Nigeria

Unter den Augen der «Gotteskrieger»: Wer wird der regionalen Supermacht die Richtung vorgeben?

Markt in einem Aussenbezirk von Abuja: «Afrikas grosser Bruder», wie Nigeria auch genannt wird, steht vor einer Richtungswahl. Ben Curtis/AP/Keystone

Markt in einem Aussenbezirk von Abuja: «Afrikas grosser Bruder», wie Nigeria auch genannt wird, steht vor einer Richtungswahl. Ben Curtis/AP/Keystone

Die Terrorsekte Boko Haram in Nigeria wütet weiter – bei der Präsidentschaftswahl am Samstag spielt Sicherheit eine zentrale Rolle.

Sie müssen draussen schlafen. Frauen, Kinder, ganze Familien. Wo sie den nächsten Schluck Wasser herbekommen, wissen sie nicht. Und auch um die medizinische Versorgung sieht es düster aus für jene 37 000 Nigerianer, die vor den Kämpfern der Terrorsekte Boko Haram ins benachbarte Kamerun geflohen waren. Am Samstag wählt Nigeria einen neuen Präsidenten. Während eine Rekordzahl von 84 Millionen Nigerianern ihre Stimmen abgibt, steht für die meisten Geflohenen fest: Sie bleiben im Nachbarland. In ihren Köpfen sind immer noch die Bilder von Leichen in den Strassen – und die Ungewissheit, wann das nächste Blutbad stattfindet.

«Afrikas grosser Bruder» wird Nigeria von manchem Beobachter genannt. Es ist der wirtschaftsstärkste und bevölkerungsreichste Staat im Kontinent. Jetzt geht es darum, wer in der regionalen Supermacht für die nächsten vier Jahre die Richtung vorgibt. Die Lage ist entsprechend angespannt, weiss Sampson Kwarkye, Politologe am Institut für Sicherheitsstudien (ISS). «In Nigeria sind Wahlen eine heikle und brutale Angelegenheit. Deshalb müssen wir auf einen friedlichen Übergang hoffen.» Obwohl kein Kandidat als «Unruhestifter» gesehen werden wolle, könnte ein knappes Ergebnis zu Gewalt führen. Bereits in der Vergangenheit kam es nach Urnengängen in der westafrikanischen Nation zu mehreren hundert Toten. Im aktuellen Wahlkampf beschuldigte die Regierung die oppositionelle Demokratische Volkspartei (PDP), Anarchie zu schüren. Die grösste Oppositionsbewegung wiederum unterstellte dem regierenden Progressiven Kongress (APC), den Wahlausgang manipulieren zu wollen.

Die Gerüchteküche brodelt

Ins Rennen gingen etliche Exoten, etwa eine Bloggerin, ein Ex-Zentralbankdirektor oder ein Menschenrechtsaktivist. Jedoch haben sie kaum eine Chance gegen Präsident Muhammadu Buhari und dessen Rivalen Atiku Abubakar. Der Amtsinhaber und der Oppositionsführer machen das Rennen unter sich aus. Buhari regiert seit vier Jahren und hofft nun auf eine zweite Amtszeit. Abubakar ist Geschäftsmann und konnte bereits Erfahrung als Vizepräsident (1999–2007) sammeln.

Auf den künftigen Staatschef wartet eine Reihe politischer Brände, der heisseste davon: die fragile Sicherheit in Teilen des Landes. Seit 2009 terrorisieren die Fundamentalisten der Boko Haram Nigeria. Die Sekte, deren Name «Westliche Bildung ist verboten» bedeutet, kämpft für die Einführung der Scharia. Im Nordosten kontrollieret sie weite Gebiete und hält die Bevölkerung als Geisel. Im vergangenen Monat griffen die Terroristen die Grenzstadt Rann an, brannten Häuser nieder, töteten mindestens 60 Menschen. Amnesty International sprach vom «tödlichsten Angriff bis dato» durch die selbst ernannten Gotteskrieger.

Buhari war 2015 durch einen Vertrauensvorschuss an die Macht gekommen. Er hatte den konfliktmüden Nigerianern versprochen, die Terrorsekte zu besiegen. Bisher war seine Mission nicht von Erfolg gezeichnet. In den vergangenen Wochen verschwand Buhari dann von der Bildfläche, flog für eine Behandlung nach London. In der Hauptstadt Abuja brodelte bald darauf die Gerüchteküche. Lebte der Staatschef noch? Verschwörungstheoretiker waren überzeugt, der Präsident sei durch einen Doppelgänger ersetzt worden. Laut Sicherheitsexperte Kwarkye brauche es mehr Engagement, um die Terroristen zu besiegen. «Für eine Lösung muss die neue Führung über den Tellerrand schauen.»

Volk leidet unter Konflikt

Eng verbunden mit dem blutigen Gottesglauben ist Armut. Knapp jeder vierte Nigerianer hat keinen Job. Die Wirtschaft ist gezeichnet von hoher Jugendarbeitslosigkeit und Not. Das spielt Oppositionskandidat Abubakar als Geschäftsmann in die Hände. Vor allem im vernachlässigten Norden, dem Geburtsort der Boko Haram, gilt es für den nächsten Präsidenten, Arbeitsplätze zu schaffen. Denn Experten sind sich einig: Ohne Entwicklung, Bildung und wirtschaftliche Chancen bleibt die Boko Haram für junge Nigerianer eine attraktive Alternative.

Entsprechend muss Nigerias nächster Präsident auch gegen Korruption vorgehen, laut Präsident Buhrai «die schwierigste Aufgabe». Bestechung und Vetternwirtschaft greifen im Schwellenstaat weiter um sich, vom Polizisten bis in die höchsten politischen Ämter. Auch Abubakar soll während seiner Zeit als Vize- präsident Millionen veruntreut haben – eine Anschuldigung, für die er sich in Nigeria bislang nicht vor Gericht verantworten musste.

Armut, Gewalt, Flucht – und jetzt auch politisches Tauziehen. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) erlebt seit Jahren die Konsequenzen dieser Mischung mit. Nach dem Angriff auf die Grenzstadt Rann unterstützt sie die Vertriebenen mit Wasser und medizinischer Hilfe. «Die Arbeit von MSF im Nordosten Nigerias wird durch die prekäre Sicherheitslage und die Tatsache, dass viele Regionen für MSF und andere Organisationen nicht zugänglich sind, massiv erschwert», sagt MSF-Sprecherin Louisa Bühler. Auch die humanitären Helfer würden immer wieder Opfer der Gewalt. Aber den wahren Preis des Konflikts trage das Volk.

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