Wie ein kleiner Bub, der gerade beim Computerspielen einen Treffer gelandet hat, hüpft Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un vor Freude auf und ab. Vor zehn Tagen war das. Nordkorea war soeben der sechste Nukleartest gelungen. Umringt ist er von einer Gruppe älterer Herren, allesamt in dunklen Anzügen und mit Brillen. Sie blicken auf einen Bildschirm und klatschen.

Die Szene mit den Wissenschaftern wird in diesen Tagen im nordkoreanischen Staatsfernsehen laufend wiederholt. Anders als etwa vor einem Jahr hat Diktator Kim den diesjährigen Nationalfeiertag, den er am Samstag begangen hat, nicht wie befürchtet mit einem weiteren Raketentest gefeiert. Stattdessen widmete er den Tag den Technikern, welche die bisherigen Tests ermöglicht haben. Als «Glücksfall für die nationale Geschichte», bezeichnete Kim sie.

14 Raketen seit Jahresbeginn

Seit 2006 gibt es sie: die Resolution 1695. Als Reaktion auf einen von Nordkoreas ersten Raketentests. Sie verbietet jeglichen Handel von Waffen- und Raketentechnologien mit Nordkorea. Dennoch ist es dem Regime in den vergangenen Jahren gelungen, sechs Atombomben zu testen, zudem mehrere Dutzend Raketen, allein 14 seit Jahresbeginn.

Die Vereinten Nationen behaupten, dass sie die inzwischen «strikteste gezielte Sanktionspolitik» betreiben, die je gegen ein Land verhängt wurde. Der Weltsicherheitsrat hat sie bei seiner Sitzung am Montagabend in New York erneut verschärft. Zwar konnten sich die USA mit ihren Forderungen nach einem totalen Ölembargo nicht durchsetzen. China und Russland stemmten sich dagegen, weil sie eine humanitäre Katastrophe in dem völlig verarmten Land befürchten. Die Ölzufuhr nach Nordkorea wird aber deutlich gedrosselt. Technologien dürfen bereits seit einigen Jahren nicht mehr nach Nordkorea geliefert werden. Wie passt das zusammen? Wie ist es diesem weltweit derart isolierten Regime trotz der Fülle an Sanktionen gelungen, innerhalb eines Jahrzehnts ein eigenes Atomwaffenprogramm aufzubauen?

Erste Zweifel im Jahr 2002

Die Entwicklung einer eigenen Atomtechnologie dürfte für das nordkoreanische Regime das geringere Problem gewesen sein. Dies geschah sogar teilweise mit westlicher Hilfe. In der ersten Hälfte der 1990er-Jahre hatten sich die USA und Nordkorea auf den Verbleib Pjöngjangs im Atomwaffensperrvertrag geeinigt. Im Gegenzug würden die USA Nordkorea bei der Umrüstung seiner Kraftwerke zu Leichtwasserreaktoren helfen. Dazu ist es nie gekommen, die ersten Pläne aber waren ausgetauscht.

Im Oktober 2002 warfen die USA Nordkorea vor, an einem Atomwaffenprogramm zu arbeiten. Als die USA daraufhin ein Ölembargo verhängten, erklärte Nordkorea tatsächlich seinen Austritt. US-Vorwürfe, Pjöngjang würde schon in grossen Mengen atomwaffenfähiges Uran herstellen, erwiesen sich als überzogen, wie die USA später selbst einräumten. Der Bruch war aber vollzogen. 2005 gab Nordkorea offiziell bekannt, über einsetzbare Kernwaffen zu verfügen. Kurz zuvor hatte der Chefentwickler des pakistanischen Atomwaffenprogramms, Abdur Kadir Khan, zugegeben, entsprechende Pläne an Nordkoreas Führung verkauft zu haben. 2013 hat Nordkorea den Atomkomplex von Yongbyon mit seinem Fünf-Megawatt- Reaktor wieder in Betrieb genommen. Yongbyon gilt seitdem als Nordkoreas Hauptquelle bei der Herstellung waffenfähigen Plutoniums.

Die Krux ist die Rakete

Sehr viel schwieriger erweist sich für Nordkorea die Entwicklung von Raketen. Um die USA abzuschrecken, müssen sie nicht nur eine grosse Reichweite hinlegen, sondern auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Bei den ersten ballistischen Raketen, die noch Kim Jong Uns Vorgänger und Vater abschiessen liess, handelte es sich um Scud-Raketen aus sowjetischem Bestand.

Anfang Juli dieses Jahres vermeldete das nordkoreanische Staatsfernsehen jedoch den Test einer Interkontinentalrakete des Typs Hwasong-14 mit einer potenziellen Reichweite von bis zu 6700 Kilometern. Beim bislang letzten nordkoreanischen Test am 28. Juli verkündete Pjöngjang, die dabei verwendete Rakete könne mit einer theoretischen Reichweite von 10 000 Kilometern das «gesamte US-Festland» erreichen.

Wie Nordkorea an diese Technik gelangt ist, wird nun weltweit geprüft. Die USA hatten jahrelang China im Verdacht. Doch das ist nicht erwiesen. Eine Spur führt in die Ukraine. Anfang August berichtete die «New York Times» über mögliche Lieferungen von Triebwerken aus der ehemals sowjetischen Raketenfabrik in der ukrainischen Stadt Dnipro. Der Artikel nannte explizit den Staatskonzern Juschmasch. Doch der ukrainische Präsident, Petro Poroschenko, dementierte. Sein Sicherheitschef sprach gar von einer gezielten «antiukrainischen Kampagne», die von russischen Geheimdiensten lanciert sei, um von eigenen Verbrechen abzulenken.