Handelskonflikt

Wer unter Trumps angedrohten Zöllen leidet: Die Reportage aus Iowa

US-Präsident Donald Trump und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker haben sich bei ihrem Gespräch am Mittwoch in Washington über die Handelspolitik überraschend angenähert.

US-Präsident Donald Trump und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker haben sich bei ihrem Gespräch am Mittwoch in Washington über die Handelspolitik überraschend angenähert.

Donald Trump weitet den Handelskonflikt mit der EU vorerst nicht aus. Doch er findet Zölle nach wie vor «grossartig». Weil andere Länder nun im Gegenzug auch US-Produkte mit Zöllen belegen, leiden ausgerechnet Trumps treuste Wähler. Ein Besuch in Iowa.

Es geht hoch zu und her auf dem Messegelände von Dubuque, einer Kleinstadt im Nordosten von Iowa. Hier üben sich Rennfahrer in etwas unförmig aussehenden Tourenwagen auf dem «Speedway» im Rundendrehen – nachdem die unbefestigte Rennbahn zuvor von Traktoren präpariert worden war. Dort quietschen Kinder auf einer Achterbahn um die Wette, während ihre Eltern sich mit allerlei absonderlichen Leckereien verpflegen. Sommer in Iowa: Das ist auch und vor allem «Chilbi»-Zeit. Jeder der 99 Verwaltungsbezirke im 3,1 Millionen Einwohner zählenden Bundesstaat im Herzen der USA organisiert traditionell zwischen Juni und September eine «County Fair». Hinzu kommt die «State Fair» in der Hauptstadt Des Moines, die Menschen von nah und fern in ihren Bann zieht. 2017 kamen mehr als eine Million Besucher.


Doch dieses Jahr ist längst nicht allen Menschen im Nordosten von Iowa nach Feiern zumute. Eine Autostunde entfernt von Dubuque liegt Farmersburg – ein Dorf mit einigen hundert Bewohnern in einer sanften Hügellandschaft, die von Einheimischen «Little Switzerland» genannt wird. Hier treffen wir Suzanne Shirbroun, die seit 1991 zusammen mit ihrem Mann Joe, ihren Eltern und ein paar Angestellten einen Bauernhof betreibt, zu dem fast sechs Quadratkilometer Land gehören.


Das Gesicht der Krise

Weil die Shirbrouns auf diesem Land in erster Linie Sojabohnen und Mais anbauen, ist Suzanne sozusagen das Gesicht der Krise, von der die amerikanische Landwirtschaft derzeit durchgeschüttelt wird. Denn der Referenzpreis für den kommerziellen Handel mit den beiden Nutzpflanzen ist eingebrochen, nachdem Präsident Donald Trump in diesem Frühjahr Strafzölle gegen US-Handelspartner wie China oder die Europäische Union verhängte und diese ihrerseits Vergeltungsmassnahmen gegen amerikanische Importe beschlossen. So sank der Preis für ein «Bushel» Sojabohnen (dies entspricht etwa 27 Kilogramm) von 10.50 Dollar im März auf 8.11 Dollar in dieser Woche.

Dank der Ankündigung von Trump am Mittwoch, dass die EU künftig mehr Sojabohnen aus amerikanischer Produktion kaufen werde, stieg der Preis am Donnerstag auf gegen 9 Dollar. Die Gewinnschwelle für Soja-Bauern befindet sich ungefähr bei 9.50 Dollar. «Dies entspricht einem Minus von fast 20 Prozent», sagt Suzanne Shirbroun, während sie zusammen mit ihrem Gatten am Esstisch ihres Wohnhauses sitzt. Zwar versprach das Landwirtschaftsministerium in Washington diese Woche, mögliche Einnahmeausfälle mit einer Aufstockung der Subventionen um 12 Milliarden Dollar zu kompensieren. Shirbroun allerdings ist keine Anhängerin solcher staatlicher «Pflästerchen». Dies könne doch keine Lösung sein, sagt sie.


Fünf gute Jahre unter Obama

Farmersburg liegt im Verwaltungsbezirk Clayton County. Der Republikaner Trump gewann hier vor zwei Jahren 58 Prozent – nachdem der Demokrat Barack Obama vier Jahre zuvor noch eine knappe Stimmenmehrheit erzielt hatte. Die Botschaft des heutigen Präsidenten, dass er sich in Washington für den «vergessenen Mann und die vergessene Frau» einsetzen werde, stiess in der Umgebung von Farmersburg auf Anklang – auch wenn die Landwirtschaft in der zweiten Amtszeit von Präsident Obama florierte, wie Joe Shirbroun einräumt. «Die letzten fünf Jahre waren sehr gut für uns.»

Ein Grund für diesen Boom? Iowas Bauern zeigten sich im Erschliessen neuer Märkte erfinderisch. Unterstützt von einem republikanischen Gouverneur, der eine langjährige Affinität zu Chinas kommunistischer Staatsführung besitzt und nun als US-Botschafter in Peking tätig ist, wuchsen gerade die Soja-Exporte stark an. Etwa jede zehnte exportierte Soja-Bohne stammte im vorigen Jahr aus dem vergleichsweise kleinen Iowa. Suzanne und Joe Shirbroun sind deshalb energische Anhänger des Freihandels. «Wir haben ein ausgezeichnetes Produkt, das weltweit stark gefragt ist», sagt er. Und sie sagt: «Auf dieser Erfolgsgeschichte sollten wir aufbauen.»

Doch danach sieht es derzeit nicht aus – weil Trump einen Handelskrieg ausrief und Peking in der Folge beschloss, Soja-Importe aus den USA mit Strafzöllen zu belegen. Das war kein Zufall, sagt Suzanne Shirbroun. «Die Chinesen sind gute Geschäftsleute.» Peking habe mit den Vergeltungsmassnahmen bewusst Unterstützer des Präsidenten ins Visier genommen, um den Präsidenten unter Druck zu setzen.

Wütend über Trump ist sie deshalb nicht. Enttäuscht? Nein, sagt Joe. Es sei wichtig, dass Trump sich endlich daran mache, das Ungleichgewicht im Handel zwischen den USA und China zu beseitigen. «Dumm nur, dass es ausgerechnet uns getroffen hat», wirft seine Gattin ein. Wenig Verständnis haben die beiden allerdings für die Aussage des Präsidenten, dass die Bauern ein «wenig Geduld» haben müssten, weil sich der Handelsstreit zwischen Amerika und China, der sich an den chinesischen Billig-Importen entzündet hat, nicht von einem Tag auf den anderen lösen lasse. Er sei ein geduldiger Mensch, sagt Joe, und grundsätzlich ein Optimist. Aber viel länger als ein Jahr könnten er und Suzanne nicht Geduld üben – sonst drohe der finanzielle Ruin. Der Präsident, sagt er, müsse sich beeilen. «Die Uhr tickt.»

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