnte Hitler den Gerichtssaal damals als politische Bühne benutzen.

Als Ort der Entstehung des Nationalsozialismus habe München eine besondere Verantwortung, an diese Geschichte zu erinnern. Die Stadt hat sich aber lange Zeit schwergetan, an die eigene Rolle im Zusammenhang mit der NS-Vergangenheit zu erinnern, sagt Anke Hoffsten. Das NS-Dokumentationszentrum wurde erst im April 2015 eröffnet, später als ähnliche Erinnerungsstätten in anderen Städten. Dennoch betont die Historikerin: «Die Tendenz zur Verdrängung der NS-Vergangenheit gab es bis weit in die 1980er-­ Jahre hinein im ganzen Land. Sie ist kein spezielles Münchner Phänomen.»

Parteien können Saal mieten – unter einer Voraussetzung

Auch im Hofbräuhaus von München spricht man lieber über glorreichere Anekdoten aus der langen Tradition des Hauses, dessen Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurück reicht. «Das Bayerische steht bei uns im Vordergrund, nicht das Nationalsozialistische», sagt der Medienchef Tobias Ranzinger. Heute findet im Festsaal oben einmal wöchentlich der Senioren-Tanz statt, an Weihnachten lädt das Wirtshaus die Obdachlosen der Stadt zum besinnlichen Abend in jenen Saal, der einst Bühne bot für Adolf Hitler und seine menschenverachtende Ideologie.

Chefwirt Wolfgang Sperger ist ein freundlicher Mann, der offen auf seine Gäste zugeht. Er ist eine Prominenz in München, gesellschaftlich hochgeschätzt. Politik möge in manchen Diskussionen an den Tischen eine Rolle spielen, sagt Sperger. Er selbst und sein Hofbräuhaus verhalten sich dabei aber «absolut neutral». Auch heute finden in seinem Haus Veranstaltungen statt. Er würde seine Bierstuben auch an Parteien vermieten, wenn diese anfragten: «Solange die sich auf dem Boden des Grundgesetzes befinden und demokratisch agieren.»

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