Herr Wyss, in der Ukraine herrscht Krieg, Russland trägt massgeblich dazu bei. Mit welchen Gefühlen reisten Sie zur Kanu-WM nach Moskau?

Die Nachrichten aus der Ukraine gehen nicht spurlos an mir vorbei. Doch ich bin Sportler und habe eine eigene Sicht auf solche Dinge.

Welche?

Die Politik hat auf das Verhältnis zwischen Sportlern keinen merkbaren Einfluss. Als ich letzten Februar in Italien im Trainingslager war, nahmen die Entwicklungen auf der Krim-Halbinsel ihren Höhepunkt. Wir Schweizer trainierten am selben Ort wie das russische und das ukrainische Nationalteam. Trainer wie Athleten beider Teams begrüssten sich jeden Tag freundschaftlich, zum Teil sogar mit Umarmungen. Dasselbe Bild beobachte ich auch hier in Moskau: Die ukrainischen und russischen Trainer teilen sich manchmal sogar dieselben Motorboote zur Begleitung ihrer Athleten.

Dann kam für Sie ein Boykott nie in Frage?

Nein. Wegen des freundschaftlichen Verhältnisses zwischen ukrainischen und russischen Sportlern sowie der fehlenden und unvollständigen Informationen aus den Kampfgebieten in der Ukraine, die ich als Bürger eines neutralen Staates erhalte, sehe ich keinen Grund dazu.

Bei den Olympischen Spielen in Sotschi hat man die Frage eines Boykotts diskutiert und im Zusammenhang mit der Fussball-WM 2018 in Russland werden kritische Stimmen immer lauter. Befürworten Sie diese Diskussion oder geht Sie Ihnen auf den Keks?

Ich finde es wichtig und richtig, dass solche Diskussionen geführt werden. Bei einem Boykott muss man jedoch bedenken, dass die Leidtragenden immer die Athleten sind. Einige von ihnen haben auf den Event eine Karriere lang hin trainiert, haben viel Geld investiert und sich hohe Ziele gesetzt.

Wie lange dauerte denn Ihre Vorbereitungszeit?

Ein volles Jahr. Nach der WM in Duisburg letzten August habe ich den Fokus auf die WM in Moskau gelegt. Mit Ausnahme von drei Wochen trainingsfreier Zeit im Herbst trainiere ich bis zu viermal täglich. Viel Zeit verbringe ich jeweils in Trainingslagern im In- und Ausland. Direkt vor der WM war ich im Trainingslager in Norditalien.

Dann wäre eine Absage eine riesige Enttäuschung?

Ja, denn ich habe etwa 1000 Stunden reine Trainingszeit investiert, um mich auf Höchstleistung zu trimmen. Diese interessiert aber niemand mehr, wenn ein Aufeinandertreffen mit der Konkurrenz ins Wasser fällt. Das würde auch psychisch nicht an mir vorbeiziehen: Zur Enttäuschung käme eine tiefe Leere. Kommt hinzu, dass ich mich sehr auf den Event gefreut habe. Diese Vorfreude braucht es auch, um überhaupt die Motivation zu finden, die es für Höchstleistungen braucht.

Was haben Sie sich denn zum Ziel genommen?

Ich hoffe auf einen 12. Platz. Eine Verletzung hat mich etwas zurück geworfen. Doch meine Formkurve zeigt nach oben.