Ausgerechnet am Jahrestag des verheerenden Erdbebens von 1985 bebte die Erde am Dienstag heftig. Die Zahl der Toten dürfte weiter steigen: Da in der Hauptstadt viele Gebäude eingestürzt sind, wird unter den Trümmern mit weiteren Opfern gerechnet.

Nach Angaben von Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong kamen mindestens 226 Menschen ums Leben. Der nationale Zivilschutzkoordinator sprach dagegen von 217 Toten im gesamten Land; darunter 86 in Mexiko-Stadt, 71 im Bundesstaat Morelos und 43 in Puebla. Rund weitere 700 Menschen sind verletzt, 400 davon schwer.

Angesichts der verzweifelten Rettungsmassnahmen forderte Präsident Enrique Peña Nieto die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben. Oberste Priorität habe nun die Suche nach Vermissten und die medizinische Versorgung der Verletzten.

«Mein Herz ist gebrochen»

Beim Einsturz einer Schule in Mexiko-Stadt kamen mindestens 32 Kinder und fünf Erwachsene um, wie der Fernsehsender "Televisa" unter Berufung auf Helfer berichtete. Die Leichen dieser Opfer seien alle geborgen worden. Elf Kinder seien lebend gerettet worden.

Vor der Schule warteten verzweifelte Eltern auf Nachricht von ihren vermissten Kindern, während Rettungsteams unter Scheinwerferlicht mit Bulldozern Schutt beiseite räumten, um den Suchmannschaften Zugänge zu schaffen. "Wir schätzen, dass noch 30 und 40 Menschen in den Trümmern gefangen sind. Wir hören Stimmen, einige sind noch am Leben", sagte ein Marine-Sprecher dem Fernsehsender "Televisa".

Ein Sprecher der Rettungskräfte sagte zu "Televisa", man sei in Kontakt mit einer verschütteten Lehrerin, die ein kleines Mädchen bei sich habe. Das Gebäude beherbergte Kindergarten, Primarschule und Gymnasium. Ein "Televisa"-Reporter, der die Rettungsaktionen aus nächster Nähe verfolgte und unter anderem die Bergung eines toten Mädchens erlebte, sagte: "Mein Herz ist gebrochen."

Das Video eines Instagram-Nutzers zeigt, wie stark das Beben eine Wohnung durchgeschüttelt hat:

Innert Sekunden stürzt ein Haus in sich zusammen:

Studenten und Lehrer fliehen ins Freie:

Alle packen an

Rund zwei Stunden vor dem heftigen Erdbeben hatten sich viele Behörden, Unternehmen und Schulen noch an der alljährigen Erdbebenübung beteiligt. Kurz darauf, um 13.14 Uhr, bebt die Erde.

Die Wolkenkratzer in Mexiko-Stadt schwankten hin und her, einige Gebäude stürzten ein, Fassadenteile fielen auf die Strassen. Wer konnte, rannte so schnell es ging nach draussen, weg von den Häusern. Über der Skyline hingen Rauchschwaden, Staub lag in der Luft.

Ausgerüstet mit improvisierten Atemmasken, Velohelmen, Spitzhacken und Schaufeln bildeten Hunderte Menschen in Mexiko-Stadt eine Menschenkette. Auch noch in der Nacht zu Mittwoch trugen sie zusammen den Bauschutt der Ruinen ab, um Opfer zu retten.

"Wir brauchen Wasser und Medikamente!", schrien einige Jugendliche. Im Licht von Taschenlampen und Scheinwerfern suchen sie zwischen den Steinen und Ziegeln der zusammengestürzten Gebäude nach möglichen Überlebenden. Viele der Freiwilligen waren Nachbarn oder Menschen, die an den betroffenen Orten vorbeikamen und sich entschlossen, den Rettungskräften und Sanitätern zu helfen.

Touristenviertel betroffen

In Mexiko-Stadt ist vor allem das Zentrum mit den touristischen Vierteln betroffen. Viele der beschädigten oder eingestürzten Gebäude wurden vor dem Erdbeben 1985 gebaut und entsprachen nicht den später eingeführten strengeren Baunormen.

Der Flughafen wurde geschlossen und auf Schäden untersucht. Beschädigte Spitäler wurden evakuiert. Nach Angaben des Elektrizitätsunternehmens CFE waren mindestens 3,8 Millionen Menschen ohne Strom.

Mehrere Nachbeben versetzen die Menschen zusätzlich in Angst. Betroffen war mehrmals die Küstenregion vor der Stadt Salina Cruz. Das schwerste Nachbeben hatte demnach die Stärke 4,9.

Erst am 7. September waren bei einem Beben der Stärke 8,2 rund 100 Menschen im Land umgekommen, dabei lag das Zentrum aber im Pazifik und war in Mexiko-Stadt längst nicht so stark zu spüren. Mexiko befindet sich in einer der weltweit aktivsten Erdbebenzonen.

Solidaritätsbekundungen

Aus der ganzen Welt richteten sich Solidaritätsbekundungen und Hilfsangebote an Mexiko. US-Präsident Donald Trump schrieb auf Twitter: "Gott schütze die Menschen in Mexiko-Stadt." Papst Franziskus sprach den Opfern sein Mitgefühl ausgesprochen. "In diesem Moment des Schmerzes will ich dem ganzen mexikanischen Volk meine Nähe ausdrücken", sagte er bei der Generalaudienz in Rom.

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach den Opfern ihr Beileid aus. Den Rettungsteams wünschte die Regierung Durchhaltevermögen. "Solidarität mit Mexiko", heisst es in dem auf Spanisch verfassten Tweet.

Die türkische Regierung bot Mexiko Hilfe an. Die Türkei sei bereit, Mexiko bei Bedarf "mit allen möglichen Mitteln Unterstützung zu bieten", teilte das Aussenministerium in Ankara mit. Auch die Türkei ist immer wieder von schweren Erdbeben betroffen.